Adele Neuhauser gastiert mit ihrer Autobiografie "Ich war mein größter Feind" im Stadttheater

"Die beste Zeit meines Lebens"

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Adele Neuhauser bei der anschließenden Autogrammstunde im Stadttheater.

Weilheim – Die meisten kennen sie bereits aus der Rolle der „Bibi Fellner“ an der Seite von „Moritz Eisner“ im Wiener Tatort: Schauspielerin Adele Neuhauser. Auch auf der Bühne des Weilheimer Stadttheaters stand sie schon des Öfteren. Vergangenen Sonntag besuchte die Wienerin die Kreisstadt wieder, diesmal nicht als Schauspielerin, sondern einfach als Adele mit ihrer Autobiografie „Ich war mein größter Feind“.

Mit der Vorlesung ihrer Autobiografie, die bereits auf Platz eins der Bestsellerliste in Wien rangiert, feierte sie in Weilheim Premiere. Die 60 bis 70 Exemplare des Buches waren im Stadttheater bis zum Schluss allesamt ausverkauft. Zu Beginn der Veranstaltung verkündete Ragnhild Thieler, erste Vorsitzende der Freunde des Weilheimer Theaters e. V., welcher die Schauspielerin eingeladen hatte: „Sie hat sofort zugesagt nach Weilheim zu kommen, als ich sie angerufen habe“. Gegen 18 Uhr betrat Neuhauser die Bühne, mit viel Applaus wurde sie in Empfang genommen. „Ich bin wahnsinnig glücklich in Weilheim zu sein“, sagte die Künstlerin, „jedes Mal wenn ich komme, komme ich mit weniger, jetzt bin nur alleine mit meinem Buch hier“, scherzte sie. Die Autobiografie, welche ihrer Mutter, ihrem Vater, ihrem Sohn Julian und ihrem Bruder Alexander gewidmet ist, wollte sie anfangs gar nicht schreiben. Nach mehreren Anfragen von verschiedenen Verlagen entschied sie sich aber doch dafür, ein Buch über ihr Leben zu verfassen. Dies war „meistens recht schmerzlich jedoch hilfreich“ für die Schauspielerin. Durch das bewusste Aufschreiben habe sie viele Dinge überwunden, dadurch habe sie erst bemerkt, was alles mit ihr passiert sei. Das Schreiben ermöglichte ihr eine Art „Trauerarbeit“.

Neuhauser erlitt in ihrem Leben bereits viele harte Schicksalsschläge. Ihr Vater war der „erste Tote, den ich gesehen habe.“ „Als Schauspielerin denkt man, dass man vielleicht besser auf den Tot vorbereitet ist, in Wirklichkeit ist es aber etwas ganz anderes, den toten Vater zu sehen“, erzählte sie. Im Jahr 2016, mit nur einem Monat Abstand, verstarben ihre Mutter und ihr Bruder. Dies war ein völlig unerwarteter Schlag für die heute 58-Jährige. Sie musste versuchen, die Trauer zuzulassen.

Das Thema Tot und die Frage, was es heißt wirklich zu leben, beschäftigte die Schauspielerin bereits in ihrer Kinder- und Jugendzeit. Zwischen ihrem zehnten und ihrem 21. Lebensjahr hatte sie schon sechs Selbstmordversuche hinter sich. Grund war vor allem ihr „Selbsthass“ und der „Ausdruck der Todesverachtung“, so Neuhauser. Sie wollte nach außen zeigen, wie stark und hart sie sein kann. In Wirklichkeit war dies nur der Ausdruck von Schwäche und Angst. Im Alter von 21 Jahren fasste sie den Beschluss, „der Lebenslust zu folgen“, ja zum Leben zu sagen, aufzustehen und weiter zugehen.

Eine wichtige und prägende Zeit war für die Schauspielerin ihre Kindheit. In Griechenland, gemeinsam mit zwei älteren Brüdern aufgewachsen, zog sie mit ihrem griechischen Vater und ihrer österreichischen Mutter Anfang der 1960er Jahre nach Wien. Im Gegensatz zum sonnendurchfluteten Griechenland wirkte das kältere Wien grau und trist auf die damals Vierjährige. Ebenso belebend wie prägend waren die ausgiebigen Waldspaziergänge mit den „naturverbundenen“ und „geerdeten“ Großeltern, von denen sie viel mitnahm. Ihre Großmutter war die einzige, welche ihren Wunsch, Schauspielerin zu werden, ernst nahm, als sie diesen im Alter von sechs Jahren zum ersten Mal äußerte. Der Spiegel war ihr hierbei ein gutes Hilfsmittel, um in verschiedene Rollen zu schlüpfen und diese vor sich selbst zu spielen. In diesen Momenten war die junge Adele „befreit vom Gefühl des Selbstzweifels und von der Realität.“ Sie wollte „unbedingt Schauspielerin werden“, dafür fälschte sie sogar die Unterschrift ihres Vaters, durch die sie sich von der Schule abmeldete. An der Wiener Schauspielschule Kraus absolvierte sie ab 1976 eine zweijährige Ausbildung. Einige Jahre später wurde sie am Stadttheater Münster fest engagiert, ebenso ihr Schauspielkollege Zoltan Paul. Die beiden wurden ein Paar, bekamen einen Sohn zusammen und heirateten. Nach 25 Jahren Ehe gingen die beiden jedoch getrennte Wege. Mit der Rolle der „Bibi Fellner“ im Wiener Tatort erlangte Neuhauser dann eine vorher nie da gewesene Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit. Für sie ein Zeichen dafür, dass ihre Arbeit beachtet und geschätzt wird.

Ein Leben voller Höhen und Tiefen, trotzdem bedauere Neuhauser nichts: „Wäre mein Weg nicht so komisch gewesen, wäre ich nicht da, wo ich heute bin“. Zum Ende der Vorlesung blickte sie optimistisch in die Zukunft: „Das lebendige Aufschreiben der Erinnerungen veränderte mich zum besseren, gerade der Tod, der mich herausgefordert hat“. Dem Publikum sprach sie Mut zu: „Da kommt noch so viel mehr, was gelebt werden will. Man muss offensichtlich schmerzliche Dinge erleben, damit man merkt, wo man im Leben angekommen ist. So traurig die vergangene Zeit auch war, jetzt ist die beste Zeit meines Lebens“. Mit diesen Worten beendete sie ihren Auftritt. Der Applaus hielt lange an.

Von Maria Lindner

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