Zwischen Hoffen und Bangen in Pandemiezeiten

„Zum Optimismus verpflichtet“: Hechendorfer Klavierkabarettist Martin Schmitt wappnet sich für die Post-Corona-Phase

Martin Schmitt Hechendorf
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Klavierkabarettist Martin Schmitt vermisst die Arbeit auf der Bühne – und bleibt optimistisch, was die Zukunft seiner Branche betrifft.

Hechendorf - Klavierkabarettist Martin Schmitt füllt regelmäßig Säle und sorgt beim Publikum für gute Laune. Seit 34 Jahren steht er auf der Bühne – und ein Life-Publikum spornt den 52-Jährigen zu Höchstleistungen an, sagt er. Diese Interaktion mit den Zuschauern fand mit der Pandemie ein jähes Ende. Seither sind Einnahmen weggebrochen und er musste auf sein Erspartes zurückgreifen. Dennoch hält der Hechendorfer es mit dem Philosophen David Precht, der sich zum Optimismus verpflichtet sieht und Pessimismus als feige empfindet. In diesem Sinne möchte er nicht jammern, aber das Beklagen des plötzlichen Berufsverbotes sei erlaubt. Für die Nachwuchsbühnenkünstler, die in der Branche noch nicht etabliert sind, sei die Situation eine Katastrophe. Ihnen rät er, dran zu bleiben. Damit Kunst und Kultur weiterlebt, denn sie verschweiße die Menschen – in Zeiten einer sich spaltenden Gesellschaft sei das wichtiger denn je.

Kreisbote Starnberg: Wie viele Auftritte hatten Sie 2020 im Vergleich zum Vorjahr?
Martin Schmitt: Normalerweise trete ich 60- bis 70-mal auf, im vergangenen Jahr hatte ich 17 Termine. Ende Februar habe ich noch vor vollem Haus in der Münchner Philharmonie gespielt. Im März fuhr ich mit meinem Veranstalter nach Nürnberg und verfolgte im Radio Berichten über das neue Virus. Da wusste ich: Es wird schwierig. Kurz darauf trudelten die Absagen und Terminverschiebungen ein. Nur im Sommer war mein Terminkalender zwei Monate lang einigermaßen voll. Mein letztes Engagement war eine Hybrid-Veranstaltung in der Alten Brauerei mit 40 Zuschauern und qualitativ hochwertiger Live-Übertragung vom Studio Groundlift. Just an diesem Abend erteilte das Landratsamt die Maskenpflicht. Das war schon eigenartig: Statt 500 lachenden Zuschauern saß ich 40 Zuschauern hinter Masken gegenüber.
Kreisbote Starnberg: Stichwort digitale Veranstaltungen: Ist das in Ihren Augen die Zukunft?
Schmitt: Die digitale Veranstaltung hat in der Krise einen Boost bekommen. Mir wird diese Entwicklung aber zum Teil zu inflationär gehandhabt, was zwangsläufig dazu führt, dass das Produkt an Qualität verliert. Schnell ist ein Hype entstanden, als Künstler ihr Schaffen mit dem Handy filmten und in entsprechender Qualität ins Netz stellten. Damit verliert die Kunst an Wertigkeit. Ich persönlich spiele gerne für die Kamera, aber am schönsten ist beides, wie es etwa bei einer Fernsehproduktion vor Publikum der Fall ist.
Kreisbote Starnberg: Es klingt ein bisschen so, als ob Sie die Life-Auftritte vermissen.
Schmitt: Dieses Gesamtkunstwerk auf der Bühne vermisse ich sogar sehr. Ich bin ein Auftreter, und wenn die Scheinwerfer angehen, gehts bei mir los. Ich brauche diese Energie, die in der Interaktion mit dem Publikum fließt. Das gemeinschaftliche Erlebnis mit den Zuschauern spornt mich zu Höchstleistungen an und gibt mir Impulse für das nächste Programm. Als Unterhalter gehe ich schließlich raus, um Erlebnisse zu kreieren, die allein nicht möglich sind. Und es bereitet mir jedes Mal Freude, wenn ich sehe, wie die Menschen nach meinem Auftritt glücklich nach Hause gehen.
Kreisbote Starnberg: War dieses Jahr für Sie sowas wie eine kreative Pause?
Schmitt: Ich höre oft: Jetzt hast Du ja Zeit für Kreativität. Denn so inspirierend ist diese Krise nicht. Dabei hatte ich vor 2020 mit dem Gedanken gespielt, mir ein Sabbatjahr zu nehmen. Aber als mir von heute auf morgen ein Berufsverbot auferlegt worden ist, habe ich realisiert, wie sehr mir meine Arbeit fehlt. Im Übrigen wollte ich gerade mit meinem neuen Programm „Jetzt ist Blues mit Lustig“ auf Tour gehen. Und wie gesagt: Meine Kreativität lebt auch sehr vom gemeinschaftlichen Erlebnis mit dem Publikum. Dennoch ist mein Umgang mit der Krise auch ein Entwicklungsprozess, den ich langfristig in meine Songs verarbeiten werden.
Kreisbote Starnberg: Wie halten Sie sich finanziell über Wasser?
Schmitt: Die Politiker haben uns Hilfen versprochen. Daraufhin habe ich mit meinem Steuerberater einen möglichen Antrag für Unterstützung geprüft. Weil ich kaum Fixkosten habe, bekam ich nichts .Die anderen Hilfen gingen eher in Richtung Grundsicherung und etliche Kollegen konnten sich dann überlegen, ob sie Arbeitslosengeld II oder Hartz IV beantragen. Selbst wenn es immer wieder hieß, uns Künstlern werde geholfen, fallen gerade die, die es besonders notwendig haben, durch den Raster. Ich hatte Glück, weil ich auf Reserven zurückgreifen konnte und noch ein paar Auftritte wahrnehmen konnte. Allerdings stehen nicht alle Künstler so gut da und ich sehe politisch großen Nachholbedarf, denn gerade die noch nicht so bekannten Performer leiden unter den Folgen der Pandemie. Und für die Nachwuchskünstler ist die Krise eine Katastrophe.
Kreisbote Starnberg: Was würden Sie den jungen Musikern und Kabarettisten raten?
Schmitt: Bleibt dran, es wird wieder besser. Wichtig ist die Leidenschaft, denn nur wer Leidenschaft hat, hat einen langen Atem. Den brauchte ich in meiner Jugend auch, als ich die unmöglichsten Jobs angenommen habe. Es ist leider unvermeidlich, dass uns bei den Jungen einige vielversprechende Künstler und Soloselbständige in der Veranstaltungsbranche unwiederbringlich verloren gehen, weil sie in andere Branchen abwandern.
Kreisbote Starnberg: Wie empfinden Sie die Lage persönlich?
Schmitt: Wir Künstler haben keine Lobby, und das macht sich jetzt bemerkbar. Jammern möchte ich nicht, aber ich beklage die Situation. Dennoch versuche ich das Beste daraus zu machen, das bin ich schon meinen beiden Kindern schuldig. Grundsätzlich halte ich es mit dem Philosophen David Precht: „Ich sehe mich zum Optimismus verpflichtet, denn Pessimismus ist feige.“ Dabei helfen mir die Freude und die Kraft, die im Humor und in der Musik stecken. Und man darf nie vergessen: Es gibt immer Schicksale, die viel dramatischer sind.
Kreisbote Starnberg: Können Sie der Krise etwas Positives abgewinnen?
Schmitt: In mir ist eine euphorisierende Sehnsucht nach der Bühne deutlich vernehmbar. Und ich spüre eine Solidarität. Dazu gehört das Sternstunden-Lied „Auf bessere Zeiten“, bei dem ich mitwirken durfte und das unter der Leitung von Claudia Koreck mit vielen namhaften bayrischen Künstlern entstanden ist. Der Song hat immerhin eine nie dagewesene Spendensumme eingespielt.
Werfen wir einen Blick in die Glaskugel: Wie sehen Sie die Zukunft der Kunst?
Schmitt: Das Publikum könnte sich verjüngen, denn viele Veranstalter berichten von alten Abonnenten, die abspringen. Für mich wird es spannend zu sehen, ob das Defizit an Veranstaltungen dazu führt, dass die Menschen nach dem Ende der Krise die Vorstellungen fluten. Ich denke allerdings, dass es eine Weile dauern wird, bis die Leute wieder Vertrauen gefasst haben und als Life-Zuschauer zurückkehren. Es wird sich zeigen, wie viele die Durststrecke überstehen. Ich kenne einige Veranstalter, Licht- oder Tontechniker, die aufgegeben haben. Schwierig könnte es finanziell werden, denn in Deutschland wird immer zuerst an Kunst und Kultur gespart. Man vergisst, dass Kunst und Kultur die Menschen verschweißt – und das ist jetzt, in der sich die Gesellschaft zu spalten droht, wichtiger denn je.

Das Gespräch führte Michèle Kirner

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