Umstrittener Strohhalm

Bewerbung um Unesco-Weltkulturerbe sorgt für Debatte

Blick aufs Murnauer Moos.
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Das Murnauer Moos lockt schon jetzt zahlreiche Tagesausflügler in die Staffelseegemeinde. Sollte die Unesco-Bewerbung des Landkreises erfolgreich sein, rechnen einige Gemeinderäte mit einer Verschlimmerung des Besucherandranges.
  • vonStephanie Novy
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Murnau – Busse, voll besetzt mit asiatischen Reisegruppen, rollen heran und parken für ein paar Stunden, während die Touristen Selfies knipsen. Die Karawanen sind so schnell wieder weg, wie sie gekommen sind. Gewiss, das Bild ist plakativ, doch Veronika Jones (Grüne) schien in der jüngsten Marktgemeinderatssitzung an einen Punkt angelangt zu sein, an dem sie sich nicht anders zu helfen wusste, um ihre Sorgen deutlich zu machen. Und sie war beileibe nicht die einzige, die befürchtete, dass eine erfolgreiche Bewerbung um das Unesco-Weltkulturerbe-Label den Massentourismus fördern wird.

Keine Meinungsbildung, keine ausführliche Beratung, sondern eine Information zu den neusten Entwicklungen sollte es sein. Immerhin habe man sich bereits vor einem Jahr ausführlich mit der Bewerbung des Landkreises Garmisch-Partenkirchen um die Ernennung der alpinen und voralpinen Wiesen-, Moor- und Weidelandschaften rund um den Staffelsee, im Werdenfelser Land und in Ammergau zum Unesco-Weltkulturerbe beschäftigt, erinnert Bürgermeister Rolf Beuting (ÖDP/Bürgerforum) zu Beginn der Marktgemeinderatssitzung. Eine Erinnerung, welche die anschließende Diskussion nicht komprimieren kann. Über zwei Stunden werden die Marktgemeinderäte über das Thema sprechen.

Dass die Angelegenheit kein Minutenwerk wird, damit dürfte Beuting aber gerechnet haben, immerhin sind an diesem Abend Landrat Anton Speer, Klaus Solleder, Kreisobmann des Bayerischen Bauernverbandes (BBV), sowie Peter Strohwasser, der Mann für Naturschutz und Landwirtschaft im Landratsamt, zugegen, um zu informieren, aber auch, um Fragen zu beantworten. Antworten wird es an diesem Abend durchaus geben, aber nicht auf alle, teilweise mehrmals wiederholten Fragen aus dem Gremium.

Für die Landwirtschaft

Ehe der Fragereigen beginnt, gibt Marktbaumeister Klaus Tworek noch ein Update zum Bewerbungsprozess. Und Beuting spricht sich für eine Unterstützung der Bewerbung, die ein „Rückenwind“ bei der Bewältigung der Ausflüglerströme in der Region sein könne, aus. Landrat Speer wagt einen Rückblick, immerhin „beschäftigen wir uns seit neun Jahren“ mit dem Thema, so der Landrat, der an zahlreiche Versammlungen und Gespräche erinnert. Im Februar 2022 soll die Abgabe der Bewerbung erfolgen. Speer pocht dabei darauf, dass es bei der Ernennung zum Weltkulturerbe nicht um die Schaffung von Schutzgebieten gehe, sondern darum, „unsere Geschichte, unsere Kultur, unsere bäuerliche Familientradition“ zu bewahren.

So sieht es auch Solleder. Der BBV-Kreisobmann spricht von der möglicherweise letzten Chance, um die hiesige kleinstrukturige Landwirtschaft zu erhalten. Strohwasser blickt auf die Bewerbungsunterlagen und meint, dass „die Inhalte jetzt in aller Deutlichkeit vorliegen“, wobei versucht worden sei, Anregungen und Wünsche der Bürger und aus der Landwirtschaft einzuarbeiten. Nun wolle der Landkreis wissen, ob Murnau das Bestreben mittrage. Laut eines Beschlusses vor rund einem Jahr wollte die Gemeinde das jedenfalls.

Damals sei die Zustimmung an gewisse Bedingungen geknüpft gewesen, betont Rudolf Utzschneider (CSU), Referent für Landwirtschaft. Intensiv habe er sich mit der rund 1 500 Seiten starken Bewerbung auseinandergesetzt. Viele Fragen haben sich in ihm aufgestaut – diese wollen nun alle raus. Ihm sei aufgefallen, dass „beschlossene Änderungen zum Teil nicht enthalten oder berücksichtigt worden sind“. Und so fragt Utzschneider, ob denn alle Grundeigentümer informiert und welche Dokumente zur Verfügung gestellt wurden, wie viele Einsprüche es im Raum Murnau gab, wie mit diesen umgegangen wurde und ob die Zustimmungen verbindlich sind.

Am Scheideweg

Beuting blickt nicht sonderlich glücklich drein. „Ich bin nicht sicher, ob alle Fragen beantwortet werden können“, sagt er. Das werden sie nicht. Auch wenn sich Speer, Solleder und Strohwasser alle Mühe geben. Doch deren Aussagen, etwa, dass Grundeigentümer über Aushänge und Landkreiszeitungen informiert worden seien oder dass man zahlreichen Wünschen nachgekommen sei, aber keinen Fleckerlteppich als Kartierungsgebiet wolle, lassen Utzschneider keine Ruhe finden. Im Gegenteil: Utzschneider fordert nachdrücklich Antworten. Solleder betont aber, dass man nun eigentlich über den Managementplan und die Antragstellung sprechen wolle – und muss: „Unsere Landwirtschaft befindet sich am Scheideweg, wir brauchen jeden Strohhalm.“

Kritik und Kopfschütteln

Nach rund einer Dreiviertelstunde möchte Beuting auch das restliche Gremium zu Wort kommen lassen. Felix Burger (SPD) macht sich Sorgen um einen ausufernden Massentourismus und den damit verbundenen Folgen wie steigende Restaurantpreise, Niedriglöhner in der Gastrobranche und steigende Mieten. „Ist es das, was wir wollen?“, fragt Burger. Michael Hosp (CSU) fragt sich derweil, ob das Prädikat Auswirkungen auf die Bauleitplanung haben könne, was Speer verneint: „Die Entwicklungsmöglichkeiten der Gemeinden werden nicht eingeschränkt.“

Welf Probst (FWG) befürwortet die Bewerbung, jedoch sollten die damit verbundenen Sorgen „sehr ernst“ genommen werden. Sorgen, die vor allem auf Seiten der Grünen zu finden sind. Hans Kohl ist überzeugt, dass mit diesem Label der Tourismus zunehmen werde, und macht sich nicht nur Gedanken über volle Parkplätze und Mülleimer, sondern vor allem über die Natur.

Seine Fraktionskollegin Veronika Jones nickt. „Wir leiden jetzt schon unter einem extremen Andrang“. Zwar betonen Beuting und Speer mehrmals, dass man das Problem mit den Tagesausflüglern angehen wolle, doch solche Vorsätze kann Jones nicht mehr hören. Bereits 2015 habe man einen Antrag auf ein Parkleitsystem gestellt, „jetzt haben wir 2021“, erklärt Jones ihr Misstrauen.

Auch Phillip Zoepf (Mehr Bewegen) meint, dass eine kritische Auseinandersetzung mit dem Thema erlaubt sein müsse, und blickt auf die Kommerzialisierung des Labels Weltkulturerbe, die zwar nicht beabsichtigt, aber auch nicht steuerbar sei. Dann holt Utzschneider erneut aus, um seine Fragen loszuwerden. Beuting schnauft mehrmals laut durch und schüttelt den Kopf. „Was machen wir hier?“, fragt er ins Gremium.

»Murnau kennt eh jeder«

Nachdem Wolfgang Küpper (ÖDP/Bürgerforum) zuvor schon appellierte, nicht dem Kulturpessimismus zu verfallen, versuchen Christian Engelbrecht und Simon Pittrich (beide ÖDP/Bürgerforum) nun, das Vorhaben in ein positives Licht zu rücken. Ob nun mit oder ohne Unesco-Label. „Murnau kennt eh jeder“, glaubt Engelbrecht, ehe Pittrich Vorteile einer erfolgreichen Bewerbung aufführt. Ausführungen, die Jones als „ganz nett“ betitelt, denen sie aber wenig abgewinnen kann. Man verkenne die Strategie der Reiseorganisationen, die ihren Blick auf Unesco-Weltkulturerbestätten werfen.

In einer kurzen Pause besprechen sich die Fraktionen untereinander. Letztlich stimmt eine kleine Mehrheit (13:8 Stimmen) für den Beschluss, die Bewerbung des Landkreises zu unterstützen. Dass am Ende nicht alle Fragen beantwortet werden können, „ist für mich eine ganz natürliche Sache“, meint Bürgermeister Beuting. Immerhin befinde man sich noch am Anfang eines Prozesses. Doch all die aufgeworfenen Fragen möchte Michael Rapp (CSU) nun nicht verloren, sondern vollständig im Sitzungsprotokoll aufgeführt wissen.

Von Antonia Reindl

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