Charakter wahren

Architekten sprechen über Plangutachten für Bebauung an Reschstraße

Wohnhäuser an der Reschstraße in Murnau.
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Auf dem rund 10 000 Quadratmeter großen Areal an der Reschstraße befinden sich derzeit 30 Wohnungen. Wenn die Bundesanstalt für Immobilienaufgaben (BImA) dort aber den Entwurf der Architekten Marcus Kottermair und Onni Rebholz umsetzen lassen sollte, wird die Zahl der Wohnungen deutlich ansteigen.

Murnau – Vor Beginn der Marktgemeinderatssitzung wartet eine kleine Menschenmenge im Eingangsbereich des Kultur- und Tagungszentrums auf Einlass. Nein, auf der Tagesordnung steht nicht schon wieder die Dr.-Schalk-Straße, die Pläne für eine Verlagerung des Umspannwerkes bleiben zusammengerollt, sondern die Reschstraße. Und die nördlichen Anwohner, besagte Menge, erfahren, mit welcher architektonischen Nachbarschaft sie künftig rechnen dürfen.

Keine Überraschung ist in Julia Stewens (FWG) Augen angesichts der Vielzahl an Besuchern zu sehen. Die Gemeinderätin grüßt in die Menge. „Ich hab’s mir schon gedacht“, sagt sie leise und geht in den Sitzungssaal. Die Menge, darunter Anwohner der Fläche an der Reschstraße, die neu bebaut werden soll, folgt ihr wenige Minuten später. In der Bürgerfragestunde dann, als ein Anwohner das Wort ergreift, wird deutlich, aus welchem Grund man gekommen ist. Die Anwohner haben ein Schreiben an die Gemeinderäte und Bürgermeister Rolf Beuting (ÖDP/Bürgerforum) geschickt. Der Inhalt? Darüber wird nicht gesprochen. Zumindest nicht ausführlich. Nur so viel: Es geht um die eventuellen Folgen der Nachverdichtung an der Reschstraße auf die Nachbarn im Kemmelpark. Und ja, auch um die möglichen Beeinträchtigungen der Anwohner. Dr. Josef Raab (Grüne) schlägt vor, die Problematik zu erläutern. „Ich denke, es haben alle gelesen“, sagt Beuting. Auch werde man das Thema später noch behandeln. Öffentlich werden soll das Schreiben in seiner Gänze scheinbar nicht, auch nicht seitens der Anwohner, die jedoch „vielzählig da sind und Fragen beantworten können“, so ein Anwohner, der um die Beteiligung der Bürger bittet.

Als dieses später eintritt, fasst Marktbaumeister Klaus Tworek die Thematik an der Reschstraße kurz zusammen. Dank eines Plangutachtens hatte man die Möglichkeit, verschiedene Entwürfe für eine Bebauung nördlich der Reschstraße in Betracht zu ziehen. Vor ein paar Wochen wurden dem Marktgemeinderat zwei Entwürfe vorgestellt. Diese seien „städtebaulich sehr unterschiedlich“, so Tworek in Hinblick auf die Pläne des Münchner Architekturbüros PSA Pfletscher und Steffan Architekten und die Pläne der Murnauer Architekten Marcus Kottermair und Onni Rebholz. Die Unterschiedlichkeit liegt etwa darin, dass man aus Münchner Warte eine geschlossene Baureihe an der Reschstraße vorsieht, zum Teil viergeschossig bauen und 108 Wohnungen schaffen will. Die Murnauer Planer dagegen belassen es bei maximal drei Geschossen, wollen senkrecht zur Reschstraße bauen und 87 Wohnungen umsetzen. Auch über einen anderen Plan, einen Bebauungsplan, spricht Tworek, der Vor- wie Nachteile eines solchen für die anvisierte Fläche aufzählt.

Ein Bebauungsplan ist von Vorteil

Während Tworeks Vortrag schnellen im Gremium nach und nach Hände für Wortmeldungen nach oben. Beuting notiert sich die Namen, ergreift aber nach dem Marktbaumeister als erster das Wort. Der Rathauschef ist der Bauherrin, der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben (BImA), dankbar dafür, dass sich die Marktgemeinde beteiligen kann. Dann zählt Beuting Vorteile eines Bebauungsplanverfahrens auf, etwa die gesicherte Bürgerbeteiligung, und spricht sich außerdem für einen städtebaulichen Vertrag aus, um bezahlbaren Wohnraum sicherzustellen. „Warum haben wir nicht von Anfang an einen Bebauungsplan entwickelt“, fragt sich da Welf Probst (FWG). Rudolf Utzschneider (CSU) will dagegen wissen, ob man sich jetzt schon für einen architektonischen Entwurf entscheiden müsse, immerhin „ist es wahrscheinlich das größte Innenraumprojekt für die nächsten Jahrzehnte“. Tworek nickt, „ich fände es nicht nachvollziehbar, keine Entscheidung zu treffen“. Das bewegt Utzschneider zu einem Statement, in dem er den PSA-Entwurf als sehr städtisch bezeichnet. Diesem Entwurf ist auch sein Fraktionskollege Josef Bierling nicht sonderlich zugetan, eine Viergeschossigkeit könnte zu einer Kesselbildung führen, was für ihn an der Reschstraße „überhaupt nicht in Frage kommt“. Und Michael Rapp (CSU) findet, dass „die Entwicklung im Kemmelpark nicht durch die Reschstraße gestört werden darf“, ehe er sich für einen Bebauungsplan ausspricht.

Stefan Lechner (ÖDP/Bürgerforum) empfiehlt den Murnauer Entwurf wie auch – angesichts des Projektumfangs und der Öffentlichkeitsbeteiligung – einen Bebauungsplan. Außerdem regt er an, mit der BImA über ökologisches Bauen zu sprechen. Münchner Flair möchte auch Felix Burger (SPD) nicht in Murnau sehen, „das sollte man sich hier ersparen“, sagt er, der mit dem Murnauer Entwurf den Charakter der Gemeinde erhalten sehen möchte. Jedoch habe es schon einen „faden Beigeschmack, wenn einer der Architekten auf der Bürgerliste“ stehe. Das scheinen nicht alle im Gremium zu schmecken, zumindest wird der Kommentar einfach hingenommen. Schon längst eine Entscheidung, pro Kottermair und Rebholz hat Phillip Zoepf (Mehr Bewegen) getroffen. Angesichts von fast 90 Wohnungen freue er sich, „dass was passiert“ und wohl rund 80 Prozent des Wohnraums an im öffentlichen Dienst Beschäftigte gehen werde. Veronika Jones (Grüne) ist da vorsichtiger. Auch sie spricht sich für den Favoriten aus. Doch sei ein städtebaulicher Vertrag mit der BImA sicherlich begrüßenswert, denn von den aktuell rund 36 000 Wohnungen der Bundesanstalt seien rund 70 Prozent auf dem freien Markt.

Am Ende beschließt die Mehrheit des Gremiums, den Entwurf von Kottermair und Rebholz zu empfehlen. Nur Michael Hosp (CSU) „gefällt die Variante von PSA besser“. Des Weiteren spricht sich der Marktgemeinderat geschlossen für einen Bebauungsplan sowie einen städtebaulichen Vertrag mit der BImA aus. Und obgleich die Sitzung mit diesen Beschlüssen noch nicht rum ist, verabschieden sich die Zuhörer aus dem Raum. Vor dem Kultur- und Tagungszentrum wirken die Anwohner der Reschstraße zufrieden, „das ist das, was wir wollten“, ist eine Stimme aus dem Grüppchen zu hören.

Von Antonia Reindl

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