Junge Flüchtlinge und Handwerksbetriebe zusammengeführt

Erster Schritt zum Ausbildungsplatz

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Mit Fotomappen, die wichtige Arbeitsschritte dokumentieren, wurden am Stand von „Haustechnik Oberland“ sprachliche Barrieren überwunden.

Weilheim – Das Problem brennt unter den Nägeln: Vielen Handwerksbetrieben fehlt der Nachwuchs. 22 Betriebe aus der Region machten sich jetzt auf der Messe „Meet your Job“ im Bildungszentrum der Handwerkskammer auf die Suche nach Auszubildenden.

Dort waren am vergangenen Donnerstag zirka 150 junge Flüchtlinge aus berufsvorbereitenden Berufsschulklassen in Weilheim, Garmisch-Partenkirchen und Landsberg mit ihren Lehrern und Betreuern zur Messe erscheinen. Zur eingeladenen Zielgruppe gehörten auch Jugendliche mit Migrationshintergrund, die noch auf Lehrstellensuche sind. Eine win-win-Situation für beide Seiten erwartet sich die Handwerkskammer von ihrer Aktion, die mit der sechsten Veranstaltung in Weilheim ihren Abschluss fand.

„Wir sind eine riesiger Wirtschaftsbereich mit über 130 verschiedenen Ausbildungsberufen und machen mehr als doppelt so viel Umsatz wie Apple und BMW zusammen. Die Perspektiven im Handwerk sind glänzend... Besser geht´s nicht, heute sind hier die Experten vor Ort“, forderte Gerhard Ketzler die Jugendlichen zum Kontakt knüpfen auf. Der stellvertretender Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer sprach Klartext, was von den jungen Leuten erwartet wird: „Auf keinen Fall dürfen Sie die Schule auf der Zielgeraden hinschmeißen!“ Ohne Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit gebe es keine Karriere im Handwerk.

Diallo war in seinem Heimatland Mali als „Verkäufer“ unterwegs. Der 23-Jährige, der seit knapp zwei Jahren in Weilheim wohnt und in der Berufsschule lernt, möchte in Deutschland eine Ausbildung machen. Auf die Messe war er gekommen, um Material sammeln und „zu schauen, was es alles gibt“. Diallos großes Plus: Er spricht gut Deutsch. Davon profitierte am Stand von „Haustechnik Oberland“ auch der Senegalese Abass (25), dem er die Informationen der Firmenvertreter übersetzte. Der Weilheimer Betrieb bildet jährlich vier Anlagenmechaniker aus, berichtete Siegfried Straub. Letztes Jahr habe es nur drei Bewerbungen für diesen körperlich anstrengenden aber abwechslungsreichen Beruf gegeben. Auf der Messe bot der 80 Mitarbeiter-Betrieb den Jugendlichen Schnupperlehre und Praktikum an. Die Firma hat „Erfahrung mit Fremdsprachigen“ und finanziert ihren Mitarbeitern Deutschkurse.

Michael Schwarzmaier von der gleichnamigen Öko-Vollwert-Bäckerei aus Etting sucht dringend Lehrlinge für die Produktion. Der frühe Arbeitsbeginn schrecke junge Leute ab, diesen Handwerksberuf zu erlernen. Schwarzmaier hat festgestellt: „Nach dem Praktikum springen viele wieder ab.“ Rita Wiedmann vom Unterstützerkreis Peißenberg kam mit vier Eritreern an seinen Stand und übersetzte die Ausführungen des Bäckermeisters.

Von der Garmischer Berufsschule war Helga Schönberner mit 18 Schülern angereist. Die Berufe Kfz-Mechatroniker, Bäcker und Friseur zählten bei den jungen Syrern, Afghanen und Eritreern zu den Favoriten. Schönberner begrüßte die Messe als Kontaktbörse. Aus Erfahrung weiß sie, dass Jugendliche aus anderen Kulturkreisen oft falsche Vorstellungen mitbringen: „Sie sind die langen Arbeitszeiten bei uns nicht gewohnt.“ In den Lehrwerkstätten wurden Führungen angeboten.

Für ausbildungsbegleitende Hilfen war die Agentur für Arbeit vor Ort. Ob ein junger Flüchtling überhaupt Anspruch auf eine Förderung hat, hängt von seinem Aufenthaltsstatus ab. Agentur-Mitarbeiterin Christin Latendorf berichtete von langen Wartezeiten, fügte aber an: „Es gibt Überbrückungsmöglichkeiten.“ Ab 1. August 2016 werden die Zugangsvoraussetzungen erleichtert. Die jüngsten Gesetzesänderungen beschäftigen auch die Ausländerbehörde am Landratsamt, die für das Erteilen der Aufenthaltserlaubnis zuständig ist. Da konkrete Ausführungsbestimmungen fehlen, muss die Umsetzung noch warten. „Der explosionsartige Anstieg der Asylbewerberzahlen war so nicht vorhersehbar“, sagte Helmut Estermann, Chef der Ausländerbehörde, der für die Bearbeitung deshalb mehr qualifiziertes Personal braucht. Von der Messe verspricht er sich einiges: „Viele junge Leute sind an einer Ausbildung interessiert.“ Mit dem Abbau der vielen nach vorhandenen gesetzlichen und bürokratischen Hürden könnte jungen Flüchtlingen die Tür zum Ausbildungsmarkt ein Stück weiter geöffnet werden. Darauf hoffen Betriebe und Ausbildungswillige.

Maria Hofstetter

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