Das Leben als Stromkreis

Der Weilheimer Literaturpreis wurde an Saša Stanišic verliehen

Screenshot: Saša Stanišic hält seine Rede an die Jugend.
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Den Weilheimer Literaturpreis, der alle fünf Jahre verliehen wird, hat diesmal Saša Stanišic erhalten. In einem Video hält er seine Rede an die Jugend.
  • vonStephanie Novy
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Weilheim – Der Weilheimer Literaturpreis ist seit 1988 ein fester Bestandteil im kulturellen Leben der Kreisstadt. Zum zwölften Mal wurde er 2020 verliehen – diesmal online.

Lange hatte die Schülerjury des Gymnasiums dieser Veranstaltung entgegengefiebert. Doch wie in so vielen anderen Bereichen auch, machte die Pandemie einen Strich durch die Rechnung. Die elf Schülerinnen der Abiturklassen fanden dennoch einen Weg, den Geehrten online zu würdigen.

2020 war für Saša Stanišic ein erfolgreiches Jahr: Er bekam vier Literaturpreise, darunter den aus Weilheim. Der Stolz auf seinen früheren Schützling ist Walter Nickisch in seiner Video-Laudatio anzusehen. Stanišic selbst hatte sich seinen ehemaligen Deutschlehrer als Redner gewünscht. Die beiden trafen einander, als Stanišic kurz nach seiner Flucht vor dem Bosnienkrieg Schüler an der internationalen Gesamtschule in Heidelberg war. „Er konnte kein Wort Deutsch“, erinnert sich Nickisch. Wissbegierig sei der damals 14-Jährige gewesen und er habe schnell gelernt. Als er mit auf einer Uralt-Schreibmaschine getippten Gedichten ankam, fiel dem Lehrer schnell die sprachliche Begabung auf.

Unter einem Pseudonym wurde eines von Stanišics Gedichten im Unterricht behandelt. Nach der Auflösung der Urheberschaft waren die Klassenkameraden begeistert. Der Junge habe das erste Mal erlebt, dass seine Texte in der Öffentlichkeit wirkten. Seine Liebe zum Schreiben poetischer Texte habe diese Erfahrung enorm beflügelt, glaubt der ehemalige Lehrer. Auch unzählige Preise und Plätze auf Bestsellerlisten hätten jedoch nichts am Wesen des heute 42-Jährigen verändert: „Nicht nur wegen seiner Sprachkunst bewundere ich Saša. Ich schätze seine Bodenhaftung, seinen Humor, seine Menschlichkeit. Immer freundlich, lächelnd, dankbar.“

Ein filmischer Beitrag

Genau das faszinierte auch die Jury. Um dies herauszustellen, ging sie ungewöhnliche Wege. In Anspielung an Stanišics Aussage, sein Buch „Vor dem Fest“ könnte als Netflix-Serie verfilmt werden, drehten die Schülerinnen „Staniflix“. In sechs Episoden stellen sie Texte des Preisträgers vor und zeigen, was ihnen daran so gefällt. Ob Melancholie, Experimentierfreude, Humor, Multiperspektivität oder gedankliche Exkurse: Den Jugendlichen gelingt es, Stanišic und seine Literatur in den Kurzfilmen sowie den Einspielern dazwischen vorzustellen. „Es ist eine große Chance, Weltklasseliteratur auch denen näherzubringen, die etwas lesefaul sind“, sagt Sandra Punzet, eine der Jurorinnen, im Video. Mitschülerin Nicole Heigl ergänzt: „Wir hoffen, dass die Jugendlichen auch selber die Bücher lesen.“

„Es ist keine Selbstverständlichkeit, von jungen Leuten gelesen zu werden“, erkennt Stanišic in seiner Rede an die Jugend. Es sei ihm auch nicht leicht gefallen, die Rede zu schreiben. Gelungen ist es ihm dennoch.

„Ich werde – und das ist mein Los als Schriftsteller – von einer Sache erzählen, aber gleich sieben andere meinen“, warnt er zu Beginn. Er wolle etwas erklären, was er nicht verstehe: Strom. Und so dient der Titel der Rede „Strom“ dann auch als Metapher für unzählige Themen, die der Schriftsteller anspricht. Er scheut im Video nicht zurück vor politischen Themen wie sozialer Ungleichheit, Menschenfeindlichkeit, Rassismus, Kritik an der EU-Flüchtlingspolitik oder Homophobie.

Die Biografie könne als ein Stromkreis von Geschichten mit all solchen Umständen gesehen werden. So hinterfragt der gebürtige Bosnier auch sein eigenes Leben und den Weg, der ihn dorthin geführt hat, wo er jetzt steht. Trotz Herkunft, Krieg und Flucht sei er jetzt ein Preisträger. Das sei für ihn ebenso schwierig zu verstehen wie Strom. „Man soll fragen und recherchieren, wenn man mal etwas nicht versteht“, ermutigt er.

Es gebe Widersprüche im Leben und Schalter, die den Stromkreis des Lebens weiterlaufen lassen. Für ihn habe es viele solcher Momente gegeben: Erlebnisse seiner Kindheit, die Angst an der Grenze bei der Flucht, ein unbekannter Wohltäter, der den Flug nach Deutschland ermöglichte, und vor allem die Familie. Die Jugendlichen sollen Schlüsse ziehen aus dem, was Stanišic über sich erzählt. Er möchte den Teenagern auf Augenhöhe begegnen und sich auf sie einlassen und empfiehlt ihnen, für das einzustehen, was sie für richtig halten: „Vertraut mir bitte nicht; oder nur so weit, wie ihr mich durchschaut.“

Seid anderen Strom, seid anderen Schalter und Ermöglicher.

Saša Stanišic, Autor und Preisträger

„In Zeiten großer Selbstzweifel können Freunde helfen“, habe Stanišic unter anderem in seiner Basketballmannschaft sowie an der Uni in Heidelberg gelernt. „Ich wäre nicht hier, (...) wenn andere mir nicht zur Seite gestanden wären“, ist er sich sicher und appelliert an die Zuhörer: „Seid einander, seid anderen Strom, seid anderen Schalter und Ermöglicher, wenn ihr könnt, seid Spannungsquellen. (...) Leuchtet füreinander den Weg (...) Seid mutig zu sagen, was nicht alle hören wollen.“

Nach dieser Maxime handelt auch er selbst. „Über schwierige Themen leichtgängig zu schreiben“, habe er während seines Studiums – Deutsch als Fremdsprache und Slawistik – durch die Bücher seines literarischen Vorbilds, den österreichischen Krimiautor Wolf Haas, gelernt. Nicht zuletzt diese Leichtigkeit gepaart mit bitterer Traurigkeit hat auch die Jurorinnen Stephanie Haseidl, Annalena Bischof, Nicole Heigl, Milena Hughes, Chiara Koll, Magdalena Moy, Annika Preuß, Sandra Punzet, Lina Stöppel, Nina Wiesmaier und Anna Wypchol überzeugt.

„Wir empfehlen die Literatur Saša Stanišics, weil diese niemals langweilig wird. In meisterhafter und schöpferischer Manier begeistert Stanišic seine Leser durch eine Sprache, die ihm einst fremd war, welche er jedoch zu seiner eigenen gemacht hat, ebenso wie durch eine große Bandbreite von Themen, die Einnahme einer Vielzahl von Perspektiven und das mühelose Bespielen der Gefühlsklaviatur von tief dunklem Moll bis in hell tönendes Dur“, heißt es in der Preisurkunde vom 26. Oktober 2020.

Die Laudatio, die Rede Stanišics sowie die Videos der Schülerinnen sind auf der Webseite des Gymnasiums zu finden. Auch ein Weilheimer Heft wird demnächst in Weilheimer Buchhandlungen zu kaufen sein.

Zur Person

Saša Stanišic wurde am 7. März 1978 in Višegrad, Jugoslawien, geboren. Mit 14 Jahren floh er mit seinen Eltern vor dem Bosnienkrieg nach Deutschland. In Heidelberg machte er sein Abitur und studierte Deutsch als Fremdsprache und Slawistik. Inzwischen ist der Schriftsteller mehrfacher Literaturpreisträger. Sein neuester und vierter Roman „Herkunft“ erschien 2019.

Von Ursula Gallmetzer

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