Betreibergesellschaft stellt sich auf Informationsveranstaltung kritischen Fragen besorgter Bürger

Geothermie im Kreuzverhör

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Geothermieexperten am Podium: V. li. Dr. Erwin Knapek, Präsident Bundesverband Geothermie, ehemaliger Bürgermeister Unterhaching; Prof. Dr. Inga Moeck, Leibniz-Institut für Angewandte Geophysik; Prof. Dr. Stefan Emeis, Agenda-Arbeitskreis „Energie und Klimaschutz, Weilheim und Fachbeirat Energie Landkreis; Antonio Marabotto, leitender Projekt Manager „Enel Green Power“;   Dolmetscherin; Valeria Piazza, Leiterin Nachhaltigkeit „Enel Green Power“, am Pult Dr. Markus  Wiendieck, Geschäftsführer „Erdwärme Oberland GmbH“. 2. v. re. Weilheims zweiter Bürgermeister Horst Martin.

Weilheim – Bei der Präsentation des Geothermieprojektes in der gemeinsamen Ratssitzung von Weilheim und Wielenbach (wir berichteten) hatte „Erdwärme Oberland GmbH“-Geschäftsführer Markus Wiendieck Transparenz gegenüber der Bevölkerung zugesichert. Die Informationsveranstaltung vergangene Woche in der gut besetzten Stadthalle zeigte, dass die Bürgerschaft das Vorhaben in der Lichtenau sehr aufmerksam und kritisch verfolgt.

Auf der interaktiven Website von „Erdwärme Oberland“ waren im Vorfeld 17 Fragen eingegangen. Zu ihrer Beantwortung hatten die Vertreter der Betreibergesellschaft Sachverstand in Person von Prof. Dr. Stefan Emeis, Prof. Dr. Inga Moeck und Dr. Erwin Knapek zur Podiumsdiskussion eingeladen. Bevor Moderator Stefan Drexlmeier, Vorstand des „Kompetenzzentrums Energiewende Oberland“, die Fragen zur Beantwortung stellte, wurde auf das Projekt und seine bisherige Geschichte eingegangen.

Wie berichtet, hat sich „Erdwärme Oberland“ zur Realisierung mit „Enel Green Power“ einen finanzstarken Partner und Mehrheitsgesellschafter ins Boot geholt. Valeria Piazza, zuständig für das Nachhaltigkeitsmanagement bei „Enel“, berichtete, dass das Unternehmen seit 1903 in der Geothermie tätig ist und inzwischen in Italien, den USA und Lateinamerika circa 40 Anlagen mit einer gesamten elektrischen Leistung von 880 MW betreibt.

Laut Projektmanager Antonio Marabotto soll die in der Lichtenau geplante Anlage eine elektri- sche Leistung von 26 MW erbringen. Circa 30 Prozent davon werden als Eigenstrom verbraucht. Die produzierte Strommenge entspricht mit 150 Mio. Kilowattstunden/Jahr fast annähernd dem Stromverbrauch der privaten Haushalte im Landkreis, der nach der letzten Erhebung 162 Mio. Kilowattstunden/Jahr betrug. Prof. Emeis wies darauf hin, dass mit dem Projekt ein Beitrag zu der für 2035 geplanten Energieautarkie des Landkreises geleistet werden könnte.

Dies sei umso wichtiger, als für die regenerativen Energieformen Photovoltaik, Wind- und Wasserkraft nur noch sehr beschränkte Steigerungsraten bestünden. So würden vom Gesamtenergiebedarf des Landkreises für Haushalt, Gewerbe und Verkehr in Höhe von 1300 Gigawattstunden (GWh) bereits 680 GWh regenerativ erzeugt, durch den Ausbau der Geothermie könnten weitere zehn Prozent hinzukommen. Knapek, Präsident des Geothermieverbandes und als Altbürgermeister von Unterhaching in die Entwicklung des dortigen Geothermieprojektes eingebunden, berichtete von den Erfahrungen beim Bau und Betrieb dieser Anlage.

Die vorgestellten Fragen betrafen vor allem Bedenken zu möglichen negativen Auswirkungen auf die Stabilität von Gebäuden, den Wasserhaushalt, Beeinträchtigungen durch vermutete Frackingtechnologie, Lärmemissionen und die Einbindung der Gebäude und Anlagen in die Landschaft. Laut Prof. Moeck sei aufgrund der geologischen Beschaffenheit im oberbayerischen Molassebecken nicht mit seismischen Schäden infolge der Bohrungen und des anschließenden Betriebes zu rechnen. Aufgetretene Ereignisse wie im Oberrheintalgebiet könnten hier ausgeschlossen werden.

Geschäftsführer Wiendieck wies darauf hin, dass in den nächsten Wochen alle Gebäude im Umkreis von 500 Metern auf Kosten der Betreibergesellschaft von Bausachverständigen untersucht würden, um den aktuellen Status zu ermitteln. So könnten eventuell später auftretende Schäden eindeutig dem Geothermievorhaben zugeordnet werden, und die Betreibergesellschaft müsse haften. Moeck führte aus, dass die gesamte Gegend vom Leibniz-Institut laufend auf geologische Veränderungen untersucht werde.

In Bezug auf Lärmemissionen berichtete Knapek, dass in Unterhaching keine Beeinträchtigungen durch den Betrieb der Lüfter aufgetreten sind, obwohl das nächste Wohngebiet nur 300 Meter entfernt liegt. Die Geräusche von der nahegelegenen Autobahn seien wesentlich lauter. Der Lärmpegel dürfe laut Baugenehmigung den Richtwert von 38 dBA am nächstgelegenen Wohngebäude nicht überschreiten. Außerdem sei ein Lärmschutzwall vorgesehen.

Senior Project Manager Marabotto („Enel Green Power") erklärte, dass die Kühltürme etwa 13 Meter hoch werden. Für die Architektur des Maschinengebäudes wolle man mit örtlichen Architekten zusammenarbeiten; als Sichtschutz sei eine Baumbepflanzung vorgesehen. Generell könnten sich in die Lieferkette auch örtliche Unternehmen einbringen, so Piazza.

Knapek betonte, dass das in Oberbayern vorhandene Thermalwasser Trinkwasserqualität besitze. Im Falle einer Havarie sei daher nicht mit einer Umweltbelastung zu rechnen. Durch die Abdichtung der Rohrleitung bestehe keine Verbindung des Tiefenwassers zu den Grundwasserschichten. Frackingmethoden mit einer Einleitung von Chemikalien seien beim Projekt in der Lichtenau ausgeschlossen und aufgrund der geologischen Beschaffenheit nicht notwendig, erfuhren die Veranstaltungsteilnehmer.

Zum Abschluss richteten die Anwesenden weitere Fragen an die Betreiber und Sachverständigen. Ein Raistinger Bürger sorgte sich um mögliche Beeinträchtigungen des Mikroklimas durch die Abgabe von Abwärme durch die Lüftungsanlagen. Prof. Emeis verwies auf eigene Berechnungen, die dies ausgeschlossen hätten. Andere Fragen hatten eine Abwärmeverwertung durch die Anbindung Weilheims über eine Fernwärmeleitung zum Thema. Laut Wiendieck laufen hierzu bereits Verhandlungen mit den Stadtwerken, allerdings müssten die Ergebnisse der Probebohrungen abgewartet werden. Erst dann könne berechnet werden, ob eine Fernwärmenutzung wirtschaftlich sei.

Alexander Seitz-Gutmann aus Peißenberg stellte sich als Geschäftsführer der Pullacher Geothermieanlage vor. Er bezeichnete sich als Befürworter der Geothermie, äußerte aber große Bedenken, da das Lichtenauer Projekt hinsichtlich seiner Größe Neuland beschreite und damit technische Probleme zu erwarten seien: „Wenn das Projekt scheitert, schadet es der Geothermietechnologie insgesamt“, resümierte er.

Stadt- und Kreisrätin Romana Asam (FW) befürchtet trotz bereits gemachter gegenteiliger Aussagen den Einsatz von Chemikalien und eine verbundene Grundwasserkontamination.

Nach über drei Stunden – die Veranstaltung war ursprünglich von 18 bis 20 Uhr angesetzt worden – brachte der Moderator die Diskussion zum Ende. Piazza kündigte eine Fortsetzung des Dialoges an. Über die Website können Fragen gestellt werden. Ab Mai soll ein Infopoint eingerichtet und personell besetzt werden, so dass Fragen im direkten Gespräch gestellt werden können. Prof. Moeck, ursprünglich in Berlin beheimatet und jetzt in Weilheim wohnhaft, outete sich als Liebhaberin des lokalen Bieres und regte einen Stammtisch an, der das Geothermieprojekt kritisch begleiten könnte.

von Maria Hofstetter

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