Fassaden der Flüchtigkeit

Die Münchener Art Managerin Ánh Nguyen bringt Graffiti-Kunst nach Weilheim

Art Managerin Ánh Nguyen mit ihrer Schwester My Hanh Nguyen.
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Findet Spuren alter Meister in moderner Straßenkunst: Art Managerin Ánh Nguyen (links) mit ihrer Schwester My Hanh Nguyen, die sie als Assistentin bei nahezu allen Projekten begleitet.

Weilheim – Erst vor Kurzem war sie wieder dort, an dem Ort, den sie jahrelang viele Male passiert hat. Und noch immer ist es da, das Graffiti von damals. „Beatstreet“ prangte an der Turnhalle an der Jahnstraße, als Ánh Nguyen noch Schülerin war. Noch immer zieht der Schriftzug ihre Blicke auf sich. Nicht, weil dieser sonderlich schön oder hochwertig gestaltet ist, sondern weil er nach wie vor da ist. Heute ist Nguyen 31 Jahre alt und selbstständige Managerin und Beraterin in der Kunstbranche. Und neben dem alten Schriftzug an der Fassade haben nun viele weitere Straßenkunstwerke in ihrem Gedächtnis einen Platz gefunden.

Sie konnte es einfach nicht lassen, sie musste den hartnäckigen Schriftzug knipsen. „Das Graffiti hab‘ ich immer auf dem Weg zur Schule gesehen“, sagt Nguyen. Bis heute wurde es nicht überstrichen. Jedoch kreuzen andere Graffitis teilweise seinen Weg. Wobei das, in der Fachsprache wird es Crossing genannt, eigentlich nicht passieren darf. Das ist quasi ein ungeschriebenes Gesetz in der Szene. Ein neues Graffiti dürfe erst gesprüht werden, wenn das alte Werk mit Farbe und Pinsel beziehungsweise Rolle übermalt wurde und eine neue Fläche entstanden ist, erklärt Nguyen.

Alte Meister treffen auf moderne Kunst

Und die junge Frau weiß, wovon sie da spricht. Sie kennt sich aus in der Szene und deren eigenen Jargon. Die 31-Jährige studierte Kunstgeschichte, schloss den Master ab und schreibt nun an ihrer Doktorarbeit. Thema: „Rezeption der klassischen Maler in Streetart“. Ein Thema, das sie ganz bewusst ausgewählt hat. Die alten Meister beschäftigten Nguyen während ihres gesamten Studiums, nach ihrem Master aber wollte sie sich Neuem zuwenden, eine Abhandlung zu Altbekanntem und Vielerzähltem wollte sie keinesfalls schreiben. „Das interessiert heute keinen mehr“, schmunzelt Nguyen. Ganz weg von den alten Meistern kommt sie aber nicht, wenn sie untersucht, inwieweit Künstler wie Vermeer oder da Vinci Einzug in die Streetart, und damit auch in die Graffiti-Kunst, gefunden haben. Und die Graffiti-Kunst ist keine Unbekannte für die 31-Jährige. Zwei Jahre lang arbeitete Nguyen als Kuratorin in einem Streetart-Museum. Zwei Jahre, die viele Gelegenheiten boten, um Einblicke und Kenntnisse in der Szene zu gewinnen.

Die Straßenkunstszene, allgemein die Kunstszene, ist nicht unbedingt das Terrain, in dem Nguyens Eltern ihre Tochter sehen wollten. 1992 kam Nguyen mit ihrer Familie aus Hanoi in Vietnam nach Weilheim. Schon als Kind malte die heute 31-Jährige viel, gewann Kunstwettbewerbe, belegte am Gymnasium den Kunst-Leistungskurs. Eigentlich habe sie ihren beruflichen Weg in Richtung Kunst einschlagen wollen, erzählt die Art Managerin. Doch das missfiel ihrer Familie. Also schlug sie den akademischen Weg ein. „Aber ich trickste sie aus“, grinst Nguyen, „und studierte Kunstgeschichte“.

Von Weilheim ging es nach München. Während des Studiums arbeitete die junge Frau im Auktionswesen und als Galerieleitung. Doch in diesem Metier hielt es sie nicht, „da ging es nur um die Verkaufszahlen.“ Nach ihrem Masterabschluss mit 27 wagte Nguyen den Schritt in die Selbstständigkeit, Art Management und Consulting. Seitdem agiert die 31-Jährige als Vermittlerin und Beraterin zwischen Auftraggebern und Künstlern.

Auch privat hat die Kunst Einzug in das Leben der 31-Jährigen gehalten. Wenn Nguyen an die Werke denkt, die bei ihr zuhause hängen oder stehen, weil kein Platz mehr an der Wand ist, dann grinst sie nur und sagt: „Zu viel“. In ihren vier Wänden finden sich zahlreiche Werke, die von Künstlern stammen, mit denen sie zusammenarbeitet oder zusammengearbeitet hat. Für sie selbstverständlich. Generell versucht sie aber, „eine neutrale Position zur Kunst einzunehmen“, wie sie sagt. Und das bedeutet auch: Wenn ihr das Dargestellte behagt, dann ist es für sie nicht von Belang, ob es ein Original oder lediglich ein Druck ist. „Auch in einen Druck wurde Arbeit gesteckt“, betont Nguyen und meint lapidar: „Wenn das Motiv passt, dann passt es.“

Noch nicht angekommen

Und so können auch Motive auf alten Mauern, verlassenen Bahnhofsgebäuden oder Litfaßsäulen ins künstlerische Beuteschema passen, zumindest in Nguyens, wenngleich diese Form der Streetart in den akademischen Kreisen noch nicht so wirklich angekommen sei. Warum, weiß die 31-Jährige nicht, doch es überrascht sie auch nicht. Immerhin braucht die Anerkennung neuer Kunstformen manchmal seine Zeit. „Auch der Expressionismus galt einmal als entartete Kunst.“ Heute werden Munch, Marc & Co. gefeiert.

Doch auch in der Streetart gibt es durchaus gehypte Künstler, Banksy etwa, der mit seiner Schablonen-Kunst in völliger Anonymität zu viel Ansehen und Geld gekommen ist. „Ich halte ihn für einen sehr cleveren Künstler“, sagt die 31-Jährige. „Was er vor allem drauf hat, ist Marketing.“

Nguyen arbeitet mit internationalen Künstlern zusammen, doch auch und vor allem Nachwuchsförderung ist ihr ein Anliegen. „Für mich sind Jungkünstler interessant, ich möchte sie fördern.“ Und das tat sie zuletzt auch, als sie den noch unbekannten Künstler Alexander Hudich für ein Graffiti-Projekt am Weilheimer Jugendzentrum Come In engagierte. Nicht das erste Mal, dass sie in Weilheim Farbe sprühen ließ, denn seit zwei Jahren bietet die Münchenerin im Rahmen von Ferienprogrammen Graffiti-Workshops an. Als sie mit der Idee zu den Kursen beim Jugendzentrum einst anklopfte, traf sie auf Begeisterung, aber auch auf Skepsis. Denn Workshops dieser Art gab es bereits, doch nur eine Handvoll Jugendlicher beteiligte sich daran. In Nguyens Kursen mangelte es aber nicht an Teilnehmern, „die waren alle immer ausgebucht“, lächelt sie. Die Art Managerin greift auch selbst zur Farbe. Ihr erstes Graffiti sprühte sie im Alter von 16 Jahren, „ein Schriftzug, nicht erwähnenswert, ohne Signatur“, lacht sie.

Weg von den alten Meisterwerken, hin zu den oft flüchtigen Straßenbildern – ein scheinbar großer Sprung. Nicht aber für Nguyen, die durchaus Parallelen zwischen den Künstlergruppen sieht. „Graffiti ist das, was die alten Meister auch gemacht haben“, sagt die 31-Jährige. „Fassadengestaltung, Fresken“. Eine solche Fassadengestaltung hat Nguyen vor 15 Jahren in Form ihres nicht erwähnenswerten Schriftzuges auch geschaffen, wenngleich dieser gewiss nicht viel mit einem alten Meisterwerk gemein hat. Ob das Graffiti noch existiert? Wer weiß. Vielleicht, vielleicht auch nicht. Wahrscheinlich wurde es bereits übermalt, möglicherweise aber überlebte das Werk auch, so wie der unscheinbare Schriftzug an der Jahnstraße, der sich wie ein Fresko beharrlich hält. Und der in seiner Unscheinbarkeit mindestens einen Menschen geprägt hat: Ánh Nguyen.

Von Antonia Reindl

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