"Anfangs war es sehr quälend"

Zwei Betroffene erzählen über ihre Erfahrungen über die Corona-Beschränkungen im Pflegebereich

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Angelika Wagner (links) erzählt Corinna Bürner von der Ilse Kubaschewski Stiftung in Starnberg, wie schwer die Zeit für sie war, in der sie, aufgrund der Corona-Einschränkungen, ihren dementen Ehemann nicht im Pflegeheim besuchen konnte.

Landkreis – Schritt für Schritt werden im Landkreis Starnberg die Corona-Beschränkungen gelockert. Seit Samstag, 9. Mai, ist auch der Besuch in Alten- und Pflegeheimen wieder erlaubt. Diese Nachricht freut nicht nur Angehörige von Heimbewohnern, sondern auch ehrenamtliche Helfer. Waltraud Pietsch und Angelika Wagner, zwei Betroffene der coronabedingten Einschränkungen erzählen, wie sie diese ungewöhnliche Zeit erlebt haben und was sie sich nun von den Lockerungen im Pflegebereich erhoffen.

Viele ehrenamtliche Helfer aus dem Landkreis, wie Pietsch, freuen sich, dass mit den Lockerungen wieder ein Stück Alltagsnormalität zurückkehrt. Vor dem Ausbruch der Corona-Pandemie betreute sie ein bis zwei Mal pro Woche ein älteres Ehepaar aus Feldafing. Seit den von der bayerischen Staatsregierung verhängten Ausgangssperren zur Eindämmung des Coronavirus, konnte sie die ehrenamtliche Pflege nicht mehr ausüben. „Zu Beginn habe ich natürlich Angst gehabt, jetzt würde ich aber gerne wieder helfen“, sagt Pietsch. Nach den angeordneten Lockerungen im Pflegebereich wünscht sich die ehrenamtliche Helferin von der Politik ein bisschen mehr Spielraum, was die private Betreuung von pflegebedürftigen Personen angeht. „Im Privaten ist die Betreuung Sache der Angehörigen. Es muss einfach mehr Raum für das Familienthema geben. Das einfach alle mehr Luft haben“, betont Pietsch. Zum Ehrenamt kam sie durch die Pflege ihrer Mutter. Sie stellte fest, dass es ihr gefällt anderen Hilfsbedürftigen im Landkreis bei der Bewältigung ihres Alltags ein Stück unter die Arme zu greifen. Über die Ilse Kubaschewski Stiftung in Starnberg erhielt sie Kontakte zu Pflegebedürftigen, besuchte Vorträge in Tutzing und betreute zeitweise bis zu vier Personen. Sie freue sich schon darauf das von ihr betreute Ehepaar aus Feldafing wieder zu sehen. „Ich gehe sehr gerne dorthin.“

Wenig Verständnis für die Reaktion seitens der Politik auf die Corona-Pandemie

„Dann auf einmal kam Corona. Das war für mich wie als ob jemand mich von meinem Mann mit einem Schwert trennt“, erzählt Angelika Wagner. Ihr Mann lebt in einem Pflegeheim für Demenzkranke in Wolfratshausen. Regelmäßig besucht die Starnbergerin die Treffen für Angehörige von Demenzkranken im Ilse Kubaschewski Haus in der Hanfelder Straße. Als sie von Corona-Infektionen in Alten- und Pflegeheimen in Bayern hörte, fürchtete Wagner, dass das Virus auch im Heim ausbrechen würde, wo ihr Mann untergebracht ist. Glücklicherweise blieb die Einrichtung vor Infektionen verschont. Wenig Verständnis hat Wagner allerdings für die Reaktion seitens der Politik auf die Corona-Pandemie. „Als ich gehört habe, dass die Pläne für solche Fälle schon seit sieben Jahren in der Schublade liegen, da habe ich schon an unserer Politik gezweifelt“. Schwer zu ertragen war für Wagner besonders die Anfangsphase der Corona-Beschränkungen, also jene Maßnahmen, die von Seiten der bayerischen Regierung erlassen wurden, um einen rasanten Anstieg der Infektionszahlen mit dem neuartigen Virus vorzubeugen. Die Nachricht, dass sie ihren Mann vorerst nicht mehr besuchen könne, erhielt die Starnbergerin von der Heimleitung per Telefon mitgeteilt. 

„Anfangs war es sehr quälend“, sagt Wagner. Schmerzvoll war vor allem der plötzliche Verlust der körperlichen Nähe. „Vor Corona habe ich meinen Mann alle zwei Tage im Heim besucht. Ich war manchmal sechs, sieben Stunden da und habe den ganzen Tagesablauf mit meinem Mann mitgelebt“. Die sich durch das Besuchsverbot ergebende freie Zeit konnte Wagner anfangs nur schwer ertragen. „Ich habe damit gar nichts anfangen können, weil ich das gar nicht gewohnt war“. Hilfreich waren die vielen Telefonate mit Freunden und Bekannten aus dem Helferkreis für Angehörige von Demenzerkrankten der Ilse Kubaschewski Stiftung. Wie mühsam die Unterbringung in einem Pflegeheim sein kann, weiß Wagner nur allzu gut. Von den ersten Anzeichen der Erkrankung ihres Mannes bis hin zur Vermittlung eines Heimplatzes vergehen oft quälend lange Jahre voller Strapatzen, Sorgen und innerfamiliärer Belastungen. Die frühzeitge Auseinandersetzung mit der Krankheit ist deshalb besonders wichtig. Betroffene und Angehörige von Demenzerkrankten sollten frühzeitg Vorkehrungen treffen, damit es im Nachhinein nicht zu Schwierigkeiten kommt, sagt Wagner. „Wenn man gar nichts geregelt hat, dann wird es schwierig. Manche dieser Demenzerkrankungen schreiten in einem Wahnsinnstempo voran. Da können sie gar nichts mehr händeln. Das ist ganz schlimm“.

Keine Planungssicherheit

Ein Ausnahmeereignis wie die Corona-Pandemie führt Angehörigen von Pflegebedürftigen wie auch ehrenamtlichen Helfern allerdings vor Augen, dass so etwas wie Planungssicherheit kaum exisitiert. Sofern die Corona-Beschränkungen wieder strikter werden, wird es auch für Pietsch schwerer ihre Schützlinge so zu betreuen, wie sie sich das eigentlich vorstellt. Sollte sich an der Situation nichts ändern, dann plant Pietsch schon mit der Übernahme eines anderen Ehrenamtes, auch wenn ihr das nicht leicht fallen würde. Untätig sein, kommt für die ehrenamtliche Helferin nämlich nicht in Frage. Neben Angehörigen und ehrenamtlich Tätigen überraschte der Ausbruch des Coronavirus auch die Träger von Alten- und Pflegeheimen. Beim Bayerischen Roten Kreuz in Starnberg habe man zu Beginn der Pandemie sich auf eine gravierende Situation mit unbekannten Folgen eingestellt. „Wir haben uns auf das Schlimmste vorbereitet“, sagt BRK-Kreisgeschäftsführer Jan Lang. 

Die BRK-Mitarbeiter seien ganz schön unter Druck geraten. Deshalb habe man schon vor den Beschlüssen der bayerischen Staatsregierung versucht die Lage einigermaßen in den Griff zu kriegen und die BRK-Alten- und Pflegeheime vorsorglich für Besucher geschlossen. „Das hat uns etwas Vorsprung gegeben“, so Lang. Unlängst hat Ministerpräsident Söder die auferlegten Besuchsbeschränkungen für Alten-und Pflegeheime gelockert. Er begründete die Aufhebung der Besuchsverbote mit den zunehmenden Strapatzen für Pflegebedürftige und deren Familien. „Isolation belastet Angehörige“ rechtfertigte Söder den Schritt hin zu einem Stück Normalität im Pflegesektor. 

Der BRK Kreisverband Starnberg hat für seine Einrichtungen in Gilching und Garatshausen nun ein Besucherkonzept entwickelt, welches aber an strenge Auflagen geknüpft ist. Da die bayerische Staatsregierung die einzelnen Trägerschaften dazu aufgefordert hat individuelle Besuchspläne zu entwickeln, sei es immer schwer das richtige Maß zu finden, sagt Marcus Wicke, Bereisleiter für den Bereich Senioren und Pflege im BRK Kreisverband. „Wir können uns die Verantwortung nur teilen“, betont Wicke. Er appelliert deshalb an die Angehörigen bei ihren Besuchen die vorgeschriebenen Abstandsregeln stets einzuhalten, um mögliche Infektionen in den Pflegeeinrichtungen zu vermeiden. Zudem enthält das Konzept eine strikte Reglementierung der Besuchszeiten. So dürfen in Gilching und Garatshausen nur Verwandte ersten Grades, z.B. Ehepartner, zu feststehenden Zeiten zu Besuch kommen. Jeder Besuch ist auf 30 Minuten beschränkt. Dieser darf auch nur einmal pro Tag erfolgen. Zudem müssen sich Angehörige mit Namen registrieren und auch unterschreiben, dass sie über die notwendigen Hygienevorschriften vom Pflegepersonal unterrichtet wurden. All dies diene im Falle eines Infektionsausbruches in den Heimen der besseren Nachverfolgung, erklärt Wicke.

Von Florian Ladurner

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