Schüler der Klasse für Asylbewerber und Flüchtlinge stellen sich bei Diskussion vielen Fragen

"Wir wünschen uns Freunde"

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Vor der vollen Aula der Berufsschule erzählten (am Tisch v. li) Maidagul, Quasim, Zakari, Mustafa, Kefajat und Ayo von ihren Erlebnissen auf der Flucht und ihrem Leben in Deutschland. Lehrer Martin Krojer (links) moderierte die Diskussion.

Weilheim – „Eigentlich habe ich hier keine Freunde“, sagt Mustafa. In der Aula der Berufsschule herrscht betretenes Schweigen. Der Syrer und fünf seiner Mitschüler aus den beiden Klassen für Asylbewerber standen ihren deutschen Mitschülern letzte Woche bei einer Podiumsdiskussion Rede und Antwort.

Mustafa führte ein ganz normales Leben. Wohnung, Auto und ein Job, um sein BWL-Studium zu finanzieren. Und das, obwohl er aus einer Arbeiter-Familie stammt. Er hat sich alles selbst erkämpft. Doch dann kam der Krieg. Mustafa floh gemeinsam mit seinem Bruder. Rund 8 000 Euro benötigten die beiden jeweils, um die Schlepper zu bezahlen. Die Eltern hatten ein Grundstück verkauft, um die Söhne zu unterstützen, ein Onkel in Frankreich steuerte einen Teil bei.

„Es war ein Abenteuer“, sagt Mustafa. Doch kein schönes. Draußen schlafen, nichts zu essen oder zu trinken und dann der Weg übers Mittelmeer in einem Schlauchboot. Obwohl keiner von den Insassen gut schwimmen konnte, mussten sie die letzten 800 Meter selbst an Land kommen. „Sonst hätten sie uns entdeckt.“ Der junge Mann schaffte es schließlich bis nach Deutschland. Acht Monate war er unterwegs.

„Ich versuche jeden Tag, meine Eltern zu erreichen“, sagt er traurig. Selten gelingt es ihm. Eigentlich nur, wenn sie sich auf den Weg zur türkischen Grenze machen und mit einer türkischen SIM-Karte anrufen.

Mustafa würde gerne wieder in seine Heimat. In Weilheim fühlt er sich aber wohl. „Es ist fast wie daheim, nur Leute in Lederhosen haben wir nicht.“ Er ist dankbar für die Chance, die Schule zu besuchen. „Wenn ich mit einer Ausbildung zurückkomme, bin ich fast ein König“, hofft er, wenn der Krieg zu Ende ist, seinen Landsleuten helfen zu können.

„Einige der Jugendlichen waren als Kinder nie in der Schule“, erklärt Martin Krojer, der Lehrer der Flüchtlings-Klasse. Seine Schützlinge kommen aus Afghanistan, Pakistan, Sierra Leone, Syrien, Nigeria und dem Irak. Krojer und seine Mitstreiter geben ihnen eine Zukunft: Sie bringen ihnen nicht nur unsere Sprache bei, sondern auch Dinge wie Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit. Mit Erfolg: Mehr als die Hälfte der Schüler aus der ersten Klasse haben bereits Ausbildungsplatz gefunden und beginnen im Herbst mit ihrer Arbeit.

Auch Zakari gehört zu ihnen. Er hat sich bereits in Deutschland eingelebt, spielt Fußball im Verein, hat sogar schon ein Angebot von einer höherklassigen Mannschaft. Jedoch glaubt der junge Afrikaner, dass er nie mehr in seine Heimat zurück kann. Daher versucht er, viele Kontakte zu knüpfen. „Aber es ist schwierig, sich mit euch anzufreunden“, bedauert der Junge aus Sierra Leone, der in Ghana aufgewachsen ist. „Ihr seid skeptisch und distanziert.“ Seine Wortwahl zeigt, dass er sich besonders bemüht, um sein Deutsch immer weiter zu verbessern. Und dann liegt ihm ein Punkt noch ganz besonders am Herzen: Er flirtet gerne – so wie viele Jungs in seinem Alter. Er wird dafür aber oft schief angeschaut. Doch er versucht, Verständnis bei seinen Mitschülern zu erreichen: „Es gibt hier doch keine Afrikanerinnen. Natürlich spreche ich deshalb mit deutschen Frauen!“

Es ist nur ein kleines Stück Normalität, das alle Asylbewerber gerne hätten: Freunde, einen Job und irgendwann die Möglichkeit, wieder in ihre Heimat zurückzukehren, um mit ihren Familien zu leben. Um diese Wünsche und die Menschen, die in Deutschland Zuflucht suchen, ihre Gründe für die Flucht und auch ihre Sorgen besser zu verstehen, sollte die Podiumsdiskussion dienen. „Wir wollen die Schüler in die Lage versetzen, sich ein Urteil zu bilden und keine Vorurteile zu haben“, erklärt Schulleiter Burkhard Küster.

Und zumindest in der Berufsschule scheint das gelungen zu sein: Gleich danach gingen die Jugendlichen aller Nationen aufeinander zu und ratschten noch weiter.

von Ursula Gnadl

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