(Nächtliche) Zeitwahrnehmung

"Wir haben verlernt, zu warten"

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Tutzing/München – Ja, ist denn schon wieder Weihnachten? Franz Beckenbauers legendärer Werbespruch ist mittlerweile zum Synonym für die Schnelllebigkeit geworden.

Je älter man wird, desto schneller scheint die Zeit an einem vorbeizufliegen. Ein Jahr jagt das andere. Doch man muss sich dieser Geschwindigkeit nicht ergeben. Der Psychologe Professor Marc Wittmann referierte im Rahmen der „Nachtung“ über das menschliche Zeitempfinden und erklärte, wieso der Mensch in der Nacht gefühlt Zeit gewinnen kann.

Zeit, erklärte Professor Wittmann, entstehe aus Körperwahrnehmung und Emotionen. Sie bilden unser Zeiterleben. „Wenn wir uns selbst spüren, eine starke Selbstwahrnehmung haben, dann verlangsamt sich die Zeit.“ Daher sei Yoga als Ausweg aus der „Alltagshetze“ sehr beliebt: Aufgrund der bewussten Körperwahrnehmung, verlangsamt man die Zeit. In der täglichen Routine entstehe dann das, was die Zeit rasen lässt. Die Selbstwahrnehmung ist schwach, wir befinden uns in einer Art „Autopilot“. In solchen Fällen frage man sich am Ende eines Tages: „Was habe ich heute gemacht?“, so der Psychologe. Je bewusster man sich also mit sich selbst beschäftigt, desto länger erscheint uns die Zeit. Daher langweile man sich auch so häufig in Wartezimmern, erklärte Professor Wittmann. Rückblickend wird sich jedoch kaum jemand an das Durchblättern der Zeitschriften erinnern. Professor Wittmann unterscheidet in diesem Zusammenhang zwischen prospektiver und retrospektiver Zeitperspektive. Prospektiv, also im entsprechenden Moment, erlebt man die Wartezeit als lang. Retrospektiv bietet der Termin beim Arzt keine neuen Erlebnisse, daher kommt einem die Zeit in der Erinnerung kurz vor. Anders verhalte es sich mit aufregenden Erfahrungen. Prospektiv vergehen sie sehr schnell, denn die Selbstwahrnehmung ist aufgrund der vielfältigen und meist neuen Eindrücken gering. In der Rückschau kommt einem die Zeit dann aber sehr lang vor. Der Eindruck, dass die Zeit mit zunehmendem Alter immer schneller vergehe, liege laut Professor Wittmann daran, dass mit zunehmendem Alter auch die neuen Eindrücke abnehmen. Entwicklungspsychologisch passiert in den sechs Jahren zwischen zwölf und 16 weit mehr als zwischen den Lebensjahren 42 und 46. Diese Veränderung sei nicht nachholbar, so Professor Wittmann. Doch mit immer neuen Erlebnissen, Meditation und Yoga könne man die Zeit verlangsamen. „Wir sind unsere eigenen inneren Uhren“, sagte der Psychologe.

Auch die Nacht bietet solch eine Möglichkeit. Sie sei der Gegenpol zum Tag: Weniger strukturiert und reguliert, im Gegensatz zum zukunftsorientierten Tag gegenwartsorientiert, keine Routine, so erlebe man die Nacht intensiver und weniger nüchtern. Daraus entstehe ein Ich- sowie ein Zeit-Gewinn. Die Zeit wird gedehnt und auch retrospektiv kann man auf eine vertiefte Erfahrung zurückschauen. Eine dauerhafte Lösung kann das Nachterleben dennoch nicht sein: Müdigkeit sorge für eine gestörte Wahrnehmung und helfe retrospektiv gesehen nicht weiter. Ein zusätzlicher Faktor, der die Zeit laut Professor Wittmann schneller vergehen lässt: „Wir haben verlernt, zu warten.“ cd

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