Ehrenamtlichen eine Stimme geben

Fünf Jahre "Asyl im Oberland": Studie über Flüchtlingshelfer und Vortragsreihe

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Viele Ehrenamtliche sind frustriert: „Das Helfen war am Anfang leichter.“ Julia Poweleit (Helferkreis Böbing), Jost Herrmann und Susanne Seeling (v.li.) bei der Präsentation der Studie.

Weilheim/Landkreis – Vor fünf Jahren kamen die ersten Asylsuchenden der neuen Flüchtlingsbewegung in den Landkreis. Zirka 1 600 Menschen mit Fluchthintergrund wohnen hier. Bis zu 900 Ehrenamtliche kümmerten sich zeitweise um die Geflüchteten. Unterstützerkreise wurden gebildet und unter dem Dachverband „Asyl im Oberland“ vernetzt. Jost Herrmann, der seit Sommer 2016 mit Susanne Seeling hauptamtlich die Helfer koordiniert, hat eine Studie über die Situation und Herausforderungen der Ehrenamtlichen erstellt.

Gerade im Hinblick auf die rückgängigen Helferzahlen (-30 Prozent gegenüber Ende 2016) in den Unterstützerkreisen sah Herrmann Handlungsbedarf für eine Bestandsaufnahme, die einen Überblick und eine Vergleichsmöglichkeit mit den Verhältnissen in anderen Landkreisen gibt. Auf 46 Seiten beleuchtet sein Bericht die Entstehung, Entwicklung und Situation der Helferkreise sowie ihre Probleme, mit denen sie aktuell zu kämpfen haben. Auch die Stimmung der Flüchtlinge und in der Bevölkerung sowie besondere Konfliktpunkte wurden hinterfragt.

Der evangelische Pfarrer verteilte Fragebögen an die Helferkreise, im Landkreis und auf dem oberbayerischen Asylgipfel im Januar in München, Regionaltreffen mit Vertretern aus allen 28 Unterstützerkreisen im Landkreis wurden abgehalten. Die Analyse der Daten brachte flächendeckend ähnliche Ergebnisse zutage. Herrmann geht deshalb davon aus, dass sich die Situation von „Asyl im Oberland“ auf alle Helferkreise rund um München, „wenn nicht gar auf ganz Bayern“ übertragen lässt.

2017 engagierten sich im Landkreis noch rund 660 HelferInnen in der Flüchtlingshilfe, über die Hälfte von ihnen ist „eher frustriert“, neu hinzugekommen sind nur wenige. Als Gründe führen sie die fehlende politische Rückendeckung, eine steigende Verantwortung und zurückgehende Unterstützung in der Bevölkerung an. Ehrenamtliche haben jedoch als Bindeglied zwischen Behörden, Arbeitgebern, Schulen, Vereinen und Vermietern eine wichtige Funktion zu erfüllen, betont Herrmann. Mit einem besseren Miteinander von Ehrenamt und Politik, ist er überzeugt, könnte für die Geflüchteten und die gesamte Gesellschaft noch weit mehr erreicht werden. „Integration ist eine Aufgabe für alle“, macht Seeling deutlich.

Von Anfang an arbeiten die Unterstützerkreise eng unter dem Dachverband „Asyl im Oberland“ zusammen und betreiben eine gemeinsame Homepage. „Asyl im Oberland“ hat ein gut funktionierendes Netzwerk und ist laut Herrmann in Bayern ein „einmaliges Leuchtturmprojekt“. Der überwiegende Anteil der Helfer ist älter als 60 Jahre (2015: 28 und 2017: 44 Prozent), Jugendliche fehlen fast ganz. Dabei wären sie wichtig, da viele Geflüchtete selbst noch jung sind. Gut zwei Drittel der Befragten sind über zwei Jahre bei den Unterstützerkreisen dabei. Als Grund für das persönliche Engagement wird in den Fragebögen oft die Verpflichtung zu helfen genannt.

Zu den größten Problemen der Ehrenamtlichen zählen bürokratische Hürden, wie das Ausfüllen der Formulare, wurde bei der Präsentation der Studie in Weilheim betont. „Eine bürgerfreundliche Verwaltung“, Unterstützung durch das Erteilen von Arbeitserlaubnissen und Schaffen von sozialem Wohnraum könnten laut Integrationslotsin Seeling wirksame Lösungsansätze sein. Auf Auszeichnungen legen die Helferkreise keinen Wert, die Ehrenamtlichen wollen vielmehr als Gesprächspartner ernst genommen werden.

Im Dezember 2017 lebten im Landkreis 942 Flüchtlinge im Anerkennungsverfahren, 644 anerkannte und 104 abgelehnte Asylbewerber. Die größte Gruppe dürften Syrer sein, gefolgt von Afghanen, Nigerianern, Eritreern und Pakistani. Zwei Drittel von ihnen sind Alleinreisende und fast alle Syrer und Eritreer im Landkreis anerkannt. Geflüchtete in Arbeit sind wesentlich seltener in Straftaten verwickelt, heißt es im Bericht weiter. Viele Migranten seien einem „enormen Druck von zu Hause“ ausgesetzt, berichtet Seeling, da ihre Familien im Heimatland finanzielle Unterstützung erwarten. Freiwilligen Rückkehrern sei mehr geholfen, wenn ihnen anstatt eines Geldbetrages eine solide Ausbildung für einen Neustart in ihrer Heimat mitgegeben wird. „Den Ehrenamtlichen eine Stimme zu geben“ ist für Herrmann ein Ziel dieser Studie. Er hat sie an die Bürgermeister, Landtagsabgeordneten, an das Innenministerium und an die Hanns-Seidel-Stiftung geschickt. Von Letzterer könnten die Daten wissenschaftlich ausgewertet werden, hofft der Koordinator.

Von Flucht bis Rückkehr

Zum fünfjährigen Bestehen von „Asyl im Oberland“ sind Ehrenamtliche und weitere Interessierte zu einer Vortragsreihe eingeladen, welche die Themen Flucht, Religion, Integration, Abschied und freiwillige Rückkehr aufgreift. Dabei sollen unterschiedliche Gruppen miteinander ins Gespräch kommen. Den festlichen Abschluss bildet am Samstag, 9. Juni, ein Jubiläumsfest im Weilheimer Stadttheater.

Alle Veranstaltungen und der Report von Jost Herrmann „Zur Situation der Flüchtlingshelfer im Landkreis Weilheim-Schongau“ sind im Internet unter www.asylimoberland.de abrufbar.

Jost Herrmann und Susanne Seeling koordinieren hauptberuflich die ehrenamtlichen Helferkreise Asyl im Bereich Weilheim-Schongau. Ihre Stellen werden von Herzogsägmühle/Innere Mission München, Caritas Weilheim, Diakonie Oberland und dem Landkreis sowie mit Geldern der bayerischen Staatsregierung finanziert. Herrmann, Mitinitiator des oberbayerischen Asylgipfels, scheidet im Mai aus und übernimmt am 1. Juli eine Pfarrstelle in Schongau. Neben Seeling (Büro Schützenstraße Weilheim) ist Johanna Greulich mit Sitz im Landratsamt als Integrationslotsin tätig. Auf der Wunschliste der Unterstützerkreise steht noch eine zusätzliche Kraft, die von freien Trägern finanziert wird.

Maria Hofstetter 

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