Asyl im Oberland lud zu Gesprächsrunde mit Professoren ein – Mahnung an "politische Klasse"

Populisten Grenzen setzen

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Prof. Dr. Norbert Frei (2.v.li.) und Prof. Dr. Stephan Lessenich (3.v.li.) kamen ohne Honorarforderung ins evangelische Gemeindezentrum nach Peißenberg. Moderiert wurde die Veranstaltung von Ingeborg Bias-Putzier.

Peißenberg – Als 2015 die Flüchtlingskrise ihren Höhepunkt erlebte, wurde Deutschland weltweit für seine Willkommenskultur gelobt. Doch die Zeiten haben sich geändert: „Die Euphorie ist leider gesellschaftlich abgeebbt“, konstatierte Ehrenamtskoordinatorin Susanne Seeling, als sie zusammen mit Ingeborg Bias-Putzier vom Asylunterstützerkreis Weilheim die rund 70 Besucher begrüßte, die zu einer Gesprächsrunde ins evangelische Gemeindezentrum nach Peißenberg gekommen waren.

„Die liberale Demokratie steht unter Druck wie seit der Zeit der beiden Weltkriege nicht mehr. Was fehlt ist sozialer Zusammenhalt – doch wie lässt sich dieser stärken?“ Das war die Frage, mit der die Organisatoren von „Asyl im Oberland“ die Talkrunde umschrieben hatten. Prof. Dr. Norbert Frei (Jena) war dabei für den historischen und Dr. Stephan Lessenich (München) für den soziologischen Blickwinkel zuständig.

Die Analyse der beiden Wissenschaftler war nahezu deckungsgleich: Demnach sei die Demokratie aktuell in einer Krise, die „Jahrzehnte der neoliberalen Durchdringung“ hätten den Individualismus gefördert und den sozialen Zusammenhalt zersetzt. Im Vergleich zu den Krisen in der Weimarer Republik sei Armut aber kein Massenphänomen – im Gegenteil. Laut Frei hat sich seit der Wende die Gesellschaft in Deutschland verändert. Die Erwartungen an den Staat seien gestiegen. „Aber Enttäuschung über den Staat ist keine politische Haltung“, betonte Frei. Aber wie begeistert man die Menschen wieder für die Demokratie? Wie lockt man vor allem die Zufriedenen aus ihrer politischen Trägheit?

„Ich habe dafür kein Rezept“, räumte Lessenich ein: „Wir haben leider ein großes Milieu der Wohlstandsverwahrlosung.“ Wäre Armut ein Grund für die Verachtung der Demokratie bei gewissen Gesellschaftsschichten, „dann könnte man mit Umverteilung reagieren: „Aber das ist mehr ein aufgeklärter Chauvinismus. Man will alles behalten und nicht ansatzweise gefährden“, so Lessenich.

Die beiden Professoren mahnten die „politische Klasse“, nicht den Rechtspopulisten hinterherzulaufen und deren menschenverachtende Rhetorik zu übernehmen. Es sei ein Trugschluss, zu glauben, damit verlorene Wähler in die Mitte zurückzuholen. „Die politische Klasse muss dagegenhalten. Alles andere wäre verheerend und demokratieverachtend“, erklärte Lessenich – und damit war die Diskussion beim heimischen Bundestagsabgeordneten angelangt: „Herrn Dobrindt kann man unterstellen, dass er es aus strategischen Gründen macht. Aber das ist besonders perfide, weil es die Positionen der AfD nur verstärkt.“ Frei stieß bezüglich des CSU-Landesgruppenchefs ins gleiche Horn: „Dobrindt ist ein historisch ahnungsloser Soziologe.“ An die Asylhelfer appellierte Frei, ihre Anliegen zu politisieren. Auch sei es notwendig, dem „braunen Mist“ die guten Beispiele von Integration entgegenzusetzen: „Sie reden zu wenig darüber. Sie müssen aktiv über gelungene Integration sprechen und sie mit Selbstbewusstsein vertreten.“ Auf die Kritik eines Besuchers, dass zu der Gesprächsrunde kein höherrangiger Mandatsträger erschienen ist, spielte Frei den Ball zurück zu den Asylhelfern: „Haben Sie es eigentlich schon jemals versucht, Herrn Dobrindt einzuladen? Warum eigentlich nicht? Und wenn er nicht kommt, dann tragen Sie es ihm nach.“

Von Bernhard Jepsen

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