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Liao Yiwu gastiert mit seinem Werk »Wuhan« in Murnau

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Von: Antonia Reindl

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Buchvorstellung von Liao Yiwu
Teilt sich nicht nur in Worten mit: Der mit dem Geschwister-Scholl-Preis und dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnete Schriftsteller Liao Yiwu musiziert bei dem Release seines Buches „Wuhan“ vor seinen Zuhörern im Hotel Alpenhof. © Reindl

Murnau – Der wohl größte Gefallen, den man Liao Yiwu machen könne, sei das Lesen seines Buches – und das Schreiben darüber, verlautet es am Ende der Release-Veranstaltung im Hotel Alpenhof. Dramaturg Stephan Knies las zuvor Auszüge aus besagtem Buch, dem nun in deutscher Übersetzung im Fischer Verlag erschienenen Dokumentarroman „Wuhan“, vor. Doch nicht allein Zeilen aus dem Werk waren in diesen zwei Stunden zu hören, sondern auch Musik des chinesischen Autors und Dissidenten sowie Gastbeiträge. Die Erzählungen des preisgekrönten Schriftstellers, aber auch die Aktualität und Dringlichkeit selbiger dürften noch lange nachwirken.

Die Sprache ist direkt, unverhohlen, auf jeden Fall in den Auszügen, die Dramaturg Knies aus dem Buch lebhaft rezitiert. Es sei nicht leicht gewesen, aus dem Chinesischen ins Deutsche zu übersetzen, verrät Fischer-Verlag-Lektor und Übersetzer Hans Balmes, „es ist kein Zuckerbrot“. Nicht allein der Sprache wegen, sondern auch, weil Yiwu „dickköpfig“ sein könne, meint er und lächelt. Das Werk handelt von dem YouTuber und Bürgerjournalisten Kcriss Li, der seine Verhaftung live streamte. „Seitdem ist nicht mehr viel von ihm zu hören“, sagt Knies und erwähnt noch das letzte Video, in dem Li „perfekt frisiert“ und „gut beleuchtet“ auftrete, diese Darstellung „glaubt keiner“. Den stundenlangen Livestream verfolgte der in Berlin lebende Yiwu damals, kommentierte den Stream, wie so viele. Ein Auszug dieser Kommentare ist in dem Buch festgehalten.

Außerdem erzählt der 63-jährige Autor die Geschichte des fiktiven Historikers Ai Ding, der sich in Zeiten der Pandemie auf eine Odyssee zurück in seine Heimat Wuhan begibt. Beide Geschichten „bringen die Realität in der Diktatur an die Oberfläche“, heißt es in der Pressemitteilung zum Release. Beide Geschichten gehen offenen Fragen zum Corona-Virus nach, berichten von der gefährlichen Suche nach Antworten, vom Verschwinden von Bürgerjournalisten, die nach der Wahrheit streben, von Lügen, die Wahrheit sein sollen, von Vertuschung, Gewalt, Propaganda.

Zu Beginn der Release-Veranstaltung aber steht nicht das Buch, sondern Musik. Yiwu greift zu einer Klangschale und singt, dröhnende Vibrationen, die so eindringlich sind, wie die Worte, die folgen. Anschließend ergreift Prof. Dr. Jhy-Wey Shieh, hoher Repräsentant von Taiwan in Deutschland, das Wort. Bei einer Rettungsaktion 2016 habe er Yiwu kennengelernt, so Shieh. Binnen der Jahre habe sich ihre Freundschaft intensiviert, „ich, ein Diplomat aus Taiwan, er, ein Problemat aus China“. Er berichtet, dass die Originalausgabe von „Wuhan“ in Taiwan herausgegeben wurde. Während sich Taiwan in den vergangenen Jahren in Richtung Demokratie entwickelt habe, sei die Lage in China schlimmer geworden, so Shieh mit Blick auf die dortige Regierung. Yiwu selbst „wurde vier Jahre inhaftiert und schwer misshandelt“ wegen seines Gedichtes „Massaker“, das er 1989 verfasst hat, ist auf der Website der S. Fischer Verlage zu lesen.

Der Zeitpunkt der Buchveröffentlichung könnte nicht passender sein. Zur Gunst der Stunde wird Yiwu in der Ankündigung zum Release zitiert. Kurz vor der Eröffnung der Olympischen Winterspiele in Peking werfe sein Buch die Frage auf: „Ist eine solche ‚Quelle des Virus‘, die die Welt infiziert und Millionen von Menschen getötet hat, eine solche ‚No-Go-Zone der No-Go-Zonen‘, ein solches diktatorisches Regime, das willkürlich gewöhnliche Menschen verhaftet und einsperrt, geeignet, die Olympischen Spiele auszurichten?“

Ein klares Nein auf diese Frage ist in Margarete Bauses Wortbeitrag herauszuhören. „Das Buch erscheint genau zum richtigen Zeitpunkt“, meint auch die Sprecherin für Menschenrechte und humanitäre Hilfe der Bundestagsfraktion der Grünen. Die Spiele würden inmitten von Gräueltaten und Menschenrechtsverletzungen stattfinden, würden „für Propaganda eingesetzt“ werden, um Normalität vorzutäuschen. „Die Vergabe an Peking war ein Fehler“, betont sie. Auf die Olympischen Spiele der Vergangenheit blickt der mittlerweile in Deutschland lebende chinesische Künstler Uie-Liang Liou in seinem Gastbeitrag. Mehrere Bände habe er veröffentlicht. Er erzählt in seinen Büchern aus dem Leben seiner Mutter, die als Sportmedizinerin bei zwei Olympischen Spielen „sehr viel Doping erlebt“ habe. Ihr Boykott habe Verfolgung und Überwachung der Familie nach sich gezogen.

In einem abschließenden Buchgespräch zwischen Übersetzer Balmes und Yiwu mit Dolmetscher Chang-Chen Tsao sowie in einer Fragerunde taucht man dann gemeinsam mit dem Publikum noch tiefer ein in die ohnehin schon tiefgreifende Thematik des Dokumentarromans, der, wie Knies erklärt, viele Fakten enthält, die über Transportmittel der Fiktion übermittelt werden. Und es ist ein Roman, „der auf einer anderen Orgel spielt als unsere Romane“, betont Balmes.

Die Stimmung scheint dabei als fragiles Konstrukt, stets auf der Kippe, und kann auch mal ins Humorvolle fallen. Stellenweise sei das Buch „ganz lustig“ meint Knies, und das sei auch wichtig.

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