Festakt zum 100. Geburtstag des Künstlers und Sammlers Buchheim

Originalhaus ist Keimzelle im Museum

+
Einblicke in die privaten Wohn- und Arbeitsräume von Lothar-Günther Buchheim gibt es jetzt im „Museum der Phantasie“ in Bernried. Hier führt Direktor Daniel J. Schreiber Besucher in das Originalbüro des Kunstsammlers.

Bernried – Diese Feier hätte ihm gefallen! Lothar-Günther Buchheim, das künstlerische Allround-Genie, wurde in einem pompösen Festakt mit viel Prominenz anlässlich seines 100. Geburtstags im „Museum der Phantasie“ gewürdigt. Was ihm weniger gefallen hätte, waren die Hundertschaften von Verehrern und Neugierigen, die sich durch seine privaten Wohn- und Büroräume drängten.

Freilich nicht in seinem Feldafinger Landhaus, das 2017 abgerissen werden musste. Sondern im Untergeschoss des Museums, wo das Domizil von Buchheim und seiner Frau Diethild originalgetreu nachgebaut und eingerichtet wurde.

Ziel der Umsiedlung war es, die kulturelle Lebensleistung Buchheims in verdichteter Form spürbar zu machen. Das Haus Buchheim soll dadurch als Keimzelle des Museums erfahrbar gemacht werden. Die Neuinszenierung gibt einen einzigartigen und intimen Einblick in das von Entdeckerfreude bestimmte Leben Buchheims.

Da ist sein Schreibtisch voll mit kreativem Chaos und dem Campingtischchen, an dem Besucher wie Bundeskanzler Helmut Kohl oder Ministerpräsident Edmund Stoiber Platz nehmen mussten. Das Esszimmer mit Campingstühlen und Schaukelpferd fehlt ebenso wenig wie seine Bibliothek, die aus über 50 000 Büchern bestand. Dazu seine unfassbar großen Sammlungen von Briefbeschwerern, Buddhas, Schnupftabakdosen oder Spielzeug.

Was andere als Kitsch oder Krempel bezeichneten, wurde von Buchheim „ästhetisch wahrgenommen“, wie Museumsdirektor Daniel J. Schreiber beim Eröffnungsrundgang sagte. Das Ehepaar Buchheim lebte selbst extrem bescheiden, was man an den Gebrauchsmöbeln sieht. „Sie waren von einer derartigen Billigkeit, wie man sie auch in einem sozialen Wohnungsbau der 1950er-Jahre hätte finden können“, so Schreiber. Wenn es aber um Kunst und Sammeln ging, gab der pingelig-geizige Buchheim das Geld mit vollen Händen aus.

Ein ganzes Jahr lang hatte Schreibers Stellvertreterin Rajka Knippe im Feldafinger Buchheim-Haus die Hinterlassenschaften geprüft und aussortiert. „Ich habe in meinem ganzen Leben noch kein so vollgestecktes Haus gesehen“ sagte sie nach dieser Mammutaufgabe. Immerhin hat der Künstler, Sammler und Schriftsteller 52 Jahre in dem Haus gelebt und gewirkt. Da komme bei seiner sprichwörtlichen Sammelwut schon so einiges zusammen.

Nach dem Ableben Buchheims 2007 lebte seine Witwe noch bis zu ihrem Tod 2014 in dem Anwesen. Das Haus konnte trotz Bemühungen der Buchheim-Stiftung nicht gehalten werden, es war einfach zu marode. Die Renovierung hätte einen siebenstelligen Betrag gekostet. Nach dem Abriss werden jetzt Wohnhäuser auf dem Grundstück gebaut und der Erlös kommt der Stiftung zugute.

Beim Festakt im Museum wurde Lothar-Günther Buchheims vielfältige Lebensleistung gewürdigt, wobei die Schubladen für ihn nicht definierbar waren. Es fielen Worte wie Genie, Phantast, Wunderkind oder auch Poltergeist. Ex-Finanzminister Kurt Faltlhauser, der das Publikumsgespräch auf Buchheims Original-Couch souverän moderierte, bezeichnete Buchheim als „eruptiven Menschen“, mit dem es zuweilen schwer war, auszukommen. Vor allem als es darum ging, für das geplante Museum einen Standort zu finden. Bei einer Bürgerversammlung in Feldafing zu diesem Thema bezeichnete er die Skeptiker und Gegner schon mal als „Schilf- und Gullyratten“. Und Bernrieds Altbürgermeister Walter Eberl beschimpfte er lautstark als „Deppen“, weil bei der Eröffnungsfeier des Museums plötzlich der Toilettenwagen beim Festzelt fehlte. Eberl rettete bauernschlau die Situation und schickte die Ehrengäste „zum Freiluft-Bieseln an den nahen Saugraben“.

Günter Rohrbach, der als Chef der Bavaria-Film für die Verfilmung von Buchheims Bestseller „Das Boot“ verantwortlich war, erinnerte sich an die langwierigen und teils lautstarken Verhandlungen für die Filmrechte. Buchheim hatte am Drehbuch, am U-Boot-Modell und am fertigen Film stets etwas zu meckern. Erst als sich der Welterfolg einstellte, zeigte er sich moderat.

Klaus Doldinger, der Komponist der berühmten Filmmusik zum „Boot“, lernte Buchheim erst langsam zu schätzen und war dann doch beeindruckt vom Lebenswerk des Mannes. Bei seiner Beerdigung spielte er dessen Lieblingslied „La Paloma“ auf dem Saxophon. Das packte er auch beim Festakt im Museum aus und intonierte die Titelmelodie von „Das Boot“.

Über den sprichwörtlichen Geiz von Buchheim amüsierten sich BR-Radiomoderator Michael Skasa und Carla Schulz-Hoffmann von den Bayerischen Staatsgemäldesammlungen. Beide haben zuhause in Feldafing an Kunstbüchern von Buchheim mitgearbeitet, bekamen aber nur selten etwas angeboten. Buchheim ließ sie einfach am Schreibtisch sitzen und ging nach oben zu seiner Frau zum Mittagessen… Bei seinen runden Geburtstagen suchte sich Buchheim stets einen geldpotenten Sponsor, der die Feiern für ihn ausrichtete.

Festredner Edmund Stoiber erinnerte an die langwierige und schwierige Geburt des „Museums der Phantasie“ in Bernried. Sowohl als Leiter der Staatskanzlei als auch als Bayerischer Ministerpräsident habe er zusammen mit Finanzminister Faltlhauser das zunächst Unvorstellbare mit vielen Klimmzügen möglich gemacht. Um so mehr freue es ihn, dass das Museum jetzt vom Besucherzuspruch besser laufe als manch staatliche Kunsteinrichtung.

Zum Ende des Festaktes kam es noch zu einem unerwarteten Eklat. Dr. Nikolaus Buchheim, der Neffe des Kunstsammlers, ergriff das Wort und beschwerte sich, dass Buchheims Sohn Yve nicht zur Feier eingeladen war. Außerdem empörte er sich über den Abriss des Feldafinger Buchheim-Hauses, das auf ausdrücklichen Wunsch seines Onkels erhalten werden sollte. Und schließlich befand er die derzeitige „Brückenschlag“-Ausstellung der Sammlungen von Buchheim und Hermann Gerlinger als sehr unpassend und unglücklich.

Dieter Roettig

Auch interessant

Meistgelesen

Die Stunde null in Murnau
Die Stunde null in Murnau
"Nicht auf jeden Stuss eingehen"
"Nicht auf jeden Stuss eingehen"
Neuerungen zum Jubiläum
Neuerungen zum Jubiläum
Gute Zahlen im Fusionsjahr
Gute Zahlen im Fusionsjahr

Kommentare