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Ein Gespräch über Krisenhilfe für ältere Menschen in seelischer Not

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Portrait von Karin Majewski
Karin Majewski spricht über die Hilfe des Krisendiensts Psychiatrie Oberbayern. © Privat

Region – Seelische Krisen im Alter finden oft im Verborgenen statt. Viele ältere Menschen leiden unter Einsamkeit, haben Depressionen, Angststörungen oder sind an Demenz erkrankt. Der Krisendienst Psychiatrie Oberbayern steht Menschen im Alter rund um die Uhr zur Seite.

Karin Majewski ist Vorstandsvorsitzende des Trägervereins der Arbeitsgemeinschaft der freien Wohlfahrtspflege Oberbayern (ARGE), der als Gesellschafter zusammen mit dem kbo-Isar-Amper-Klinikum die Geschäftsstelle des Krisendienstes Psychiatrie Oberbayern betreibt. Im Gespräch berichtet sie über Krisenhilfe für ältere Menschen in seelischer Not.

Frau Majewski, seelische Krisen im Alter sind ein gesellschaftliches Tabu. Welche Art der seelischen Krise im Alter gibt es und was sind die Auslöser?

Majewski: „Die Auslöser seelischer Krisen sind vielfältig. Am häufigsten erleben wir in der Praxis Depressionen, Vereinsamung, aber auch Überforderung mit der Organisation des eigenen Alltags durch abnehmende kognitive Fähigkeiten und Belastungen, wenn ein Familienmitglied gepflegt wird. Häufig wird diese Pflege von Partnerinnen oder Partnern übernommen, die teils bis an ihre eigenen körperlichen und seelischen Belastungsgrenzen gehen. Hinzu kommen Ängste durch gesundheitliche Einschränkungen, etwa durch demenzielle Veränderungen, aber auch verdeckte Suchterkrankungen. Ganz aktuell machen sich viele ältere Menschen Sorgen um die Zukunft. Die anhaltende Pandemie, die stark steigenden Lebenshaltungskosten, die Angst vor Altersarmut, die drohende Energiekrise und der anhaltende Krieg in der Ukraine belasten viele sehr. Bei vielen Menschen brechen auch eigene Erinnerungen an Krieg oder Vertreibung wieder durch.“

Wie häufig finden Einsätze der aufsuchenden Krisenhilfe bei älteren Menschen statt?

Majewski: „Der Krisendienst hat pro Jahr rund 2 000 persönliche Einsätze mit Krisenintervention vor Ort. Gut ein Drittel findet bei älteren Menschen statt.“

Haben Sie ein konkretes Beispiel für einen Einsatz bei einem betagten Menschen?

Majewski: „Ein Einsatz, der mich sehr berührt hat, war bei einer 70-jährigen Dame, die ihren Föhn in die Badewanne werfen wollte. Sie litt sehr unter wachsender Einsamkeit, da sie aufgrund der Corona-Beschränkungen keinerlei Kontakte zur Außenwelt mehr hatte. So wie früher einfach in ein Café zu gehen, das war ja nicht mehr möglich. Überhaupt wollte die Dame anderen Menschen nicht zur Last fallen. Darum hatte sie sich vor ihrem Suizidversuch auch keine Hilfe geholt. Glücklicherweise scheiterte der Versuch und die Dame nahm umgehend Kontakt zum Krisendienst auf. Zuerst hat ein entlastendes Gespräch stattgefunden, im Anschluss wurde der Übergang zum Sozialpsychiatrischen Dienst hergestellt. Seniorinnen und Senioren glauben oft, der Krisendienst kommt und bringt die Menschen gleich in eine Klinik. Die Realität sieht anders aus. Es geht um ein gemeinsames Gespräch, das idealerweise klärt und entlastet.“

Wo konnte der Krisendienst noch helfen?

Majewski: „Ein weiteres Beispiel ist das eines älteren Paares. Der Mann hatte mehrere akademische Titel und war an Demenz erkrankt. Als Vater von erwachsenen Kindern wollte er nicht, dass diese miterleben, wie er geistig verfällt. Schließlich hatte er der Familie stets Orientierung gegeben. Er selbst nahm seinen geistigen Abbau jedoch deutlich wahr. Seine Frau bedrückte die Frage, wie lange sie ihren Mann noch zuhause versorgen könne. Der Krisendienst führte ein klärendes Gespräch mit dem Paar und suchte nach einer passenden Unterstützung. Der Gerontopsychiatrische Dienst konnte den Fall leider nicht übernehmen, weil er keine Menschen mit Demenz betreut. Geholfen wurde dem Paar bei wohlBEDACHT e. V. – Wohnen und Leben mit Demenz, einer Mitgliedsorganisation des Paritätischen Wohlfahrtsverbands.“

Was raten Sie älteren Menschen, wenn diese eine Krise nicht allein bewältigen können?

Majewski: „Die Menschen sollen sich trauen, beim Krisendienst anzurufen, je früher, desto besser! Denn Krisen müssen nicht eskalieren. Von daher meine Bitte: Rufen Sie den Krisendienst an, wenn Sie nicht mehr weiterwissen, er ist täglich von 0 bis 24 Uhr unter 0800/6553000 erreichbar. Natürlich kostenlos.“

Was ist aus Ihrer Sicht noch wichtig?

Majewski: „Wichtig ist, den ersten Schritt zu tun und Kontakt zu einem Hilfsangebot zu suchen. Auch Angehörige und Personen aus dem sozialen Umfeld sollten genau hinschauen, wenn sie in der Familie oder im Freundeskreis bei einem Menschen eine krisenhafte Situation wahrnehmen. Es gilt, in Kontakt zu kommen und den Zugang zu Hilfsangeboten zu ermöglichen.“

Was ist unter Hilfsangeboten zu verstehen?

Majewski: „Grundsätzlich gibt es in Oberbayern eine breite Palette verschiedener Hilfsangebote: vom Einzelgespräch über eine Gesprächsgruppe bis hin zu praktischen Unterstützungsangeboten daheim. Helfen können beispielsweise Beratungsstellen der ambulanten Altenhilfe, Alten- und Servicezentren, Nachbarschaftshilfen, Demenzberatungsstellen oder bei Bedarf die Anbindung an eine psychiatrische Institutsambulanz. Welches Angebot als hilfreich erlebt und gut angenommen wird, kann individuell sehr unterschiedlich sein. Der Krisendienst versteht sich als Ergänzung zu den Angeboten vor Ort. Wichtig ist, dass sich ältere Menschen oder ihre Angehörigen rechtzeitig melden. Es ist nie zu früh, aber schnell zu spät!“

Die aufsuchenden Einsatzteams sind das Herzstück des Krisendienstes. Wie stellen Sie sicher, dass sie rasch vor Ort sind?

Majewski: „Die Einsatzteams arbeiten im Schichtdienst und sind rund um die Uhr an 365 Tagen im Jahr in Rufbereitschaft. Unser Ziel ist es, dass die Einsatzteams nicht nur in der Stadt, sondern auch in ländlichen Regionen binnen einer Stunde bei den Menschen sind, die in seelischen Notlagen Hilfe brauchen.“

Weitere Informationen

Der Bezirk Oberbayern finanziert den Krisendienst Psychiatrie mit 16 Millionen Euro pro Jahr; dazu steuert der Freistaat Bayern für den Betrieb der Leitstelle zwei Millionen Euro bei. 2022 hatte die Leitstelle rund 30 000 Telefonkontakte; die Einsatzteams führten rund 2 000 persönliche Kriseninterventionen durch. Die Leitstelle ist an 365 Tagen im Jahr rund um die Uhr erreichbar. Ihr Betrieb liegt in der Verantwortung des kbo-Isar-Amper-Klinikums Haar, die aufsuchende Krisenhilfe verantworten Dienste der freien Wohlfahrtspflege.

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Von Kreisbote

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