Gesetzesänderung und Diskussion über völlige Straffreiheit wirft in der Praxis viele Fragen auf

Cannabis auf Rezept

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Aus solchen Cannabispflanzen werden Haschisch und Marihuana gewonnen. Haschisch ist das gepresste Harz dieser Pflanze, Marihuana sind die getrockneten Pflanzenteile. Beides wird in der Regel geraucht.

Weilheim – Im März 2017 wurde in Deutschland der Konsum von Cannabis nach ärztlicher Verschreibung erlaubt. Seither flammt immer wieder eine kontroverse und oft ideologisch geführte Diskussion darüber auf, ob die Droge komplett legalisiert werden soll.

Kürzlich sorgte der Chef des Bundes Deutscher Kriminalbeamter (BDK) mit seiner Forderung nach vollständiger Freigabe für Schlagzeilen und bekam dafür – auch von der größeren Polizeigewerkschaft GdP – heftigen Gegenwind. Das Gesundheitsministerium konterte: Eine Änderung der Rechtslage sei nicht geplant. Bei einem Vortrag in Weilheim kritisierte kürzlich Hanf-Aktivist Wenzel Cerveny die Vergabepraxis.

Mit der Freigabe von Cannabis als Medikament hat sich für Patienten, Ärzte, Apotheken und Polizei eine neue Situation ergeben. „Patienten mit schwerwiegenden Erkrankungen und fehlenden Therapiealternativen können Cannabis in kontrollierter, pharmazeutischer Qualität auf ärztliche Verschreibung in Apotheken erhalten.“ (Quelle: Pharmazeutische Zeitung online 8/2017). Der Kreisbote nahm Cervenys Vortrag in Weilheim zum Anlass für eine Recherche. Dabei zeigte sich: Das Thema ist sehr komplex und der Klärungsbedarf groß.

"Aus der Illegalität holen"

Als das neue Gesetz für Cannabis auf Rezept verabschiedet war, setzten viele austherapierte Patienten große Hoffnungen in die Hanfprodukte. Doch bis heute habe sich wenig getan, stellte Cerveny fest, Vorsitzender des Cannabis Verbandes Bayern und Inhaber eines Bio-Hanfladens in München. Neben Patienten, die inzwischen legal Cannabis verordnet bekommen, sei noch ein erheblicher Teil unversorgt. Das möchte der Hanf-Aktivist ändern. Für „eine der schlimmsten Menschenrechtsverletzungen“ hält Cerveny die derzeitige Situation. Denn viele Patienten, denen THC-haltiger Stoff womöglich helfen könnte, bekämen ihn nicht.

Nicht nur die fehlende Bereitschaft von Ärzten, ein Kassenrezept auszustellen, sieht Cerveny als Problem, sondern auch den schwierigen Weg, die Krankenkasse zu überzeugen, Cannabis zu bezahlen: „Wir kommen wieder in eine Zweiklassengesellschaft. Man wird als Krimineller abgestempelt.“ Bei illegal besorgtem Stoff sei die gleichbleibende Qualität, wie es sie in der Apotheke gebe, nicht garantiert. Immer an die für die Krankheit verordnete Sorte zu gelangen, sei aber wichtig. Als Alternative zu THC – „es gibt 16 Blütensorten“ – stellte Cerveny CBD als kaum psychoaktives Cannabinoid aus dem weiblichen Hanf vor, das entkrampfend, entzündungshemmend, angstlösend und heilend wirken soll. Auch hier sei es schwierig, aus 200 Sorten die passende zu finden.

Ärzten fehlen die Daten

Ärzte jeder Fachrichtung können Cannabisblüten und Extrakte aus Cannabis mit unterschiedlichem Wirkungsgrad für jede medizinische Indikation in der Therapie verordnen. Ein Weilheimer Hausarzt sieht die Anwendung äußerst kritisch. „Es gibt keine wissenschaftlich belegte medizinische Indikation“, begründete er dies mit fehlenden Nachweisen aus der Forschung. Die Ärzteschaft im Landkreis reagiere zu Recht sehr zurückhaltend in der Vergabepraxis. Wenn überhaupt, sei der Einsatz in Einzelfällen in der Palliativmedizin für Schwerstkranke und bei besonderen Erkrankungen durch diesbezüglich erfahrene Mediziner angebracht. Eine Palliativmedizinerin im Landkreis, berichtete der Arzt, habe ihm erklärt: „Meine Patienten brauchen kein Cannabis und kommen mit den eingesetzten Schmerzmedikamenten gut zurecht.“

Besonders schädlich sei Cannabis für Kinder und Jugendliche, deren Hirnreife noch nicht abgeschlossen ist. Bei vollkommener Legalisierung könnte Cannabis leichter in die Hände der Jugend gelangen, befürchtet der Arzt. Medizinisches Cannabis wird standardisiert in Tropfenform verabreicht. Psychisch abhängig mache nur das Rauchen von Cannabis, häufig mit Tabak als Joints gemischt. Wie der Arzt weiter berichtete, hätten in seiner Praxis erst zwei Patienten nach medizinischem Cannabis gefragt: „Nach gründlicher Aufklärung haben sie festgestellt, dass eine Anwendung für sie keinen Sinn macht.“

Polizei speziell geschult

Wie geht die Polizei mit der neuen Gesetzeslage im Straßenverkehr um? „Eine Ordnungswidrigkeit wegen Fahrens unter Drogeneinfluss liegt nicht vor, wenn die Beeinflussung aus der bestimmungsgemäßen Einnahme eines für einen konkreten Krankheitsfall verschriebenen Arzneimittels herrührt und keine Ausfallerscheinungen festgestellt wurden“, teilte das Polizeipräsidium Oberbayern Süd auf Anfrage mit. Ist ein Verkehrsteilnehmer verhaltensauffällig und gibt es Zweifel an der ordnungsgemäßen Einnahme, wird eine Blutentnahme durchgeführt und ein Ordnungswidrigkeitenverfahren eingeleitet. Zeigt der Betroffene zudem bei einer Kontrolle Ausfallerscheinungen, wie eine auffällige Fahrweise, drohen ihm noch ein Strafverfahren sowie die Beschlagnahme des Führerscheins. Die Beamten seien darin geschult, Beeinflussungen durch Drogen mittels einfacher freiwilliger Koordinations- und Pupillentests sowie durch Urin- oder Speicheltests festzustellen. In dem Schreiben heißt es weiter: „Bislang sind im Bereich des Präsidiums Oberbayern Süd keine Auffälligkeiten mit Fahrten in Verbindung mit Medizinal-Cannabis erkennbar gewesen.“

Cannabis nicht verharmlosen

2016 stellten die Polizeikräfte im Präsidiumsbereich über 146 kg Cannabis sicher, im Jahr zuvor waren es noch 60 kg gewesen. Trotz hoher Arbeitsbelastung durch die präventive und repressive Bekämpfung der Rauschgiftkriminalität (2016: 4 200 Delikte in Oberbayern Süd) spricht sich Polizeipräsident Robert Kopp klar gegen eine Entkriminalisierung von Cannabis aus: „Gesundheitsgefährdende Straftaten dürfen nicht legalisiert werden, nur weil sie den Sicherheitsbehörden Aufwände bereiten. Das machen andere Phänomene auch.“

Den Legalisierungsbefürwortern, die Cannabis in der Gefährlichkeit auf eine Stufe mit Alkohol stellen, entgegnet Kopp: „Warum sollen wir uns mit der Legalisierung von Cannabis, einem weiteren Rauschmittel, zusätzliche Probleme schaffen?“ Zumindest in Punkto Verkehrssicherheit könne Cannabis durchaus mit Alkohol verglichen werden. Die verlangsamte Reaktion nach dem Konsum von Cannabis sei nur eine von vielen Gefahren im Straßenverkehr.

Von Maria Hofstetter /ug

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