Von Engeln ins Paradies gesungen – Großartige Interaktion zwischen Orchester und Schauspielern entführte in sakrale Sphären

„Darauf haben wir uns schon lange gefreut“, begeisterte sich ein Ehepaar, als es sich auf die längst im Voraus reservierten Plätze begab, um bei der Premiere am vergangenen Freitag dem Spektakel der Weilheimer Passion nun endlich beizuwohnen.

So hielten es auch die anderen Zuschauer. Inmitten von Weilheims Prominenz, die sich bei diesem außerordentlichen Anlass ebenso die Ehre gab, erlebten sie, wie die Weilheimer Hochlandhalle zweckentfremdet wurde für ein Spektakel, das Weilheim seit 238 Jahren nicht mehr gesehen hat. Um so größer waren die Erwartungen, denn die langen Proben vor allem in den letzten Wochen brachte die Weilheimer Passion als großes Thema in aller Munde. So glitten die Blicke des gespannten Premierenpublikums vom Programmheft immer wieder zur Bühne und zurück, um nichts zu verpassen, sodass die obligatorischen Trommelwirbel der Pauke gar nicht nötig waren, um Aufmerksamkeit zu erzeugen. Aber das geduldige Warten lohnte sich: „Phänomenal gut“, „ Eine kulturelle Sensation für Weilheim“ oder „Herzzerreißend ergreifend“ waren die Kommentare danach. „Den Vergleich mit Oberammergau braucht Weilheim ganz sicher nicht zu scheuen“, so die Meinung eines Zuschauers. „Da sage ich ganz klar Ja dazu, dass diese Passion regelmäßig aufgeführt wird“, ergänzte er begeistert, als er von den Plänen erfuhr, die Passion fortan in regelmäßigem Turnus aufzuführen. Schon zu Beginn herrschte große Spannung, als die Lichter in der Hochlandhalle erloschen, um die Weilheimer Passion wieder zum Leben zu erwecken. Mit einem plötzlichen Knall aus dem Orchester sahen sich dann alle Zuschauer sogleich in das Geschehen zurückversetzt: Das Erdbeben, das Weilheim vor langer Zeit erschütterte, trieb die verängstigten Bürger bei schaurigen Klängen des Orchesters durch die Reihen des Publikums auf die Bühne zusammen. Um neuen Mut zu sammeln, beschlossen sie dort eine Passion aufzuführen, die Joachim Heberlein wie ein Botschafter Johann Älbls, einstiger Stadtpfarrer und Autor der Passion aus dem Jahr 1600, in eben dessen Rolle mit Älbls Worten ankündigte als „schlichte, einfältige Arbeit“. Doch von schlicht und einfältig konnte nirgendwo die Rede sein. Künstlerischer Leiter Andreas Arneth und Regisseurin Yvonne Brosch konnten genau das umsetzen, was ihnen am Herzen lag: Volksnähe. Sorgsam ausgewählte und in authentischen Farbtönen gehaltene Kostüme im Stil des 18. Jahrhunderts, das ländlich anmutende Bühnenbild einer Scheune und vor allem die dialektgefärbte Sprache der Darsteller trugen dazu bei, diese Idee zu gestalten. Nicht zuletzt sorgte auch die heimelige Wohnzimmer-Atmosphäre dafür: Arneth integrierte die Sitzreihen der Halle in das Bühnenbild, auf dem die Schauspieler die Passion mitbetrachteten ganz wie das Publikum, das so das Gefühl hatte, ein Teil der Aufführung zu sein. Ein äußerst glückliches Händchen bewies die künstlerische Leitung auch in der Besetzung der Rollen. Sämtliche Laienschauspieler bestachen durch ihr eindringliches Einfühlungsvermögen. „Ich habe ja nicht geahnt, was aus Laienschauspielern rauszuholen ist“, gab ein überraschter und langjähriger Theaterkenner zu. Der Grund hierzu war offensichtlich: „Zu wissen, dass man bei einer so großartigen Sache mitwirkt, verleiht einem Flügel“, bestätigte ein Mitglied des spielenden Volkes. Da gab es keinerlei Berührungsängste, als zum Beispiel die zwei schockierend gewalttätigen Schergen Jesus gefangen nahmen oder als sich Trauernde unter dem Kreuz in die Arme fielen. Von der typischen Statik, die sich oftmals bei Schauspielern breit macht, die nichts zu tun haben, war in den Reihen der Bürger nichts zu sehen, die lautstark das Geschehen kommentierten oder ergriffen mittrauerten. Grandios waren auch die Teufel, die zwar nur wenige Auftritte hatten, doch gelang es ihnen mit ihren kratzigen Stimmen, ihrem boshaften Gelächter und einer durchdringenden Mimik die von ihnen gefürchtete Gratwanderung zwischen Gut, Böse und Komik zu meistern. Bei der Unmenge an Text, die die Schauspieler souverän ohne Souffleur bewältigten, blieb es nicht beim bloßen Aufsagen. Viel Gefühl und Einfühlungsvermögen lag darin und die großartige Interaktion der Schauspieler hauchte dem altertümlichen Text neues Leben ein. Hier stachen vor allem Lukas Wörle und Anita Kurzrock in der unzertrennlichen Einheit von Jesus und Maria hervor. „Am liebsten wäre ich auf die Bühne gesprungen und hätte sie in den Arm genommen“, beschreibt eine junge Zuschauerin ergriffen die herzzerreißende Qual Mariens beim Anblick des toten Sohnes. Ein großer Gewinn für die Passion war ohne Zweifel die Musik. Die zeitgenössische, nervenaufreibende Musik des Seeshaupter Komponisten Holger Jung jagte vor allem beim Kreuzweg und der Kreuzigung kalte Schauer über den Rücken. Dissonante und harsche Klänge, die jeden Sturz Jesu mit dem Kreuz vorwegnahmen, fanden dann zu den bohrenden Rhythmen des Hammers, der die Nägel in Jesu Hände schlug, woraufhin sie sich – wie das Kreuz – dramatisch in die Höhe schraubten und die Kreuzigung schließlich in einem unheilvollen Gongschlag beendete. Umso größer war der Kontrast, als die Sänger wie ein Engelschor mit Palestrinas instrumentierter Motette einsetzten, um dem sterbenden Jesus den Weg ins Paradies zu weisen. Hier wurde die mittelalterliche Vorstellung, dass allein die menschliche Stimme zum göttlichen Wunder der Musik fähig sei, nachvollziehbar. Zusammen mit dem Orchester trat der Chor im „letzten actus“ dann mit den triumphierenden Messgesängen Koppaurs den klanggewaltigen musikalischen Kampf gegen die bedrängten Teufel an. Eine grandiose Leistung vollbrachte der Dirigent des Weilheimer Chorkreises Stephan Niebler, der über eine weite Distanz zwei Chöre mit einem Orchester zu dirigieren hatte. Chor wie auch Orchester zeichneten sich aus durch großartige Intonation und wunderbar ausgewogene Lautstärke. Jan Prochazka und Margarete Härtl, die die Musik mit dem Pollinger Vokalensemble und dem Weilheimer Kammerorchester einstudierten, wussten, worauf es ankommt und bewiesen ihr hervorragendes Fingerspitzengefühl.

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