Dr. Edith Raim präsentiert Forschungsergebnisse über die Zeit von 1945 bis 1949 in Murnau

Die Stunde null in Murnau

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Referentin Dr. Edith Raim gelang es mühelos, die Geschichte des Marktes für die Zuhörer lebendig werden zu lassen.

Murnau – Es waren vorwiegend Besucher, die selbst als Kinder und Jugendliche die Zeit nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges in Murnau erlebt hatten, welche die Ausführungen der Historikerin Dr. Edith Raim im gut besuchten Kultur- und Tagungszentrum aufmerksam verfolgten. Im Auftrag des Marktes Murnau untersucht die Wissenschaftlerin die Geschichte des Ortes von 1920 bis in die 1950er Jahre.

„Wenn ma des Schlimme erlebt hat, genießt ma des Scheene vui mehr“, schilderte Werner Kraus seine damaligen Eindrücke in einem der mit Videoaufnahmen eingespielten Interviews mit Zeitzeugen, mit denen Raim ihre Ausführungen begann. Am 29. April 1945, einem kalten und verschneiten Sonntag, rückte die amerikanische Armee von zwei Seiten mit Panzern und weiteren Armeefahrzeugen ein, um das Naziregime in Murnau zu beenden. Jakob Wolf schilderte, wie sein Vater mit einigen weiteren Gefährten die weiße Fahne am Kirchturm hisste, um den Angreifern die kampflose Übergabe des Ortes zu signalisieren. Zwar hätten noch einige Unverbesserliche versucht, dies zu verhindern, aber ohne Erfolg. Ernst Echter, damals zwölf Jahre alt, erinnerte sich, dass Männer auf der Straße ebenfalls mit weißen Fahnen unterwegs waren, während noch einige Nazis in Uniform auf der Flucht Schüsse in die Luft abfeuerten.

So kam es, dass die Einnahme Murnaus fast unblutig vonstatten ging. „Allerdings wurden an der Kaserne einige SS-Männer und Wehrmachtsoldaten erschossen“, konnte Raim mit ihren Recherchen ermitteln. Für Echter war es ein eindrucksvolles Erlebnis, zu erkennen, dass „die feindlichen Soldaten ganz normale freundliche Menschen waren, wenn sie ihren Helm abgenommen hatten und Kaugummis an die Kinder verschenkten“.

Auch wenn Murnau Glück gehabt hätte, da es weder durch Luftangriffe noch durch Kriegshandlungen Schäden erlitten hatte, war die Lage für die Bevölkerung zu Kriegsende doch katastrophal: „Zu Friedenszeiten lebten hier etwa 3 000 Einwohner, jetzt aber mussten bis zu 15 000 Menschen Unterkunft und Nahrung finden“, beschrieb Raim die Wohnungsnot. Der Zuzug setzte sich aus evakuierten Personen aus den von Bombenangriffen getroffenen Städten, Flüchtlingen aus den Ostgebieten, Kriegsgefangenen, entlassenen KZ-Häftlingen und Besatzungssoldaten zusammen. Viele Einheimische hätten ihre Wohnungen räumen und in teils unbeheizte Scheunen, Garagen und Werkstätten umziehen müssen. Spannungen zwischen den einzelnen Bevölkerungsgruppen waren daher unausweichlich.

Eine wichtige Informationsquelle waren für die Historikerin die Berichte des damaligen Weilheimer Landrats Korntheuer (Vorname unbekannt) an die übergeordneten Behörden in München. Er berichtet von katastrophalen Zuständen, unter denen die Bevölkerung zu leiden hatte. Neben dem Wohnungs- und Nahrungsmittelmangel war es die gestiegene Kriminalität, die um sich griff. Mundraub zur eigenen Versorgung und Plünderungen waren an der Tagesordnung, die von freigelassenen Gefangenen – auch aus Rache für erlittenes eigenes Leid – verübt worden waren. Vor allem die fast 8 000 polnischen Kriegsgefangenen in einem Lager in Grafenaschau werden in diesem Zusammenhang wiederholt erwähnt. Die Polizei sei diesen Herausforderungen in keiner Weise gewachsen gewesen, da sie zu dieser Zeit nur aus zwei hauptamtlichen und acht Hilfspolizisten bestanden hätte. „Sie hatten weder Waffen noch Fahrzeuge, nicht einmal Taschenlampen für ihren Dienst“, so Raim.

Die Strategie der amerikanischen Besatzungsmacht war der Historikerin zufolge zu Beginn, alle Mandats- und Funktionsträger mit aktiver Nazivergangenheit zu entlassen und durch unbelastete Personen zu ersetzen. Dadurch sei es in vielen Bereichen des öffentlichen Lebens zu Engpässen gekommen. „In der Justiz wurden belastete Richter und Staatsanwälte durch Juristen ersetzt, die vor 1933 in Pension gegangen waren“, berichtete Raim. Ganz allmählich habe sich die Lage in einzelnen Bereichen gebessert und die Politik der Amerikaner habe sich gewandelt. Das anfängliche Fraternisierungsverbot für Armeeangehörige mit der einheimischen Bevölkerung seien aufgehoben und praktische Unterweisungen in Demokratie durchgeführt worden.

Ein wichtiges Ereignis sei der Aufbau einer freien Presse gewesen. „Am 8. Oktober 1945 erteilte die Besatzungsbehörde dem ‚Hochlandboten‘ als zweitem Blatt nach der ‚Süddeutschen Zeitung‘ die Lizenz zum Erscheinen. Gegenüber Presseorganen der Nazizeit wurde in den neuen Medien strikt zwischen Information und Kommentar unterschieden“, beschrieb Raim die ersten Schritte hin zu einem demokratischen Gemeinwesen.

Die Entnazifizierung – darunter war die Einstufung als Mitläufer oder ganz unbelastete Person unter den wegen ihrer Nazivergangenheit entlassenen Staatsbediensteten zu verstehen – führte dazu, dass das öffentliche Leben wieder erwachte. Nochmals einen deutlichen Schub in Richtung Normalität verlieh die Währungsreform am 20. Juni 1948. Über Nacht waren wieder Waren und Konsumgüter auf dem freien Markt verfügbar, die vorher nicht oder nur auf dem Schwarzmarkt zu bekommen waren. Der für Murnau vor dem Krieg so wichtige Tourismus begann mit gerade mal 150 Zimmern an frühere Zeiten anzuknüpfen, wenn auch große Häuser wie „Hotel Post“ und „Griesbräu“ erst von ihren Schäden während der Zwangsbesetzung befreit werden mussten.

Das Ergebnis ihrer Forschungen über die Zeit von 1920 bis in die 1950er Jahre wird Raim in einem Buch veröffentlichen. Mit dem Erscheinen rechnet sie Ende 2018/Anfang 2019.

Hofstetter

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