Angst vor der Haftung nehmen – Alternativen zur Fixierung in Heimen: Leitfaden für "Werdenfelser Weg" vorgestellt

Christel Pilz (re.) demonstriert eine Gehhilfe für Sturzgefährdete, Isabella von Heidebrand eine Sitzhose. Foto: Hofstetter

Ein Gitter ums Bett oder Gurt um den Leib, Arme und Beine festgeschnallt. Für den gesunden Menschen ist dies unvorstellbar. In der stationären Pflege werden diese so genannten Fixierungsmaßnahmen jedoch angewandt, um die Betroffenen – meist altersschwache, demenz- oder psychisch kranke Menschen – vor Stürzen und unbewusstem Handeln zu schützen, das sie in Gefahr bringt.

Bei einer Fachtagung in Weilheim wurde der „Werdenfelser Weg“ vorgestellt. Sein Ziel: Alternativen finden, um Fixierungen und freiheitsentziehende Maßnahmen in Heimen zu vermeiden. Das Interesse an der 2007 in Garmisch-Partenkirchen gestarteten und mit Erfolg praktizierten Initiative ist groß. Vertreter aus allen 13 stationären Pflegeeinrichtungen in unserem Landkreis ließen sich im Weil­heimer Regionalzentrum St. Anna über den verfahrensrechtlichen Ansatz des „Werdenfelser Weges“ und Haftungsfragen in der Pflege aufklären. Als „zentrales Problem“ schilderte Christel Pilz, im Landratsamt Weilheim-Schongau für die Betreuung und Heimaufsicht zuständig, die Furcht in der stationären Pflege vor Regressansprüchen der Krankenkassen, wenn ein nicht fixierter Heimbewohner infolge eines Sturzes medizinisch behandelt werden muss. „Wir müssen diese – oft nicht begründete – Angst abbauen“, forderte Pilz im Pressegespräch, „denn das Haftungsrisiko erzeugt in den Köpfen der Pflegekräfte großen Druck.“ Beim Einschlagen des „Werdenfelser Weges“ sollen den Heimbewohnern mehr Lebensqualität geboten und die Verantwortung für sie auf mehrere Schultern verteilt werden. Wie dies in der Praxis funktioniert, veranschaulichte Isabella von Heydebrand. Freiheitsentziehende Maßnahmen, erklärte die Richterin am Amtsgericht Weilheim, basieren grundsätzlich auf einem richterlichen Beschluss und müssen alle zwei Jahre neu beantragt und überprüft werden. Beim „Werdenfelser Weg“ wird für das gerichtliche Genehmigungsver- fahren ein so genannter Verfahrenspfleger eingesetzt, der pflegefachliches Wissen mitbringt und in rechtlichen Belangen geschult wird. Er agiert als Sprecher für die Betroffenen, überwacht den Ablauf des Verfah- rens und tritt den Pflegekräften „auf Augenhöhe gegenüber“, erklärte die Richterin. Im Auftrag des Gerichtes diskutiert der Verfahrenspfleger jeden Fixierungsfall individuell und überlegt mit dem Heim und den Angehörigen Alternativen. Oft könne schon die Sturzmatte vor dem Bett helfen, die Selbstständigkeit länger zu erhalten, das Anbringen eines Nachtlichtes oder eine kleine Änderung im Tagesrhythmus. Die gemeinsam getroffene Einschätzung ist Grundlage für die richterliche Entscheidung. In Garmisch-Partenkirchen habe sich häufig herausgestellt, „dass eine Fixierung fachlich und juristisch nicht zu rechtfertigen war“, berichtete von Heidebrand. Die Zahl neuer Fixierungsgenehmigungen konnte deutlich gesenkt werden. Diese positive Entwicklung erhoffen sich die Initiatoren auch für Weilheim-Schongau. „Unsere Pflegeeinrichtungen sollen Alternativen überlegen, um Mustereinrichtung zu werden und mit einem Gütesiegel werben zu können“, erklärte Pilz. Nach der Informationskampagne geht sie davon aus, dass „alle Heime dieses Gütesiegel haben wollen“, das garantieren soll, „dass künftig kein Heimbewohner mehr dauerhaft gegen seinen erkennbaren Willen mit fixierenden Maßnahmen in seiner Freiheit eingeschränkt wird“. Etwa jeder zehnte Altenheimbewohner ist zurzeit – wie es in der Fachsprache heißt – „körpernah fixiert“.

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