Gemeinschaftswährung auf Bewährung – Der Euro auf dem Prüfstand: Sparkassendirektor Orbig wirbt um Vertrauen in der Krise

Knapp zehn Jahre nach der Einführung des Euro knirscht es gewaltig in der Europäischen Währungsunion. Mitgliedsstaaten wie Griechenland oder Spanien, die weit über ihre Verhältnisse gelebt und Strukturreformen hinausgezögert haben, stecken in großen finanzpolitischen Schwierigkeiten.

Direktor Thomas Orbig, Vorstandsmitglied der Vereinigten Sparkassen Weilheim, äußert sich in einem Interview mit Kreisboten-Redaktionsleiterin Maria Hofstetter über die Hintergründe der Finanz- und Wirtschaftskrise und ihre Auswirkungen auf die Region. Unsere Bürger sorgen sich um die Geldwertstabilität. Ist der Euro noch sicher? Thomas Orbig: „Im Moment ist sehr viel Beunruhigung zu spüren. Wir sollten aber nicht so emotional an die Sache herangehen und die Stabilität des Euro im internationalen Wäh- rungsgeflecht differenzierter betrachten. Der Euro ist heute wesentlich stärker als bei seiner Einführung, denn damals war das Verhältnis zum Dollar 0,80 Cent und jetzt sind es etwa 1,20 Euro. Eine Instabilität ist nicht zu befürchten, für alle die im Euroraum leben und dort ihr Geld ausgeben ist der Euro eine stabile Währung. Für Deutschland bringt der aktuelle Euro-/Dollarkurs sogar eine Belebung der Wirtschaft; bei den Unternehmen gehen wieder viel mehr Auslandsaufträge ein als zu Zeiten des Euro-Höchststandes von über 1,50.“ Die Europäische Zentralbank hat mit dem Ankauf von Staatsanleihen einen Rettungsschirm über Griechenland gespannt. Weitere Länder stehen vor dem finanziellen Kollaps. Ist ein Zuspitzen der Schuldenkrise zu befürchten? Thomas Orbig: „Der Stabilitätspakt mit dem Ziel, dass sich die Staaten bei finanzieller Notlage gegenseitig unterstützen, wurde für ganz Euroland entwickelt. Wirtschaftlich starke Länder wie Deutschland können die Krise noch relativ gut meistern. Eine höhere Verschuldung der Euroländer auf Grund der Rettungsschirme ist wahrscheinlich, ein weiterer Kollaps wie in Griechenland jedoch nicht absehbar. Die Situation in Spanien sehe ich etwas entspannter, da die Regierung dort schon frühzeitig mit Maßnahmen begonnen hat.“ Welche Folgen hätte ein Ausschluss Griechenlands aus der Europäischen Währungsunion für die anderen Mitgliedsstaaten und insbesondere für Deutschland mit sich gebracht? Thomas Orbig: „Wahrscheinlich wären es die gleichen Folgen gewesen, da man einem Land der europäischen Gemeinschaft auf jeden Fall geholfen hätte, mit oder ohne Euro. Eine Alternative zur Rettung Griechenlands hat sich aber gar nicht geboten. Denn in einer Währungsunion lässt man einen schwächeren Partner nicht einfach fallen, wenn erste Probleme auftreten, auch für solche Fälle hat man die Union ja geschaffen. Um der Stabilität willen muss die Einhaltung der Regularien jedoch zukünftig konsequenter überwacht werden.“ Wie konnte es im wirtschaftlich starken Europa überhaupt zu einer solchen Schieflage kommen? Thomas Orbig: „Manche Länder haben weit über ihre Verhältnisse gelebt und die Finanzmarktkrise hat auch gehörig dazu beigetragen. Viele Regierungen mussten zur Stützung ihrer nationalen Wirtschaften große Anstrengungen unternehmen und enorme Rettungsschirme aufspannen. Griechenland mit seiner starken Staatsverschuldung hat es besonders getroffen.“ Hat die Eurokrise die Verbraucherstimmung in der Region getrübt und sich auf die Kaufkraft vor Ort ausgewirkt? Thomas Orbig: „Ich habe nicht den Eindruck, dass sich die Menschen besonders stark einschränken. Sie investieren ihr Geld jetzt eben lieber in Möbel oder in den Anbau eines Wintergartens als in Luxusgüter und Reisen. Der durch die Kurzarbeit entstandene Kaufkraftverlust wird mit Erspartem ausgeglichen.“ Die große Nachfrage nach – krisensicherem – Gold hat dessen Preis auf ein Rekordniveau getrieben. Was raten Sie einem Kunden, der derzeit Geld bei der Sparkasse anlegen möchte? Thomas Orbig: „Ja, eine stärkere Nachfrage nach Gold ist spürbar. Wer sich für Gold entscheidet, muss wissen, dass es sich hier um eine spekulative Anlage handelt, die zudem keine laufende Verzinsung bringt. Der Kunde kann nur vom Wertzuwachs profitieren. Eine Alternative zu Direktanlagen in Gold bieten Goldzertifikate, Rohstoffanlagen, Investmentfonds und Immobilien. Grundsätzlich sollten Anlageentscheidungen jedoch stets auf die persönlichen Anlagenziele ausgerichtet sein und der Risikostruktur des Anlegers entsprechen. Wer eine sichere Geldanlage sucht und wie ich von keinem kräftigen Anstieg der Inflationsrate ausgeht, der ist gut beraten, seine Geldanlagen bei der Sparkasse zu tätigen. Wir erarbeiten mit unseren Kunden gemeinsam eine individuelle Anlagestrategie und achten auf eine gute Streuung.“ Die Baugeldzinsen befinden sich auf einem historisch niedrigen Niveau. Halten Sie es für sinnvoll, zum jetzigen Zeitpunkt in eine Immobilie zu investieren? Thomas Orbig: „Wer schon immer investieren wollte und ein entsprechendes finanzielles Polster hat, sollte handeln und sich jetzt das günstige Zinsniveau sichern. Auf Grund der niedrigen Zinsen sollte man zudem höhere Tilgungsraten wählen. Derzeit gefragte Immobilien sind größere Wohnungen, Einfamilien- und Doppelhäuser. Mangels verfügbarer Neubauten wird auch gerne auf gebrauchte Immobilien zurückgegriffen. Das Angebot am Markt ist allerdings derzeit gering, wir könnten wesentlich mehr vermitteln.“ Rechnen Sie in nächster Zeit mit einem Anstieg der Inflationsrate? Thomas Orbig: „Wenn die Staaten im Rahmen des Stabilitätspaktes ihre Hausaufgaben erledigen und die Krise nutzen, auch unpopuläre Entscheidungen wie Sparmaßnahmen zu treffen, hat der Euro eine große Chance, an Wert zu gewinnen. Für die Inflationsrate ist entscheidend, wie schnell unsere Konjunktur wieder anzieht und dass die Europäische Zentralbank das im Umlauf befindliche Geld wieder knapper macht. Von daher erwarte ich auf mittlere Sicht keinen signifikanten Anstieg der Inflationsrate.“ Wie wirken sich Wirtschaftskrise und Euroschwäche auf die Betriebe in der Region aus? Thomas Orbig: „In der Automobilbranche ist die Nachfrage im Jahr nach der Abwrackprämie wieder auf ein normales Maß zurückgefallen. Davon betroffen sind auch die Zulieferer größerer Automobilunternehmen. Umsatzeinbußen werden ebenfalls aus der Gastronomie gemeldet. Insgesamt gehen wir jedoch von einem leichten Wachstum bei einer sehr niedrigen Arbeitslosenquote und trotz Kurzarbeit aus.“ Sind heimische Firmen bei Ausleihungen von der oft beklagten Kreditklemme betroffen? Thomas Orbig: „Unsere mittelständischen Kunden und Handwerksbetriebe wurden auch während der Krisenzeit immer ausreichend mit Liquidität versorgt. Nur sehr große Unternehmen waren von der Kreditklemme betroffen, da sie sich auf Grund ihres hohen Kreditvolumens Gelder nur von Privatbanken und Landesbanken leihen konnten. Und diese Banken konnten den Kreditwünschen nicht immer gerecht werden.“

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