BR-Chefredakteur Sigmund Gottlieb zu Gast bei den Weilheimer "Glaubensfragen"

"Wir sind keine Teufelchen"

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Sigmund Gottlieb, Chefredakteur des Bayerischen Fernsehens, stellte sich bei den Glaubensfragen dem Weilheimer Publikum.

Weilheim – Quizsendungen, die nur Verschwendung der Fernsehgebühren seien, Verschwörungen in den Redaktionen, Angriffe auf konservative Werte: Die Vorwürfe, denen sich Sigmund Gottlieb bei der nächsten Runde der „Glaubensfragen“, stellvertretend für die Gesamtheit der deutschen Journalisten, stellen musste, hatten es in sich.

„Wir sind Ihre Meinungsmacher“, stellte der Chefredakteur des Bayerischen Fernsehens gleich zu beginn seines Vortrags klar. Dennoch sei die Wirklichkeit, die in den Medien beschrieben wird, lediglich eine Annäherung an die Wirklichkeit. „Auch Meinungsmacher haben eine Meinung“, gab Gottlieb zu bedenken. Niemand könne sich von der eigenen Meinung komplett freisagen.

Deutschland sei ein „Spitzenjournalismusland“ im internationalen Vergleich. Drei Eckpfeiler gebe es zu beachten, wenn guter Journalismus entstehen soll: Verantwortung, Qualität und Mut. 

„Können wir sie bewahren, oder schicken wir uns an, sie zu verscherbeln?“, fragte Gottlieb im Bezug auf die Qualität. „Banale Themen treffen den Massengeschmack“, bedauerte der Journalist. „Wie soll Seehofer gegen Bohlen bestechen?“, sieht er die Ausprägung vieler Einschaltquoten kritisch. 

Für eine „Verführung durch journalistische Ersatzhandlungen“ hält er die Tendenz zu „Skandalisierung, Generalisierung und Trivialisierung“. Manche hielten diese Instrumente für „scharfe Waffen, mit denen man im Konkurrenzkampf überleben kann“. Dass das Publikum diese Angebote meist auch annimmt, bestärke diese These. Diese drei immer stärker werdenden Bestandteile im Journalismus würden jedoch die „notwendige geistige Auseinandersetzung mit Themen“ umgehen. Durch sie entstehe eine „Gefahr für die Gesellschaft“, denn eine „Pseudowissenschaftlichkeit wird erschaffen“. Kriege, Krisen, Katastrophen und Konflikte ließen den Glauben an das Positive schwinden. 

Nicht nur durch diese Themenauswahl, sondern auch durch die mangelnde Fokussierung auf das Internet, hätten gerade die öffentlich-rechtlichen Sender die Jugend verloren. „Das ist unsere Wunde an der Achillesferse“, ist sich Gottlieb des Problems bewusst. Längst seien die klassischen Medien nicht mehr die „Gatekeeper“, die als vierte Macht auftreten. „Wir haben dieses Monopol verloren.“ Nur durch die Ausweitung an digitalen Angeboten könnten auch die jüngeren Rezipienten wieder erreicht werden. 

Diese Umstellung sei für zahlreiche Journalisten nicht einfach. „Viele fühlen sich angegriffen und überfordert“, glaubt Gottlieb. Im „Zeitalter der Instant-Kommunikation“ sei es daher von Bedeutung, im „immer wilder wuchernden Informationsdschungel“ gründlich auszuwählen und aus der „Kommunikation des Zufalls“, eine halbwegs zuverlässige Kommunikation zu machen. Nur so könne der Journalismus noch als „Anker der Verlässlichkeit im digitalen Meer“ fungieren.

„Wir können nicht besser sein als Experten“, erklärte der 62-Jährige das Dilemma, dem viele Medienschaffende gegenüberstehen. Sie seien Generalisten, die „von allem wenig und von wenig sehr viel verstehen“. Außerdem sei in der Branche der immer größer werdende Druck durch die Beschleunigung ein Problem. Er führe dazu, dass häufig nur oberflächlich gearbeitet werde.

Für die neuen Medien fordert Gottlieb daher neue Geschäftsmodelle. Auch eine Durschnittshaltung sowie -ausbildung genügten seiner Meinung nach nicht mehr, um sich zu behaupten. Umso mehr sei dafür eines notwendig: „Wir brauchen wieder Mut zum Positiven“, hoffe er auf ein Abweichen von ausschließlich negativen Schlagzeilen.

„Der Journalismus ist ein wunderbarer Beruf mit großem Maß an Freiheit, aber auch Pflichten“, versuchte der Redakteur dem Publikum deutlich zu machen. „Es ist unerheblich, was uns interessiert, sondern wichtig, was die Gesellschaft benötigt“, sprach sich Gottlieb für einen stärkeren Fokus auf den Dienstleistungsgedanken in den Medien aus. „Das Publikum ist das Maß der Dinge.“

Auch forderte Gottlieb seine Berufskollegen auf, den Dingen auf den Grund zu gehen – „hart, fair und nachhaltig“, dabei auf fundierte Meinungsbildung zu achten, die Demokratie zu erhalten und sie nicht durch die Berichterstattung zu zerstören. Dennoch: „Journalisten sollen Wachhunde der Gesellschaft sein und nicht die Schoßhunde der Mächtigen.“ 

Die Ehre der Journalisten musste Gottlieb nach seinem Vortrag immer wieder verteidigen. „Sie vermuten überall redaktionelle Teufelchen“, entschärfte er die Kritik der Anwesenden und schaffte es dabei, zu jedem der Angriffs- punkte schlüssige Antworten zu geben – nicht immer zur Zufriedenheit der Fragesteller. Sein abschließender Appell: „Ich plädiere für mehr Vertrauen in unsere Zunft.“

Von Ursula Gnadl

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