Ausstellung der Murnauer Hinterglasmaler im katholischen Pfarrsaal

Alte Volkskunst lebt von frischen Ideen

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Rainer Pittrich gehört zu den Freizeitmalern, die in Murnau die traditionelle Hinterglasmalerei pflegen. Er besitzt die Tragekraxe des Volkskünstlers Heinrich Rambold.

Murnau – Rainer Pittrich hütet eine Rarität, nach der sich Antiquitätenhändler und Volkskunstsammler die Finger abschlecken würden. Es ist die Kraxe des Murnauer Heinrich Rambold, bei dem Wassily Kandinsky und Gabriele Münter zu Beginn des 20. Jahrhunderts das Hinterglasmalen lernten.

Rambold galt einmal als der letzte Hinterglasmaler am Staffelsee. Sein Antrieb war es, diese Volkskunst am Leben zu halten und an die nächste Generation weiterzugeben. Dass die Vision des urigen Rotgerbers bis heute reiche Früchte trägt, wird ab Samstag, 12. August, im katholischen Pfarrheim von Murnau (Mayr-Graz-Weg) dokumentiert.

Heinrich Rambold hatte die Tragekraxe zum Transport seiner Glasbilder benutzt. „Das Gestell hätte vor Jahren über den Trödelmarkt verkauft werden sollen, wäre dann aber für die Murnauer auf Nimmerwiedersehen verloren gewesen“, berichtet Rainer Pittrich. Er gehört zu jenen Freizeitmalern, die diese Kunst der Hinterglasmalerei am Staffelsee pflegen. Sechs von ihnen zeigen derzeit im Pfarrheim der katholischen St.Nikolaus-Pfarrei ihre aktuellen Werke. Pittrich stellt bestimmt die Ramboldsche Kraxe dazu.

Seit Mitte des 17. Jahrhunderts gibt es die Hinterglasmalerei in den Gemeinden rund um den Staffelsee. Seinerzeit waren ganze Familien mit der Produktion der zerbrechlichen Bilder beschäftigt. Seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts sind es vorwiegend Hobbykünstler, wie Raner Pittrich: „Wir Maler verdienen unser Geld meist mit ganz normalen Berufen. Leben muss von seiner Kunst keiner. Im Gegenteil, manche verschenken ihre Arbeiten lieber, als dass sie einen Preis dafür festlegen würden.“

Vor 50 Jahren zeigten die sogenannten „Sonntagsmaler“ zum ersten Mal ihre Bilder; das waren Rudolf Waltenberger, Rudolf Rattenberger, Ludwig Betzmeir und Christine Wagner. Die Ausstellung fand so viel Resonanz, dass es seitdem jedes Jahr eine solche Veranstaltung gibt. Die Zahl der Künstler stieg rasch an: 1974 waren es 16, und in den Folgejahren immer so zwischen acht und zwölf. Bis Ende der 1970er-Jahre war die längst abgerissene Lesehalle an der Kohlgruberstrasse der Ausstellungsort; später, bis 1992, das Kultur- und Tagungszentrum. 1992 zogen die Hinterglasmaler in das katholische Pfarrheim. Vom harten Kern der früheren Jahrzehnte sind zwei übrig geblieben: Christl Winkle und Rainer Pittrich. Dafür kamen in jüngerer Zeit Hedi Scheck, Evi Rapp, Rosi Miesl und der ganz junge Lukas Winkle dazu. Zu sehen gibt es Landschafts- und Tierbilder, klassische Stillleben und traditionelle Heiligenbilder sowie Szenen bäuerlichen Lebens. Eines haben sie gemeinsam: die Bilder strotzen vor Farbkraft und Lebensfreude. Die Tradition der Murnauer Hinterglasmalerei lebt mit frischen Ideen und modernen Techniken weiter. Heinrich Rambold hätte seine Freude daran gehabt.

Noch bis zum Sonntag, 20. August, sind die Hinterglasbilder im katholischen Pfarrheim zu sehen, täglich von 10 bis 12 Uhr und von 14 bis 18 Uhr. Der Eintritt ist frei. Von den Künstlern ist immer mindestens einer anwesend; Rainer Pittrich: „Wir Maler wollen mit den Interessenten ins Gespräch kommen. Die Menschen sollen etwas über unsere Tradition und wie die Bilder entstehen erfahren.“

Von Günter Bitala

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