Gregor Gysi spricht im Weilheimer Haus der Begegnung über Religion

Glaube ist reiner Zufall

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Gregor Gysi wollten so viele Menschen in Weilheim sehen, dass das Haus der Begegnung überfüllt war.

Weilheim – Er bezeichnet sich als Heide und nicht als Atheist, denn er schließe nicht aus, dass es eine höhere Kraft gibt. Dennoch sei Gott zu ihm bisher noch nicht gekommen. Dass das irgendwann passieren könnte, schließt Gregor Gysi aber nicht aus.

So richtig überzeugend war diese Aussage jedoch nicht, die der Politiker am Donnerstag bei den Weilheimer Glaubensfragen im Haus der Begegnung mit einem Grinsen traf. Doch auch als Mensch, der nicht an Gott glaubt, schaffte es Gysi mit Leichtigkeit, die Massen anzuziehen. Für 350 Besucher standen Stühle bereit, doch die reichten bei Weitem nicht. Sogar im Innenhof harrten stehende Zuhörer mit Regenschirmen aus, um mitzubekommen, was der Vorsitzende der Linksfraktion im Bundestag zum Thema „Braucht unsere Gesellschaft Gott?“ zu sagen hat. „Ein schweres Thema, Politik wäre einfacher“, gestand Gysi gleich zu Beginn.

Daher startete er nach einem gedanklichen Ausflug in die Religionsgeschichte auch in seiner eigenen Kindheit. Oft hätten ihn seine Eltern in Gotteshäuser aller Religionen mitgeschleppt, obwohl sie ihn nicht gläubig erzogen. „Aber tolerant“ sieht Gysi heute den Nutzen dieser Ausflüge. Sein Vater habe ihm dabei auch erklärt, dass es bei der Religion vor allem um den Menschen gehe, da der Glaube Hoffnung bringe.

Aber auch der politischen und gesellschaftlichen Relevanz der Kirchen maß Gysi hohe Bedeutung bei. „Nur nicht staatliche Organisationen können dem Staat die Legitimität geben, die er möchte“, erklärte Gysi. Daher bedürfe es der Gewerkschaften, der Kultur und eben auch der Kirchen.

Diese Meinungsvielfalt sei auch im Bundestag unverzichtbar. „Ich will keinen Bundestag ohne konservative Parteien“, gestand Gysi. „Sie müssen ja nicht so groß sein“, relativierte er aber gleich. Ob in unterschiedlichen Fraktionen, oder auch innerhalb einer Partei – es sei nötig, dazu zu stehen, dass es unterschiedliche Interessen gibt. Ähnlich wie bei der Religion. Religionskriege träfen daher auch auf sein Unverständnis. „Es gibt keine Kriege im Namen Gottes, sondern nur gegen den Namen Gottes.“

Vor allem mehr Toleranz sei notwendig, denn Religionsfreiheit werde oft falsch verstanden und schließe Nichtgläubige oftmals aus. „Wir müssen uns darüber klar werden, wie zufällig die Religionszugehörigkeit ist.“ Ob Allah, mehrere Götter oder der christliche Allmächtige – immer sei der Glaube nur durch die Eltern geprägt. Und eben auch, wie in Gysis eigenem Fall, der nicht vorhandene Glaube an Gott. 

Auch Themen, die keinen direkten Bezug zu Religion haben, schnitt Gysi an. „Wir sind zu duckmäuserisch“, kritisierte er das Verhalten der deutschen Politiker. Als Beispiel zog er die NSA-Spitzel-Affäre heran. „Endlich beginnt die Bundesregierung, auf mich zu hören“, sagte der gebürtige Berliner mit schelmischem Blick ins Publikum. „Man kann nur Respekt bekommen, wenn man sich etwas traut“, begrüßte er den Schritt, schärfere diplomatische Grenzen zu ziehen. Er hätte die Botschafter jedoch schon viel früher zu Personae non gratae gemacht. Außerdem schlug er vor, das derzeit im Bau befindliche NSA-Gebäude in Wiesbaden anderweitig zu verwenden und das Freihandelsabkommen deutlicher infrage zu stellen.

In Sachen Weltpolitik äußerte sich Gysi weiter zum Thema Bundeswehreinsätze. Dabei wirkte er viel mehr in seinem Element als bei der Religion. „Es wird zu viel an Kriegen verdient“, kritisierte Gysi den Kapitalismus. Als drittgrößter Waffenexporteur sei Deutschland mitverantwortlich für das Leid in der Welt. „Wir denken viel zu militärisch. Die Regierung sollte lieber vorbeugend tätig werden“, appellierte er an die frühzeitige Entschärfung der Krisenherde. Es sei wichtig, immer die demokratischen Kräfte zu unterstützen und nicht diejenigen, die gerade dem eigenen Land wirtschaftlichen Nutzen bringen. Man könne durch Waffenhandel nicht für soziale Gerechtigkeit sorgen, sondern müsse vor allem die Fluchtursachen in den Ländern, aus denen Asylbewerber nach Europa strömen, beseitigen.

Hier könnten auch die Kirchen einen Beitrag leisten. Denn wenn sich jemand engagiere, sei es egal, ob aus religiöser oder weltlicher Motivation. „Wenn die Toleranz nicht da ist, geht es nicht um den Inhalt.“ Kritik am Kapitalismus kam auch hinsichtlich der Wertvorstellungen. „Kapitalismus kann keine Moral erzeugen. Der kennt nur Konkurrenz.“ Das Gegenstück sei die Religion. „Es wäre für die Gesellschaft verheerend, wenn das wegfällt“, schätzte er die Existenz der Kirche für sehr bedeutend ein. „Wir brauchen Kirchen und Religionsgemeinschaften.“ 

Ob die Gesellschaft nun aber Gott braucht, diese Frage ließ Gysi in Weilheim unbeantwortet. Jedoch gelang es ihm zu zeigen, in wie vielen wichtigen Punkten die Kirche unsere Gesellschaft geprägt hat und immer noch prägt. Auch wenn er selbst nicht wisse, warum er nicht an Gott glaube, schließe er nicht aus, es irgendwann doch zu tun. Mit einem Lächeln wandte er sich zum Abschied an die überzeugten Christen im Saal: „Ich bin eine Aufgabe für Sie.“

Von Ursula Gnadl

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