"Ich liebe es, mich zum Idioten zu machen, wenn es andere stark macht"

Eine Clownin ohne Grenzen

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Vier Clowns ohne Grenzen stecken im Schlauch fest, Susie Wimmer im rosa Schlauch bringt nicht nur die Kinder zum Lachen.

Weilheim – Susie Wimmer möchte in den Bundestag – aber nicht als Politikerin, sondern als Clown. Dort gibt es nicht mehr viel zu lachen, ist sie der Meinung.

Anderen ein Lächeln ins Gesicht zu zaubern, das ist die große Leidenschaft der Weilheimerin. Wimmer kümmert sich um die internationale Koordination der Clowns ohne Grenzen Deutschland e.V. und ist als „Dr. Edda Chokolina Knall- Von Zausel“ in vielen Ländern der Erde unterwegs. Alma Jazbec traf die freischaffende Künstlerin zum Interview, bevor es auf die Reise in den Iran geht. 

Sie wollten zuerst gar nicht zu den KlinikClowns, bzw. Clowns ohne Grenzen, stimmt das? 

SW.: „Ja. Zwei Theaterkollegen hatten mir von dem Projekt erzählt und ich dachte sofort: Nein, ich mag keine Clowns und kranke Kinder sowie alte Menschen zu sehen, das halte ich nicht aus.“ 

Wie kam dann der Wandel? 

S.W.: „Zwei Jahre später, ich hatte mich für Proben aufgewärmt, schoss es mir wie ein Blitz durch den Kopf: Ich werde KlinikClown. Da mache ich mit. Ich ging zum Casting – mir war gar nicht bewusst, dass ich das machen musste. Ich dachte, es ist klar, dass ich dabei bin, wenn ich das wollte.“ 

Sie mögen Clowns ja nicht besonders. Wieso haben Sie kein Problem damit, sich als einer zu verkleiden? 

SW.: „Wir sind nicht so stark geschminkt. Uns ist es sehr wichtig, dass die Lesbarkeit des Gesichts zu erkennen ist. Manche Kinder haben Angst vor Clowns, weil sie als Mensch nicht mehr zu erkennen sind. Das ist bei uns nicht der Fall“ 

Seit 2008 sind Sie auch bei Clowns ohne Grenzen. In zwölf Ländern gibt es verschiedene Clowns ohne Grenzen. Sie waren in Indien, Rumänien und drei Mal im Iran. Ist der Humor in jedem Land gleich, oder müssen Sie verschiedene Sketche einstudieren? 

SW.: „Im Prinzip ist die Menschlichkeit überall zutiefst gleich. Es gibt natürlich Sonderfälle. Aber die Idiotie und die Magie finden alle lustig, egal in welchem Land.“ 

Wie sehen denn Ihre Sketche aus. Haben Sie besondere Utensilien? 

SW.: „Wir integrieren die Kinder mit in unsere Stücke. Wir benutzen Seifenblasen oder ich stelle mich sehr blöd beim ,muratab’, also aufräumen, an. Kinder lieben es, wenn man sich zum Idioten macht. Und ich liebe es, mich zum Idioten zu machen, wenn es andere stark macht.“ 

Sie lernen dann auch ein bisschen die örtliche Sprache? 

SW.: „Ja, aber nur einige Sätze, die wir in unsere Sketche miteinbauen, damit die Kinder verstehen, was wir meinen. Aber viel passiert durch Mimik und Gestik.“ 

Was ist so spannend an Ihrem Beruf als Clown, mal von den Reisen abgesehen. 

SW.: „In manchen Stücken sehe ich die Kinder nicht, weil ich einem Schlauch stecke. Dann warte ich gespannt auf die Reaktion der Kinder, und höre wie das Stück ankommt. Wenn die Kinder dann lachen, freue ich mich. Das ist immer sehr spannend.“ 

Sie bekommen bestimmt auch viele Schicksale vor Ort mit. 

SW.: „Ja. Die Kinder erzählen sie zum Teil selbst oder es passiert nonverbal – das Kind lässt zum Beispiel die Hand nicht mehr los und möchte dann mit uns mitkommen.“ 

Wie verarbeiten Sie und Ihre Kollegen solche Eindrücke? 

SW.: „Während unserer Reise haben wir Gesprächsrunden, die sind zwar etwas begrenzt, aber der Platz muss da sein. Ein Nachtreffen findet aber immer vier bis acht Wochen nach unserer Rückkehr statt. Dann besprechen wir auch, was wir erlebt haben und was uns bewegt hat. Ich selbst mache gerade eine Fortbildung für psychische Hilfe. Man muss eine gewisse Einstellung zu Krankheit und Tod gefunden haben. Wichtig ist, dass jeder weiß, wie er oder sie handlungsfähig bleibt.“ 

Sie sind seit 15 Jahren ein KlinikClown und seit sechs Jahren ein Clown ohne Grenzen. Welches Erlebnis haben Sie bis heute nicht vergessen? 

SW.: „Ich hatte viele schöne Erlebnisse. Der Abschied ist immer schwer, wenn man geht. Das Schöne ist aber, man kann auch wieder kommen. Wir waren im Iran an Muharram. Das ist der Trauermonat im Islamischen Kalender. In der Zeit wird viel gebetet und weniger gelacht. Wir besuchten ein Krankenhaus und es hieß, wir können nicht auftreten. Wir haben das respektiert, aber Clown ist Clown. Wir haben es dann vorsichtig versucht und das hat mit den Kinder gut funktioniert. Plötzlich kamen vier Männer mit einem langen Bart und ernsten Gesichter. Wir dachten schon, dass es Ärger gibt. Aber sie sagten zu uns: ‘Wir haben unsere Kinder schon lange nicht mehr so lachen sehen!’ Da fiel uns ein Stein vom Herzen. Danach hielt ich noch einen Workshop für die Krankenhausmitarbeiter. Das Thema war Freude im Krankenhaus. Während des Vortrags schaute ich nur in ernste Gesichter und ich dachte mir: Was tue ich hier eigentlich? Am Ende bedankten sich alle sehr herzlich bei mir und das war wirklich sehr schön.“ 

Die Clowns ohne Grenzen spielen ja nicht nur in Kinderheimen oder Krankenhäusern. Eine Bühnen waren auch schon ein großer Balkon in Indien oder ein Flüchtlingslager in Syrien. Sie sind im Iran, in Indien und in Rumänien gewesen. Schauen denn auch Erwachsene bei den Auftritten zu? 

SW.: „Ja! Es ist sehr wichtig, dass Erwachsene in solchen Situationen auch lachen. Viele weinen auch aus Freude, weil sie ihre Kinder nach langer Zeit wieder lachen sehen. Es ist fast wichtiger, dass die Eltern Freude haben und in eine fröhlichere Welt eintauchen können. Dann sehen die Kinder auch wieder Freude in den Gesichtern ihrer Eltern.“ 

Wie sieht es mit der Sicherheit in Krisengebieten aus? 

SW.: „Die Sicherheit unserer Clowns, unserer Partner und Kontakte steht immer an erster Stelle. Wir schützen sie alle. Es macht keinen Sinn, mutig zu sein. Ein Clown, der Angst hat, ist kein lustiger Clown. Aber ein Krisengebiet muss nicht immer ein Ort sein. Es kann auch ein innerer Zustand eines Menschen sein.“ 

In welches Land würde Sie gerne als Clown reisen? 

SW.: „Es ist kein Land. Ich möchte gerne in den Bundestag.“ 

Gibt es dort nicht schon genug Clowns? 

SW.: (lacht) „Ja, aber sie haben den Humor verloren und an solche Orte gehört der Humor. Die Politiker fangen an, sich zu ernst zu nehmen.“ 

Wie hat Sie das „Clownsleben“ verändert? 

SW.: „Ich habe viel über mich und die Menschen gelernt. Früher, als ich einen Fehler machte, ärgerte ich mich. Heute genieße ich die Fehlerquelle. Wenn ein Clown zu blöd ist, die Türe aufzumachen, und die Kinder lachen, genieße ich das zum Beispiel – auch in meinem privaten Leben.“ 

Vielen Dank für das Gespräch!

Wer mehr über die Clowns ohne Grenzen erfahren möchte, findet weitere Infos auf www.clownsohnegrenzen.org. Spenden werden unter folgenden Konten angenommen: Clowns ohne Grenzen Deutschland e.V., Konto: 1847511, BLZ: 21463603, Volksbank Raiffeisenbank Nortorf. KlinikClowns Bayern e.V., Konto 45900, BLZ 70169614, Freisinger Bank eG.

"Joy in Iran" 

Ein Film im Enstehen Vier „Clowns ohne Grenzen“ reisen im Herbst in den Iran, um dort vor Kindern in Waisenhäusern und Sozialstationen, Krankenhäusern und Behindertenheimen aufzutreten. Walter Steffen begleitet die Clowns mit seinem Filmteam. Sein Dokumentarfilm „Joy in Iran“ zeigt dem Kinopublikum ein anderes Bild des Irans sowie die Arbeit der Clowns ohne Grenzen im Ausland. Da der Film zum Teil durch Crowdfunding finanziert wird, würde sich der Regisseur freuen, wenn einige Spenden für den Film zusammen kommen würden. Mehr Infos darüber gibt es unter www.startnext.de/joy-in-iran.

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