Bahn kämpft weiter mit der Technik 

Pendler brauchen starke Nerven 

+
Wann geht’s weiter? fragen die Gäste der Werdenfelsbahn und hoffen, doch noch rechtzeitig ans Ziel zu kommen.

Weilheim – Helmut Müller ist Bahnpendler und hat die Verspätungen und Zugausfälle satt. Eineinhalb Stunden hat er sich am vergangenen Donnerstag ins Rathaus gesetzt, um von einem DB Regio-Sprecher zu hören, wann und wie die Bahn das Chaos beheben wird. Müller erfuhr zwar viel über die – ihm längst bekannten technischen Probleme. Auf konkrete Lösungen wartete er aber vergeblich. „Ich fühle mich auf den Arm genommen“, wetterte er in der Stadtratssitzung.

Dabei hatte im Dezember 2013 alles vielversprechend begonnen mit dem Startschuss für die neue Werdenfelsbahn und den verbesserten Fahrplan. Aber schon am zweiten Tag stellten sich Probleme ein, Verspätungen und Zugausfälle auf der Strecke München-Mittenwald waren die Folge. Laufend beklagen sich Fahrgäste bei der Stadt. „Wir haben einen Mordsärger mit der Bahn. Sie haben uns einen Quantensprung versprochen aber der Schuss ist wohl nach hinten losgegangen“, beschwerte sich Bürgermeister Markus Loth bei Thomas Heimrich. Die Stadt hatte den Sprecher der Geschäftsleitung von DB Regio Oberbayern zur Sitzung gebeten, um über das weitere Vorgehen Klarheit zu bekommen. 

 „Die Situation ist auch für uns richtig ärgerlich“, bemühte sich Heimrich um eine Entschuldigung, ehe er ausführlich auf die technischen Probleme und ihre Hauptursachen einging. Auch seitens der Bahn sei man „überrascht“ gewesen, als die Elektronik an den Abstellstandorten „verrückt gespielt“ und bei Raureif an den Oberleitungen ihren Dienst versagt hat. Die Ursachenforschung sei schwierig, bis zu einer „nachhaltigen Lösung“ kann es Monate dauern, so der DB Regio-Sprecher. Die Software der neuen „Talent 2-Züge“, eine Hauptfehlerquelle, muss voraussichtlich ausgetauscht werden, für den Eingriff in die Fahrzeugtechnik bedarf es einer Zulassung. Eine positive Botschaft hatte Heimrich nach Weilheim mitgebracht: Dem Verdrahtungsfehler im Kupplungssystem sei man auf die Spur gekommen: „Mitte nächster Woche soll es besser laufen, wenn nicht ein neues Problem dazu kommt“, gab er sich verhalten-optimistisch. 

 Was unternimmt DB Regio sonst? „Wir setzen mehr Personal ein“, sagte Heimrich. So werde nachts beobachtet, ob die Software in den abgestellten Zügen Probleme macht. Als weitere kurzfristige Maßnahme nannte er das Säubern der Oberleitungen. Schwankungen in der Stromspannung werden überprüft. Auf Loths Einwand, die neuen Züge seien nur unzureichend getestet worden, entgegnete Heimrich: „Wir haben alle 78 Fahrzeuge ein halbes Jahr umfangreich geprüft.“ Die Züge hätten sich dabei „ziemlich unauffällig“ verhalten. Die alten Züge zu reaktivieren, bis die neuen repariert sind, scheitere auch daran, dass die Fahrzeuge andernorts im Einsatz sind oder bereits verschrottet wurden, erklärte Heimrich. 

 Protestnote verabschiedet 

Auf einen Dringlichkeitsantrag von Verkehrsreferent Dr. Claus Reindl hin beschloss der Stadtrat eine „Protestnote“, die den Verantwortlichen der Deutschen Bahn und allen politischen Entscheidungungsträ- gern zugestellt wird. Die Adressaten werden darin von der Stadt Weilheim aufgefordert, die „unzumutbaren Zustände für die Bürger umgehend abzustellen“ und, wenn nicht anders möglich, vorübergehend wieder die alten Züge einzusetzen und den Fahrplan zu modifizieren. Mittel- und langfristig müsse der zweigleisige Ausbau der gesamten Strecke forciert werden. Die Bahn wird aufgefordert, ihre Kunden für die mangelhafte Leistung unbürokratisch ohne Antrag finanziell zu entschädigen und ihre Fahrplangestaltung künftig mit dem Landratsamt abzustimmen. Laut Bürgermeister Loth wollte die Stadt einen Runden Tisch mit den betroffenen Bürgermeistern und Landräten initiieren, kurzfristig sei dies aber nicht möglich gewesen. 

 Bahnpendler Müller, der in der Sitzung das Rederecht erhalten hatte, wandte sich beim Verlassen des Sitzungssaales noch einmal an Heimrich: DB Regio sollte im Bahnchaos möglichst schnell Abhilfe schaffen. Auch im Sinne des eigenen Personals, das in den Zügen den ganzen Frust der Pendler abbekomme, wenn es aus dem Lautsprecher schallt: „Die Abfahrt verspätet sich aus technischen Gründen...“ 

Pendler sammeln Unterschriften 

Achim von der Osten aus Huglfing ist Pendler und wie viele andere von den Problemen der Werdenfelsbahn betroffen. In einer Onlinepetition fordert er seit letzter Woche „zuverlässigere Zugverbindungen und ausreichend Sitzplätze“. Bis Dienstag haben 1627 Menschen unterzeichnet. Die Unterschriftenliste wird er an DB Regio, Bayerische Eisenbahngesellschaft und den Landtag weiterreichen. Zu finden ist die Petition unter: www.openpetition. de/petition/online/zuverlaessigere-zugverbindungen-und-ausreichend-sitzplaetze-bei-der-werdenfelsbahn.

Im Zitat

Bürgermeister Markus Loth (BfW) zu Thomas Heimrich (DB Regio): „Gehen Sie in die Offensive und informieren Sie zeitnah die Öffentlichkeit. Wir stellen gerne die Stadthalle zur Verfügung.“ 

 Alfred Honisch (Grüne): „Der Pendlerstress beginnt in der Früh beim Einstieg in den Zug... DB Regio hat sich mit dem ‘Talent 2’ ein Schrottfahrzeug angedient.“ Heimrich: „Der Fahrzeughersteller hat uns eine Mangelpackung verkauft. Wir arbeiten an den Problemen.“ 

Stefan Zirngibl (CSU): „Können so viele Züge überhaupt vernünftig auf einem Gleis fahren?“ Heimrich: „Grundsätzlich ja. Das haben Simulationen und wenige pünktliche Tage gezeigt.“ 

Dr. Claus Reindl (BfW): „Die neuen Züge sind kürzer und wesentlich unkomfortabler.“ Heimrich: „Nicht jeder Zug ist mit der richtigen Fahrgastkapazität unterwegs. Wir werden Abhilfe schaffen.“ 

ngo Remesch (SPD): „Ich habe mich als Zweiter Bürgermeister selten so blamiert wie nach der Feier zum Start der neuen Werdenfelsbahn, bei der ich der Bahn Lob ausgesprochen hatte. Am Montag drauf hagelte es Kritik wegen meines Grußwortes.“ 

Uta Orawetz (CSU): „Anwohner klagen über die Lautstärke der neuen Züge.“ Heimrich: „Ja, es gibt Streckenabschnitte, da ruckelt der Zug bei bestimmten Geschwindigkeiten und ist lauter. Wir arbeiten dran.“ 

Karl-Heinz Grehl (Grüne: „Das Einzige, das zur Zeit funktioniert, ist das pünktliche Abbuchen der Monatskarten.“

Von Maria Hofstetter

Auch interessant

Meistgelesen

31-Jähriger niedergestochen: Täter auf der Flucht
31-Jähriger niedergestochen: Täter auf der Flucht
Oberstadtlerfest in Bildern
Oberstadtlerfest in Bildern
Fast schon ein "Pflichttermin"
Fast schon ein "Pflichttermin"
Kleiner aber feiner Jahrgang
Kleiner aber feiner Jahrgang

Kommentare