Fokus auf Flexibilität

Kindertagesbetreuung: Angebot für alle Altersgruppen soll erweitert werden

Kindertagesstätte St. Nikolaus in Murnau.
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Murnau will dem wechselnden Bedarf an Kindertagesbetreuung gerecht werden. Ein Schritt in die richtige Richtung dürfte der geplante Neubau der Kindertagesstätte St. Nikolaus sein, der die Vergrößerung um zwei weitere Hortgruppen sowie eine Krippengruppe ermöglichen soll.
  • vonStephanie Novy
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Murnau – Ein paar Monate nahm die Bedarfsplanung für die Kindertagesbetreuung in Murnau in Anspruch. Eine Planung, die nicht allein das nächste Betreuungsjahr, sondern gleich die kommenden fünf Jahre abdecken soll. Und eine Planung, die zeigte: Obwohl das Spektrum an Betreuungsangeboten in der Marktgemeinde breit gefächert ist, gibt es hie und da dennoch Defizite, die es teilweise kurzfristig, teilweise langfristig zu beheben gilt. 

Michael Ledig, Trägervertreter für die evangelische Kindertagesstätte Bienenhaus, nimmt auf dem Stuhl ganz vorne Platz. Ledig lässt via Beamer Zahlen, Balkendiagramme und andere Grafiken rund um den Kindertagesbetreuungsbedarf auf eine Leinwand werfen, die veranschaulichen, auf welcher Grundlage die finalen Empfehlungen an die Marktgemeinde fußen. Einbezogen in die Planung wurden demografische Daten, die Analyse vorhandener Betreuungsangebote sowie eine Elternbefragung, welche coronabedingt schriftlich durchgeführt wurde, laut Ledig aber dennoch eine Rücklaufquote von über 40 Prozent verzeichnet.

Die Befragung habe unter anderem gezeigt, dass sich viele Eltern eine Betreuung ihres Kindes über das Grundschulalter hinaus wünschen. Auch wurde offenbart, dass viele Mütter erwerbstätig sind, etwa 66 Prozent der Mütter mit einem Kind unter drei Jahren und stolze 87 Prozent der Mütter mit Sohn oder Tochter im Schulalter. Dabei sei jedoch überwiegend von einer Teilzeitbeschäftigung die Rede, die, was die Stunden anbelangt, „sehr weit streut“, ergänzt Ledig. Als „erstaunlich“ bezeichnet der Trägervertreter das Ergebnis, das die Zufriedenheit der Eltern mit der Betreuungssituation veranschaulicht. Rund 86 Prozent seien mit der Betreuung in einer Einrichtung zufrieden oder gar sehr zufrieden. Zu dieser Zufriedenheit beitragen dürfte die Tatsache, dass es vielfältige Betreuungsangebote in der Marktgemeinde gibt. „Wir sind sehr gut aufgestellt“, so Ledig, der unter Vielfalt verschiedene Formen, Träger und Konzepte versteht.

Etliche Einrichtungen

Dass Ledig keineswegs zögert, von einer guten Aufstellung zu sprechen, mag kaum verwundern, blickt man auf die vielen Anlaufstellen für Eltern mit Kindern im Betreuungsalter: Mädchen und Buben unter drei Jahren werden etwa in der Krippe Hochried, in der SkF-Krippe, in der Großtagespflege oder in einzelnen Tagesstätten betreut. Im Kindergartenalter finden diese im Drachennest, in der Kindertagesstätte St. Nikolaus, im Bienenhaus oder im Kindergarten Murmel einen Platz. Schüler können nach dem Schlussgong in eine der vielen Hortgruppen – der KJE, des Bienenhauses, der Kindertagesstätte St. Nikolaus oder des Drachennestes – zu Mittag essen und Hausaufgaben machen. Des Weiteren bieten die Christoph-Probst-Mittelschule, die Realschule im Blauen Land und das Staffelsee-Gymnasium Betreuungsangebote im Rahmen einer Offenen Ganztagsschule an. Als „Besonderheiten“ bezeichnet Ledig die Kinderbetreuung im Unfallklinikum, ein Angebot, das sich allein an die Mitarbeiter richtet, sowie die Murnauer Waldzwerge, „eine private Spielgruppe“, die von einer Elterninitiative ohne Betriebserlaubnis getragen werde.

Dann leuchtet eine Grafik auf der Leinwand auf. Dieser ist zu entnehmen, welche Ansprüche die Eltern an die Qualität der Betreuung haben. Hervorzuheben weiß Ledig dabei, dass „der Kinderkontakt von zentraler Bedeutung ist“. Auch werde die Vorschulbildung bei Kindergartenkindern nicht so hoch bewertet wie etwa die Naturerfahrung.

Reichlich Erfahrung in der Natur können die Kleinen zu Genüge sammeln – zumindest in diesem Jahr. Heuer „stehen wir noch ganz gut da“, meint Ledig, dann werde der Bedarf erst einmal ansteigen. Und auch im Hortbereich lässt sich vorerst nicht mäkeln. Nichtsdestotrotz rät Ledig: „Wir sollten uns auf ein flexibleres Betreuungsangebot einstellen.“ Und dies ist nicht die einzige Anregung, die der Bienenhaus-Trägervertreter ausspricht. Generell sollten das Angebot für alle Altersklassen ausgeweitet und zusätzliche Betreuungsplätze für Kinder unter drei Jahren (15 Plätze), für Kinder im Kindergartenalter (25 Plätze) sowie für Schulkinder (30 bis 40 Plätze) geschaffen werden. Immerhin soll „die Standortqualität erhalten beziehungsweise verbessert werden“, sagt Ledig. Die oftmals schwankende Bedarfslage mache ein „differenziertes und möglichst flexibles Vorgehen“ notwendig. Um flexibel reagieren und agieren zu können, wird „das Konzept der Kinderhäuser mit Gruppen in erweiterter Altersmischung“ empfohlen.

Markt setzt auf Kinderhäuser

Mit den Empfehlungen schließt Ledigs Bericht und Bürgermeister Rolf Beuting (ÖDP/Bürgerforum) betont, dass die Bedarfsplanung „eine umfassende Arbeit und ein Prozess von vielen Monaten“ gewesen sei. Dann verliest der Rathauschef die Stellungnahme der Verwaltung, in der es heißt, dass man die Strategie anpassen und auf Kinderhäuser setzen wolle. Schließlich bieten diese Einrichtungen Kindern ein beständiges Umfeld und feste Bezugspersonen sowie die Möglichkeit, „flexibler auf wechselnde Bedarfe zu reagieren.“ Den größten, noch ungedeckten Bedarf habe man im Hortbereich, was Beuting auch auf den Umstand zurückführt, dass Eltern hier noch keinen Rechtsanspruch auf Betreuung haben. Der Tagesordnungspunkt rund um die Kinderbetreuung bringt Veronika Jones (Grüne), Referentin für Kinderbetreuung, zum Lächeln. Sie freut sich, dass dem „Thema so viel Aufmerksamkeit geschenkt wird“. Ihre Euphorie bremst sie jedoch selbst, wenn sie sagt, dass „wir ehrlich und realistisch sein müssen“. Die Defizite lassen sich schließlich nicht in kurzer Zeit beheben. Was das Konzept eines Kinderhauses anbelangt, so hält sie dieses für „begrüßenswert“. Für begrüßenswert gehalten hätte Phillip Zoepf (Mehr Bewegen) derweil die Aufnahme des Betreuungsschlüssels in den Bericht. „Die Qualität steht und fällt mit dem Personal“, findet Zoepf, der daran zu zweifeln scheint, dass ausreichend Personal für die Kinderbetreuung zur Verfügung steht. Der Betreuungsschlüssel ist jedoch laut Ledig im Großen und Ganzen im grünen Bereich.

Dass die Marktgemeinde in Sachen Angebotserweiterung in der Kindertagesbetreuung aktiv wird, zeigt sich derweil in dem geplanten Neubau der Kindertagesstätte St. Nikolaus als Integrationseinrichtung mit Kindergrippe und Kinderhort als Kinderhaus, der Thema des anschließenden Tagesordnungspunktes ist. Der Rat beschließt dabei einstimmig nicht allein die Errichtung, sondern auch die Durchführung eines VgV-Verfahrens sowie den Verzicht auf einen Planungswettbewerb im Vorfeld. Der Neubau werde „eines unserer Großprojekte für die nächsten ein bis zwei Jahre“ sein, sagt Beuting. Beim Blick auf dieses Großprojekt will Rudolf Utzschneider (CSU) wissen, ob die Planung mit dem Bedarf an Betreuung korrespondiere. Ledig nickt.

Jones bittet darum, möglichst schnell in die Planung einzusteigen und die „räumliche Struktur für ein Kinderhaus offen zu lassen“. Und Lorenz Brey (CSU) erinnert daran, den Träger einzubinden. „Mein Wunsch ist, dass man mit der Kirche spricht.“ Sowohl Jones als auch Breys Anregungen sollen in der Beschlussformulierung aufgenommen werden.

Von Antonia Reindl

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