Und dann der Donner

Forstdirektor stellt bei Begehung im Murnauer Gemeindewald Vertrauensfrage

Waldbegehung in Murnau.
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Bei einer Waldbegehung prallten unterschiedliche Grundhaltungen zu einer nachhaltigen Waldbewirtschaftung aufeinander. Forstrevierleiter Friedrich Maier und Forstdirektor Martin Kainz erläuterten dabei einige Entnahmen, die Gemeinderat Rudolf Utzschneider nicht immer nachvollziehen wollte.
  • vonAntonia Reindl
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Murnau – Das dürfte schon ein Schlag gewesen, ob ins Gesicht oder in die Magengrube. Egal. Weh tat es sicherlich, dass die Gemeinde Murnau einen Hiebstopp im Gemeindewald nahe Grafenaschau beschloss – und damit Forstdirektor Martin Kainz zum Nachdenken brachte. Nicht etwa, ob man falsche Maßnahmen ergriffen habe, sondern, ob die Gemeinde überhaupt noch in die Arbeit der Forstwirte vertraut. Bei einer Waldbegehung erläuterte Kainz nun die Hiebmaßnahmen direkt am Objekt.

Die Sonne scheint kräftig an jenem Nachmittag, doch entfernt kündigt sich ein Regenschauer an. Rudolf Utzschneider (CSU), Land- und Forstwirtschaftsreferent im Marktgemeinderat, Bürgermeister Rolf Beuting (ÖDP/Bürgerforum), Verwaltungsmitarbeiter, Forstdirektor Martin Kainz und Friedrich Maier, Leiter des Forstreviers Murnau-West machen sich auf, um den Gemeindewald zu besichtigen. Auch ein paar Gemeinderäte sind dabei, wenige, „nicht mal alle Fraktionen“, bedauert Utzschneider, der deshalb eine zweite Waldbegehung plant. Nicht alles wird beschritten, denn rund 70 Hektar wären in drei Stunden nicht zu schaffen. Es geht um Abschnitte, Naturschutzwald und den Distrikt Galthütte. Im Oktober vergangenen Jahres hatte der Murnauer Marktgemeinderat auf Antrag der CSU einen Stopp der Hiebmaßnahmen, die nicht dem Waldschutz oder der Verkehrssicherheit dienen, beschlossen. Geht es nach der CSU, so seien in den vergangenen zehn Jahren nämlich zu viele Bäume entnommen worden.

Und genau „über den Inhalt des Zehn-Jahres-Abschnittes wird heute noch gesprochen“, sagt Forstdirektor Kainz. Die künftige Planung jedoch, stellt der Mann vom Weilheimer Forstamt klar, sei verbindlich, für den Inhalt seien Forstwirte verantwortlich. Und ein Gemeinderatsbeschluss könne diese nicht so einfach außer Kraft setzen. Dennoch sollen die heutigen Diskussionsergebnisse berücksichtigt werden.

Der kleine Trupp stapft durchs Moos und auf Stümpfe, in Lachen und über Äste. Der Gemeindewald ist von Fichten dominiert. Zunächst beschreitet man einen Abschnitt, der als Naturschutzwald gilt. „Ein Schatzkästchen“, nennt Maier diesen. Der Revierleiter scheint jede Wurzel, jede Rinde im Wald zu kennen. Immer wieder taucht er in den Wald ein: In der Hocke greift er ins Moos, um die Strukturen zu erklären oder fährt mit seinen Fingern über die Wurzeln eines umgefallenen Stammes – lehmige Erde klebt daran. Doch auch Utzschneider wird fündig, zeigt immer wieder auf Baumstümpfe. Und Maier und Kainz erklären stets, warum dieser oder jener Baum entnommen wurde. In besagtem Naturschutzwaldabschnitt sorgte Borkenkäferbefall für ein großes Loch. Und es stehen auch noch ein paar Kandidaten da, die sich wohl nicht mehr lange halten. Dieser Fichtenwald sei schön, doch werde er in zehn Jahren nicht mehr sein, sagt der Forstdirektor. Ein Sturm könne schon ausreichen, um Bäume in die Horizontale zu verlagern – auf die Verjüngung. Die Nachpflanzungen wären dann zerstört, und die Ernte erheblich teurer. „Das wäre ein großer finanzieller Verlust“, sagt Kainz, auch wenn es im Gemeindewald nicht darum gehe, möglichst viel zu erwirtschaften. Kainz spricht sich dafür aus, „die Fichten aktiv und behutsam zurückzunehmen“.

Großer Schaden

Genau diese starke Rücknahme stört aber Utzschneider. Noch hält er sich zurück. Doch im nächsten Abschnitt, dem Distrikt Galthütte, bricht es aus ihm heraus. Ursprünglich war der Distrikt fünf Hektar groß, inzwischen seien vier Hektar laut Kainz verschwunden. „Das war ein geschlossener Wald“, erinnert Maier. Doch 2015 richtete der Orkan Niklas ordentlich Schaden an. Wegen des Sturmtiefs „war die Schneise gewaltig offen“, so Maier. Aufrechtes ließ man in dieser Position, doch die „Bäume sind uns reingehüpft“, bedauert der Revierleiter, der betont „auf dieser Fläche nichts regulär umgeschnitten“ zu haben. Umgeschnitten werden müssen auf der gegenüberliegenden Straßenseite wohl aber ein paar Fichten. Dort findet sich der restliche Galthütte-Bestand, rund 100 Jahre alte Bäume. In den nächsten zehn Jahren, „nicht im nächsten Herbst“, werden hier Bäume entnommen werden müssen, des Lichtes wegen, erklärt Kainz und zeigt auch auf ein paar Kandidaten, die fallen könnten. Zum Unverständnis von Utzschneider. Er fragt sich, warum die Bäume nicht einfach mal stehen bleiben können. „Man findet immer ein Argument, einen Baum abzuräumen“, sagt Utzschneider. Für ihn bedeute Nachhaltigkeit, genauso viel oder weniger zu entnehmen, wie nachgepflanzt werde. „Es geht nicht ums Abräumen, sondern um die gefährdeten Bäume“, sagt Maier, den das Verteidigen sichtlich zu Gemüte geht. Die Situation scheint ausweglos. Utzschneider möchte Vorrat schaffen. Er beklagt die vielen Festmeter, die in den vergangenen zehn Jahren gefällt wurden. Mehr als geplant. Die vielen Entnahmen sind aber auf das viele Schadholz zurückzuführen, das raus musste.

Schließlich läuft bei Kainz und Maier das Fass über. Utzschneider zeigt wieder auf einen Stumpf mit Bitte um Erklärung. Dabei hatte Maier gerade noch einen Splitter des Baumes in der Hand und erklärt, dass ein Blitz in die Fichte eingeschlagen und Käfer diesen befallen hätten. Der Revierleiter verschwindet. Und Kainz stellt die Vertrauensfrage. „Entweder geben Sie uns das Vertrauen oder ich sehe keine Basis für eine Zusammenarbeit“, sagt er. Utzschneider kann die Aufregung nicht nachvollziehen. „Diese Fragen wird man ja stellen dürfen“, sagt er und beklagt, dass der eine die Vertrauensfrage stelle und der andere beleidigt wegrenne. Beim letzten Abschnitt, der wieder viele Fichten zählt, erklären Maier und Kainz noch einmal vereinzelte Fällungen. Doch das will Kainz eigentlich nicht, über jede Einzelmaßnahme diskutieren müssen. In der neuen Planung sei nun ein Hiebsatz von 978 Festmetern geplant, für ihn die Untergrenze, erklärt der Forstdirektor abschließend, um dann die Vertrauensfrage zu wiederholen. Es donnert. Die Sonne ist hinter Gewitterwolken verschwunden. Kleine Tropfen fallen vom Himmel. Die Frage nach dem Vertrauen der Gemeinde trifft Beuting sichtlich. Er versichert den Forstexperten sein Vertrauen, wolle keinen Betriebsleiterwechsel und bittet Kainz darum, die Ergebnisse der Begehung in einem Bericht zu erfassen, damit diese im Hauptausschuss thematisiert werden können.

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