"Er bekam den Befehl zum Töten" – Prozessauftakt zum Güllegruben-Mord von Penzing

Zehn Mo­nate ist es her, dass zwei Bauersleute aus Penzing brutal getötet wurden. Der des zweifachen Mordes angeklagte Sohn steht nun vor dem Landgericht Augsburg. Dort hat die 8. Strafkammer unter dem Vorsitz von Richter Wolfgang Rothermel die Verhandlung gegen den 35-Jährigen am Donnerstag eröffnet. Der mutmaßliche Täter hat die Tat vom 4. Januar dieses Jahres bereits gestanden. „Er hat ausgesagt, dass ihm eine innere Stimme befohlen hätte seine Eltern umzubringen“, gab sein Verteidiger, Rechtsanwalt Hartmut Wächtler, aus München Auskunft. Familienstreitigkeiten, die es gegeben haben soll, hält Wächtler für eher nebensächlich. „Er leidet an einer Krankheit, einer Psychose und hat Wahnvorstellungen.“

Vier Sitzungstermine hat das Schwurgericht angesetzt, um zu klären, wie sich der Doppelmord an dem kalten Winterabend gegen 8 Uhr zugetragen hat. Im Sitzungssaal des Strafjustizzentrums nahmen am ersten Tag der öffentlichen Verhandlung auch viele Besucher Platz. „Mich interessiert, wie man sowas machen kann“, erklärte eine Zuhörerin. Was dahinter steckt, wollten auch etliche aus Penzing und dem Landkreis Landsberg wissen und sind deswegen nach Augsburg gekommen. „Ich kannte die Familie. Mit dem Vater habe ich Fußball gespielt“, sagte ein Mann aus einem Nachbarort von Penzing. Zunächst erahnten sie die Tatwaffe, die in einer blauen Plastiktüte, hereingebracht wurde: eine etwa 70 Zentimeter lange Axt. Mit dieser soll der große, aber unscheinbar wirkende Mann, der inzwischen auf der Anklagebank saß, den Doppelmord verübt haben. Die Kameras der Presse waren so weit erlaubt vor ihm aufgebaut. Angespannt sah der ledige Landwirt aus. Unsicher blickte er oft auf seine Hände, die ihn als starken Raucher kennzeichnen. Laut Anklageschrift von Staatsanwalt Lars Baumann soll er erst seine Mutter, die gerade vom Kälbertränken kam, und dann seinen Vater, den er aus dem Wohnhaus gelockt hatte, brutal von hinten erschlagen haben. Anschließend hätte er beide in die Güllegrube auf dem Hof geworfen, hielt Baumann vor. Als er sah, dass seine Mutter noch lebte, soll der Sohn wiederum zugehauen haben. Am nächsten Morgen wurden die Leichen von seinem Schwager anhand von Blutspuren entdeckt. Wie sich alles zugetragen haben könnte, hatte die Kriminalpolizei mithilfe des vermeintlichen Mörders später rekon­- struiert und per Video aufgenommen. Es war ein unheimlicher Rundgang auf dem Hof der Familie in Penzing, den die Prozessbeteiligten und die Zuhörer dabei zu sehen bekamen. Im Wohnzimmer, aus dem der Sohn seinen Vater angeblich mit den Worten „Mutter ist gestürzt!“ gelockt hatte, stand noch ein geschmückter Christbaum. Die Gabelzinken des Frontladers, mit der der Angeklagte seinen halbtoten Vater in die Grube geschafft haben soll, hinterließen noch ihre Spuren im Schnee. Ohne Zuhörer und Presse hatte der 35-Jährige dann seine Erklärungen abgeben dürfen. Verteidiger Hartmut Wächtler hatte dies erwirkt. Statt einer Bestrafung könne auch eine Unterbringung in der Psychiatrie erfolgen – in diesem Fall sei die Öffentlichkeit auszuschließen – hatte Wächtler den Antrag begründet. Er gab die Erklärungen seines Mandanten in einer Sitzungspause wieder: „Seit dem 23. Dezember 2007 hat ihm eine innere Stimme befohlen, seine Eltern zu töten.“ Der Angeklagte bezweifele bis heute, das Kind der Landwirte zu sein. An seine frühe Kindheit hätte er keine Erinnerungen. Eine DNA-Untersuchung bestätige aber die Elternschaft der Toten, so Wächtler. Bei den Zeugenaussagen versuchte Richter Rothermel Licht ins Dunkel der Familiengeschichte auf dem großen Ge­höft mit einst 180 Kühen in den Ställen zu bringen. Offenbar schien vieles, was zwischen Sohn und Eltern, speziell dem Vater nicht stimmte, verheimlicht worden zu sein. Der Hof war dem Jungen 2003 übergeben worden – das Sagen hatte er dort aber noch nicht. Probleme im Zusammenleben mit seiner früheren Freundin, mit der er ein uneheliches Kind hat, soll es ebenfalls gegeben haben. „Haben sie eine Veränderung bei dem Angeklagten in letzter Zeit bemerkt?“, fragte Rothermel die Vorgeladenen – darunter waren drei Viehhändler. Konkretes konnten sie aber nicht berichten. Still sei er schon immer gewesen. Der Mann hatte sie kurz nach seiner Tat angerufen. „Er hat gesagt, er will aufhören und sein Vieh abgeben“, schilderte einer der Zeugen. Am Tag hatten sie noch ahnungslos Kühe von seinem Hof geholt. Der Schwiegersohn, der die grausame Entdeckung gemacht hatte, bestätigte die Vermutung, dass wohl trotz vorhandener Probleme nichts Schlechtes nach außen drang. Seine Frau, die Schwester des Angeklagten, habe mal von Streit erzählt, aber richtig mitbekommen, habe er nichts. Widersprüchlich „Ich hab’ gleich das Gefühl gehabt, dass er es war“, erklärte die Schwester und Nebenklägerin als letzte Zeugin vom Donnerstag. In ihrer ersten Vernehmung durch die Polizei hatte sie eine solche, schwerbelastende Vermutung noch nicht geäußert. Die Auseinandersetzungen zwischen Vater und Sohn bejahte sie: Dabei sei es ums Vieh und um seine Ex-Freundin gegangen. Die Schwester, die auch erklärte „meine Eltern haben nur das beste gewollt“, verweigerte dann aber die Aussage. Die Verhandlung setzte ihr zu – auf die Fragen von Richter Rothermel antwortete sie immer widersprüch­- licher. Ich habe meine ganze Familie auf einen Schlag verloren“, schilderte sie ihre Verfassung. Seit der Tat hatte sie keinen Kontakt mehr zu ihrem Bruder. Auch im Gerichtssaal kam es nicht zum Blickkontakt.

Meistgelesen

Kleiner Käfer, großer Schaden
Kleiner Käfer, großer Schaden
Fällaktion in Murnau
Fällaktion in Murnau
Existenz von Imkerei bedroht
Existenz von Imkerei bedroht
Verbundlösungen gehört die Zukunft
Verbundlösungen gehört die Zukunft

Kommentare