56 Kilometer mit dem Rad zur Arbeit

»Corona-Detektiv« Benedikt Wiedemann holt sich Energie im Sattel

Benedikt Wiedemann auf seinem Arbeitsweg.
+
Benedikt Wiedemann fährt jeden Tag 56 Kilometer mit dem Rad zur Arbeit – und natürlich auch wieder nach Hause.
  • vonStephanie Novy
    schließen

Weilheim/Region – Benedikt Wiedemann ist schwer zu erreichen in diesen Wochen. Sein Job fordert den ganzen Mann: „Ich leite die Sondereinheit Corona am Gesundheitsamt“, erklärt er. „Das bedeutet Konferenzen am laufenden Band, Telefonate, täglich neue Herausforderungen und Adrenalin pur.“ Seit einem Jahr steht der 29-Jährige unter Hochspannung. Und die baut er am liebsten im Sattel ab – auf seinem langen Rad-weg zur Arbeit und zurück nach Hause.

„Anfangs halten sie mich immer für verrückt“, grinst Wiedemann, „aber wenn ich mal nicht mit dem Rad fahre, dann muss ich mich dafür rechtfertigen.“ – vor seinen Mitmenschen, die den 29-Jährigen für seine Leidenschaft vermutlich insgeheim bewundern. Wiedemann fährt mit seinem Carbonrahmen-Rennrad nämlich 56 Kilometer in die Arbeit ins Gesundheitsamt Weilheim. Und natürlich auch 56 Kilometer wieder zurück nach Hause, nach Kaufbeuren. Ein Radpendler zwischen Oberbayern und Schwaben, mehr als zwei Stunden ist der Mann dafür unterwegs, einfach. Mit einem respekteinflößenden Schnitt von etwa 26 km/h. Von West nach Ost geht’s dabei etwas leichter, weil bergab. Heimwärts muss Wiedemann hingegen stärker in die Pedale treten, da stellen sich ihm immerhin satte 560 Höhenmeter in den Weg. Der Kaufbeurer führt penibel genau Buch über seine Fahrten, speichert alle Werte in seinem Smartphone. „Es macht mir einfach Spaß“, erklärt der Radfahrer und: „Radeln macht den Kopf frei und den Körper fit.“ Das kann der 29-Jährige gut gebrauchen in diesen Zeiten der dauernden Herausforderung: Wiedemann ist Leiter der Weilheimer „Sondereinheit Corona“ im dortigen Gesundheitsamt. Sein Team muss unter anderem Neuinfizierte finden und betreuen. Eine Sisyphusarbeit, „in dauernder Anspannung, mühsam und langwierig“, sagt Wiedemann. Vor einem Jahr waren damit gerade mal 26 MitarbeiterInnen beschäftigt, am Höhepunkt der zweiten Welle im Winter waren es 120. „Wir nutzen jeden etwas ruhigeren Tag aus, um wieder Kraft zu tanken“, betont er, „anders schaffst du das nicht.“ Momentan ist das Team etwas kleiner, es kann aber beim weiteren Anstieg der Inzidenz jederzeit wieder vergrößert werden.

Ausnahmsweise auch mal mit dem Auto

Zur Regeneration also rauf aufs Rad, auch wenn im Winter schier die Beine abgefroren sind vor lauter Kälte. Egal: „Es ist einfach phantastisch, morgens um sechs oder sieben lautlos und allein durch die Wiesen zu rollen“, schwärmt Wiedemann. „Die Sonne geht auf und im Süden siehst du immer wieder die Alpen– vom Allgäu bis zur Zugspitze!“ Manchmal rollt er lautlos auf eine spielende Fuchs-Familie zu, kommt ganz nah an die Welpen heran: „Die hören mich nicht auf meinem Hightech-Fahrrad“, lächelt er, „und schauen dann völlig überrascht, wenn sie mich sehen.“ Wiedemann weiß: nicht jeder Weg zur Arbeit ist derart schön wie seiner.

Schade, dass nicht jeder Autofahrer ihm dieses Erlebnis gönnt. Seine Radltour führt nicht immer über einsame Nebenstraßen, vor allem in den Dörfern rauschen Autos viel zu eng an ihm vorbei, schneiden ihn oder machen Zeichen eindeutig aggressiver Art. „Ich verstehe das nicht“, wundert sich der Kaufbeurer. „Es ist nicht nur gefährlich , sondern einfach traurig.“ Auf jeder dritten Radlfahrt, so schätzt er, muss er eine gefährliche Begegnung mit dem motorisierten Verkehr verkraften. Viel zu oft fehlt es hierzulande an sicheren Radwegen, ein Manko, das im gerade veröffentlichten bundesweiten Fahrradklima-Test stark kritisiert wird. Da gibt es für Weilheim die Note „noch ausreichend“ und damit nur Rang 34 von 49 in der Städtekategorie mit 20 000 bis 50 000 Einwohnern. Auch Wiedemanns Startort Kaufbeuren schneidet nicht besser ab – Rang 32.

Der begeisterte Radler versucht etwas dagegen zu tun. Der Corona-Detektiv setzt sich im Landkreis Weilheim-Schongau seit geraumer Zeit fürs Radfahren ein. Bessere Radwege sind ein Ziel seines Engagements, auch wenn die Realisierung dauert. Gerade hat Wiedemann den Landkreis für die Aktion „Stadtradeln 21“ angemeldet. Zwischen Schongau, Raisting und Peißenberg sind die Menschen schon seit Jahren immer vorn dabei, wenn mit dem Rad für Klimaschutz und bessere Radinfrastruktur gestrampelt wird. Außerdem will der Rennradler jetzt endlich in den ADFC Bayern eintreten – dem Fahrradclub war er schon im vergangenen Sommer ein Video-Interview wert gewesen, wegen seines imposanten Tagespensums im Sattel (hier zu finden unter).

Im zurückliegenden Winter musste Wiedemann allerdings öfter mal vom Rad steigen, es gab zu viel Schnee und Eis und da ist seine Strecke nicht zu schaffen. „Es soll ja auch Spaß machen“, meint er. „Im Winter muss es halt mal mit dem Auto sein.“ Falls es ihn aber doch „juckt“ aufs Rad zu steigen, hat Wiedemann immer Wechselklamotten im Gesundheitsamt deponiert; sicher ist sicher. „Ich kann ja nicht völlig verschwitzt an einer Sitzung teilnehmen.“

Jetzt freut er sich auf mehr Fahrten im Frühling und vor allem auf den Sommer: an einem lauen Morgen über die „Dampflokrunde“ von Kaufbeuren aus in Richtung Oberland zu rollen, den Fahrtwind im Gesicht und die Geräusche und die Düfte der erwachenden Natur in den Ohren und in der Nase: „Was Schöneres gibt’s doch gar nicht.“

Von Lutz Bäucker

Bilder, Videos und aktuelle Ereignisse aus Ihrer Heimat: Besuchen Sie den Kreisboten Weilheim-Schongau auch auf Facebook.

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Für Schnelltests – CSU/FDP-Fraktion stellt Antrag
Für Schnelltests – CSU/FDP-Fraktion stellt Antrag
Apotheke in Murnau führt Corona-Schnelltests in Drive-in-Manier durch
Apotheke in Murnau führt Corona-Schnelltests in Drive-in-Manier durch
Neues Corona-Schnelltestzentrum in Oderding
Neues Corona-Schnelltestzentrum in Oderding

Kommentare