Wenn es kaum noch ohne geht

Alkoholkrankheit: Interview mit einer Betroffenen

Beim Händehalten
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Mit der Unterstützung ihrer Familie und Freunde hat sie es geschafft bisher ein Jahr lang trocken zu bleiben.
  • Mihriban Dincel
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Murnau – Es beginnt meist schleichend. Nur allmählich erhöht sich der Konsum und anschließend ist man bereits so weit darin gefangen, dass ein Ausbruch allein kaum noch möglich ist. Regina Müller (Name von der Redaktion geändert) hat genau das erlebt. Sie ist alkoholkrank, doch hat sie es mit der Unterstützung ihrer Familie und Freunde sowie durch Beratungen und Therapien aus der Sucht geschafft. In einem Interview mit der Kreisboten Volontärin Mihriban Dincel hat sie über ihre Erfahrungen mit dieser Krankheit gesprochen.

Wie wurde die Sucht bei Ihnen ausgelöst?

Müller: „Jeder trinkt einmal, aber wenn man trinkt, um zu vergessen oder zu schlafen, dann ist es eine Sucht. Oft sind es traurige Umstände, wie auch bei mir, die einen nachts nicht schlafen lassen. Dann trinkt man abends mal ein Glas, damit es besser wird und damit fing es an. Irgendwann werden aus einem zwei Gläser und später wirkt es nicht mehr. Zum Schluss geht man zu den stärkeren Getränken über. Dabei geht es nicht um den Genuss, sondern um die Wirkung. Mir hat Alkohol noch nie geschmeckt, aber darum ging es letztlich nicht.“

Können Sie beschreiben, wie sich dieser Drang angefühlt hat?

Müller: „Eigentlich möchte man es nicht, aber der Körper sagt ‚Nimm‘ und dein Verstand sagt ‚Nein‘. Doch die Abhängigkeit ist schon so groß, dass dieses ‚Nein‘ nicht mehr geht. Nach dem Trinken vergisst man vieles. Man kann sich nicht an Telefonate oder Gespräche erinnern. Dann setzt dazu noch das schlechte Gewissen ein. Auch ein schlechtes Gewissen sich selbst gegenüber, dass man es nicht mehr ohne schafft. Außerdem hat man immer diesen Gedanken ‚Wie viel Alkohol muss ich kaufen, dass es reicht?‘. Niemand wusste, dass ich trinke. Ich hab es heimlich getan und dieses Versteckspiel war ebenfalls belastend.“

Ab welchem Punkt haben Sie gemerkt, dass Sie Hilfe brauchen?

Müller: „Ich habe schon lange, bevor ich Hilfe bekommen habe, gemerkt, dass ich sie brauche. Aber man redet sich ein, dass man es allein schafft. Keiner will sich so etwas eingestehen. Dass ich professionelle Hilfe brauche, habe ich leider sehr spät erkannt. Zu der Zeit hat mein Körper schon rebelliert. Es musste sich also erst etwas Schlimmes ereignen, bis mir bewusst wurde, wie weit die Sucht schon vorangeschritten war. Ich musste ins Krankenhaus gebracht werden. Das war der ausschlaggebende Punkt.“

Haben Sie andere Betroffene kennengelernt?

Müller: „Ich war später in einer Klinik. Dort habe ich auch andere getroffen. Dort wird einem deutlich, dass man nicht alleine ist mit dieser Krankheit und entdeckt auch Ähnlichkeiten, die dazu geführt haben. Häufig sind es dieselben Probleme, die einen zum Suchtkranken machen. Außerdem ist in diesem Umfeld eine Ehrlichkeit da, die sonst so nicht zu spüren ist. Ein nicht Suchtkranker kann das nicht ganz nachvollziehen. Mit Gleichgesinnten hat man nicht mehr das Gefühl, sich verstecken zu müssen.“

Hatten Sie Unterstützung?

Müller: „Meine Familie und Freunde haben mich unterstützt. Zunächst waren sie traurig, dass sie es nicht bemerkt hatten. Deswegen hatte ich ein schlechtes Gewissen. Besonders meine Familie hat mir geholfen. Sie haben mir verdeutlicht, dass ich mal an mich denken müsste und nicht immer nur an andere. Ich weiß nicht, was gewesen wäre, wenn meine Kinder mich nicht dazu gebracht hätten, mich zu öffnen. Jetzt bin ich seit einem Jahr trocken.“

Warum haben Sie sich dazu entschieden, es einigen in Ihrer Umgebung nicht zu erzählen?

Müller: „Da gehört ein großes Stück Scham dazu. Nur Bekannte, zu denen ich keinen näheren Kontakt habe, wissen nichts darüber. Aber meine engeren Freunde und Familie wissen Bescheid. Sie achten auch darauf, sei es beim Kochen oder bei anderen Dingen. Die Gesellschaft hat aber teilweise auch kein Verständnis für diese Situation. Das Thema wird häufig tabuisiert, vor allem weil dieses Vorurteil ‚Frauen saufen nicht‘ herrscht. Diese ganze Thematik wird bei Frauen anders beurteilt als bei Männern. Das macht es für viele noch schwieriger, sich zu öffnen.“

Wie läuft so eine Beratung beziehungsweise Hilfe ab?

Müller: „Ich war zunächst im Krankenhaus auf Entzug und bin anschließend gleich zu Condrobs gegangen. Dort wurde mir vorgeschlagen, erst einmal in eine Suchtklinik zu gehen und anschließend circa ein Jahr lang an einer Suchtberatung und an Treffen teilzunehmen. In der Klinik war ich sechs Wochen. Es hatte positive Auswirkungen, weil man dort keinem etwas vormachen musste. Dort wird einem gezeigt, wie ein Rückfall vermieden werden kann. Beispielsweise durch das Ausleben eines Hobbys oder Meditation. Man lernt sich selbst zu mögen, denn die meisten Suchtkranken haben häufig kein Selbstwertgefühl mehr. Es finden Gruppentherapien statt, aber auch Einzelgespräche und es gibt ein Tagesprogramm. Ich selbst meditiere immer noch und male. Ich versuche mich einfach an Dingen, die ich immer machen wollte, aber nie konnte. Condrobs hat mir wirklich weitergeholfen. Sie bieten Unterstützung bei der Wahl der Klinik und helfen auch beim Papierkram. Außerdem begegnen sie einem ohne Vorurteile. Man wird einfach nur als erkrankter Mensch gesehen, dem geholfen werden muss.“

Wie sehen Sie den Umgang der Gesellschaft mit Alkohol?

Müller: „Manchmal ist es schwer, das Trinken abzuwenden. Im gesellschaftlichen Rahmen wird man fast gezwungen. Aber man muss lernen konsequent ‚Nein‘ zu sagen. Wenn ich vehement dazu stehe, wird es letztlich auch akzeptiert. Aber es wird die Thematik Alkohol auch in den Medien immer präsenter. Es wird regelrecht bagatellisiert. Das Ganze beginnt schon im Kindesalter. Da ist dann mal in einem Gericht etwas Alkohol enthalten, aber man sagt sich, das wird dem Kind schon nicht schaden.“

Was möchten sie anderen Betroffenen mit auf den Weg geben?

Müller: „Sie sollen rechtzeitig erkennen, dass sie ein Suchtproblem haben und sich öffnen. Sie sollen mit Menschen sprechen oder zu einer Anlaufstelle gehen. Man sollte nicht darauf warten, dass etwas Schlimmes passiert.“

Welche Ziele haben Sie sich für die Zukunft gesetzt?

Müller: „Mein größtes Ziel ist es, ohne Alkohol zu leben. Ich will trocken bleiben und mein Leben sinnvoll gestalten, um bewusst zu leben. Denn jetzt erst lerne ich mich selbst kennen.“

Im Rahmen dieses Interviews fand auch ein Gespräch mit Alfons Wagner, Dipl. Sozialpädagoge, Berater und Suchttherapeut bei Condrobs Murnau statt. Er konnte genauere Informationen zur Beratung und Behandlung geben.“

Wie erreichen Sie die Menschen, um zu helfen?

Wagner: „Betroffene kommen häufig selbst auf uns zu. Manchmal geschieht das über Mund zu Mund Propaganda, über Freunde und die Familie, eine Onlinesuche oder beispielsweise den Kreisboten.“

Wie ist das Vorgehen bei diesen Beratungen?

Wagner: „Wir nehmen uns circa eine Stunde Zeit für ein Erstgespräch. Darin lernt man den erkrankten Menschen (oder dessen Angehörigen) zunächst kennen. Die Situation wird geschildert und anschließend sieht man sich gemeinsam die Hilfsmöglichkeiten an. Es wird beurteilt, ob vielleicht noch andere, wie beispielsweise ein Hausarzt hinzugezogen werden sollten. Betroffene sollen einfach das Gefühl haben, gehört zu werden. Danach berät man sich, wie es weitergehen soll. Manche wollen das Ganze therapeutisch angehen, um sich mit dem eigenen Leben genauer zu beschäftigen. In diesem Fall bieten wir unsere Unterstützung an und helfen bei der Wahl einer Einrichtung und beim bürokratischen Teil. Auch eine ambulante Therapie bei Condrobs ist möglich.“

Wie lange begleiten Sie die Betroffenen in der Regel?

Wagner: „Das ist sehr unterschiedlich. Bei manchen reicht bereits ein Gespräch, andere begleiten wir über Jahre. Wir bieten auch betreutes Einzelwohnen für Menschen, die Hilfe im Alltag benötigen. Das dauert natürlich länger.“

Würden Sie sagen, diese Begleitung ist erfolgreich?

Wagner: „Erfolg wird sehr unterschiedlich definiert. Bei manchen ist das Ziel nicht das Aufhören, sondern Reduzieren. Erfolg bedeutet oft Zufriedenheit, Familienglück oder Harmonie. Die Wünsche des Patienten müssen berücksichtigt werden. Das macht letztlich Erfolg aus.“

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