"Stadttheater im Off" thematisiert sexuellen Missbrauch in der Kirche

Schwer zu (er)tragen

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Heiko Dietz hat das Stück geschrieben und inszeniert. In der Bahnhofskneipe übernahm der Münchner Theatermacher die Rolle von Stammgast Peter Tarnach (2.v.li.).

Weilheim – „Ich war nicht zuständig, mir waren die Hände gebunden.“ Mit knappen Worten versucht Kardinal Silenz die Anschuldigungen des Missbrauchsopfers Manfred Wiktimar abzuwehren, mit dem dieser nicht nur den Täter, einen katholischen Priester, sondern mehr noch die Institution Kirche für sein jahrelanges Martyrium verantwortlich macht. Äußerer Anlass für das Aufeinandertreffen von Opfer und kirchlichen Würdenträgern ist eine Zugpanne, die sie in einer tristen Bahnhofskneipe stranden lässt.

Wie im wirklichen Leben finden sich dort höchst unterschiedliche Charaktere ein, die sich alle an der leidenschaftlich geführten Diskussion beteiligen und verschiedene Aspekte des Missbrauchsskandals beleuchten. Mechthild Gott, die Wirtin, virtuos gespielt von Yvonne Brosch, behält den Überblick und ahnt schon im Voraus, „dass sich nichts ändern wird“, sehr wohl aber „etwas ändern muss“. Neben Kardinal Silenz (Winfried Hübner) wird die Kirche von Bischof Georg Klemm (Konrad Adams), Pfarrer Günther Kowahl (Johannes Haag) und Vikar Karsten Reinemann (Robert Ludewig) repräsentiert. Sie sind auf dem Weg nach Klingenberg, um dort auf einer innerkirchlichen Konferenz die finanzielle Entschädigung von Missbrauchsopfern zu klären. Die Sicht auf das individuelle Leid des Opfers Manfred Wiktimar, beeindruckend gespielt von Claus-Peter Damitz, kann da nur stören, denn „mit gebundenen Händen kann man nicht helfen“.

Die anfangs überheblich dargestellte Selbstgewissheit der Kirchenfraktion gerät ins Wanken. Nicht nur Manfred, das Opfer, sondern auch der ungebetene Gast Sammi (Josef Parzefall) und Putzfrau Gabi (Waltraud Lederer) nehmen die Institution Kirche aufs Korn, indem sie unangenehme Fakten aus der Kirchengeschichte ebenso aufs Tapet bringen wie Presseberichte und Untersuchungsergebnisse über Missbrauchsfälle der vergangenen Jahrzehnte.

Das Dilemma, in dem sich oftmals die kindlichen Opfer sexueller Gewalt befinden, wird den Besuchern schmerzlich nahe gebracht: Der Täter ist ein angesehener Würdenträger, dem „so etwas nicht zugetraut“ wird, und wenn es gar nicht mehr anders geht, reagiert die Kirche höchstens mit dessen Versetzung. Selbst die eigene Familie glaubt dem Opfer nicht, und wenn doch, dann soll der Skandal unter der Decke gehalten werden, wie dies von Angelika Austing (Petra Wintersteller), Manfreds Schwester, gefordert wird. Einzig der Rangniedrigste der Kirchenvertreter, Vikar Reinemann, ist letztlich von dem Leid erschüttert, das seine Kirche geduldet und ermöglicht hat: Er zieht persönlich die Konsequenz daraus, indem er sein Amt aufgibt –„aus der Nummer bin ich raus“ –, nicht ohne sich und Pfarrer Kowahl als schwules Liebespaar zu outen.

Beim „Theater im Off“ treffen Zuschauer und Protagonisten auf engstem Raum aufeinander, wodurch laut Theaterleiter Andreas Arneth, der auch das Bühnenbild schuf, ein Thema „offensiv und außerhalb des etablierten Blickwinkels“ aufgezeigt werden kann. In „Gottes Last“ haben der heikle Stoff und die räumliche Dichte beim Publikum einen nachhaltigen Eindruck hinterlassen.

Von Maria Hofstetter

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