In kleinen Schritten zum Ziel

Das Leben nach einem Schlaganfall

Gabriele Askamp im Homeoffice.
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Gabriele Askamp im Homeoffice.
  • Mihriban Dincel
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Weilheim – Das Leben mit einer Behinderung ist nicht einfach und es kann jeden betreffen. Im Fall von Gabriele Askamp waren es die Folgen eines Schlaganfalls, die ihr Leben veränderten.

Bekannt ist Askamp vor allem durch ihre Sportkarriere im Brustschwimmen. Denn bei den Olympischen Sommerspielen 1976 in Montreal belegte sie in 100 m den fünften Platz im Endlauf. Dem Schwimmsport war sie durch ihre Familie stark zugeschrieben. Bereits ihr Onkel und auch ihr Vater waren Schwimmer und übten den Sport erfolgreich aus. Die 1955 in Bremerhaven geborene Askamp lernte aber eigentlich Medizinisch-technische Assistentin (MTA). Ihr erstes Ausbildungsjahr absolvierte sie 1977 in einem Krankenhauslabor in Bremerhaven.

Dort lernte sie ihren Mann kennen, der bis heute an ihrer Seite ist. Diesen verschlug es dann 1984 aus beruflichen Gründen nach Tutzing, weswegen es zu einem Umzug nach Weilheim kam. Hier blieben die beiden, bekamen zwei Söhne und wurden zu Weilheimern.

Im Jahr 2001 veränderte sich das Leben der Familie. Gabriele Askamp erlitt in Folge einer Lymphknoten-Operation einen Schlaganfall. Dadurch ist sie halbseitig links gelähmt. Da auch der Fuß und das Bein davon betroffen sind, ist sie auf den Rollstuhl angewiesen. „Ich bin nicht krank. Ich hatte einen Schlaganfall und lebe mit den Folgen“, fasst sie ihre Situation zusammen. Sie lag zunächst acht Wochen im künstlichen Wachkoma. „In der ersten Zeit konnte ich gar nicht reden“. Vieles musste sie neu erlernen, wie die Technik des Sprechens und Atmens. Nach einem dreiviertel Jahr Krankenhausaufenthalt hatten die Ärzte ihren Mann gefragt, ob er sich bereits über ein Pflegeheim informiert hätte. Doch das kam nicht infrage. Ihr Mann wollte sie zu Hause pflegen.

Hilfe und Angebote bekam Askamp bei der Caritas und über das Mehrgenerationenhaus. Hier werden Ausflüge, Kurse und auch Beratungen angeboten. Auch der Sozialdienst des Krankenhauses habe sie informiert. Entscheidend sei aber die Tagespflege der Ökumenischen Sozialstation in Peißenberg gewesen. Denn so war Askamp versorgt, während ihr Mann seiner Arbeit nachging. Zunächst war sie fünf Tage die Woche dort. Sie wurde tagsüber betreut und konnte abends wieder nach Hause. Die Tagespflege wurde jedoch 2014 geschlossen und seither besucht sie die private Tagespflege Villa Via Vita in Wielenbach. Dort werden 12 bis 15 Personen, häufig ältere und demenzerkrankte, betreut. „Es gibt nur wenig solcher Einrichtungen und vor allem kaum welche für junge Betroffene“, klärt Askamp auf. Mittlerweile geht sie nur noch zweimal wöchentlich zur Tagespflege. „So hat mein Mann zwei Tage für sich, die er frei gestalten kann“. In der Tagespflege wird dann Gymnastik gemacht, aber auch Rätsel, Musik und andere Unterhaltung ist geboten.

Durch Ergotherapien sowie Krankengymnastik habe sich ihr Zustand bereits gebessert. Daher konnte Askamp 2015 sogar einen Urlaub in Ost-Kanada verbringen. Doch sind nicht alle Aktivitäten möglich. „Ich kann nicht einfach an den Strand oder in den Wald. Aber Viewpoints sind oft barrierefrei“ erläutert sie.

Und auch im Alltag gibt es einige Hürden, die Askamp überwinden muss. So hilft ihr Mann ihr morgens im Bad oder beim Einkleiden. Auch braucht sie beim Treppensteigen Unterstützung und kann nicht einfach so ohne Weiteres nach einem Buch im Regal greifen. Jeder Schritt muss gut geplant sein. „Die Spontanität fehlt“, erklärt sie. Umgebaut werden musste im Haus aber nichts. Denn die Türen sind breit genug und das Bad ausreichend groß. Jedoch Schwellenrampen werden benötigt, um Türschwellen mit dem Rollstuhl zu überwinden.

In Weilheim sieht sie nur wenig Hürden. Das ginge alles sehr gut, auch mit den Stadtbussen. Zudem sind mehrere öffentliche Toiletten für sie problemlos zugänglich. Dennoch gäbe es ein paar Mängel, so wie die Toilette am Marienplatz beim Stadtmuseum. Deren Tür ginge nach Innen auf. Das ist für Rollstuhlfahrer, die sich im Raum befinden und die Tür öffnen möchten, nicht so einfach. Auch gibt es oft kleine Hürden, die unumgänglich sind. So wie die drei Zentimeter hohe Bordsteinkante bei Überquerungsstellen. Diese ist zwar nicht optimal für Rollstuhlfahrer, dafür sei sie aber umso wichtiger für Sehbehinderte Menschen, um sie als Querungsstelle wahrzunehmen.

Auch wenn Askamp nicht viele Verbesserungsvorschläge hat, würde sie sich wünschen, dass bei den baulichen Änderungen zur Barrierefreiheit mehr Menschen mit Behinderung einbezogen werden. Denn nur so könne man herausfinden, ob das Konzept funktioniert. Außerdem sei es wichtig, dass die gebotenen Hilfsmittel funktionsfähig sind. „Ein Aufzug am Bahnhof bringt mir nichts, wenn er defekt ist.“ Aber mit guter Planung und Unterstützung sei vieles machbar.

Als nächste große Herausforderung steht ein Umzug in eine weitestgehend barrierefreie Wohnung an, da das Miethaus in dem Askamp wohnt verkauft wird. Die Suche ist schwierig, da geeigneter Wohnraum in Weilheim kaum vorhanden ist.

„Man darf sich nicht aufgeben. Man muss immer an sich arbeiten und Ziele in kleinen Schritten verfolgen“, gibt Askamp den Menschen mit auf den Weg, die sich in einer ähnlichen Situation wie sie befinden.

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