Sängerin Anamica Lindig initiiert Diskussionsrunde zu Existenznöten in der Kulturbranche

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Gespräch zur Existenznot in der Kulturbranche: V.li. Tobias Melle, Béla Rieger, Anamica Lindig, Wolfgang Heubisch, Andrea Jochner-Weiß, Matthias und Birgit Gibson und Vadim Mirovsky.

Polling – Es war in der Tat eine illustre Gesprächsrunde, die sich da in Anamica Lindigs Wohnzimmer einfand. Ganz nach dem Motto „Frechheit siegt“ hatte sich die Pollinger Sängerin und Gesangslehrerin ein paar Tage zuvor in eine Online-Diskussion mit Dr. Wolfgang Heubisch, dem Vize-Präsidenten des Bayerischen Landtags und ehemaligen Staatsminister für Wissenschaft, Forschung und Kultur, eingeschaltet und ihre Sorgen und Nöte artikuliert.

Lindig, die unter anderem auf Hochzeitsfeiern auftritt, musste wegen Corona alle bereits gebuchten Veranstaltungen absagen. Es geht um ihre berufliche Existenz. Lindigs Beharrlichkeit beeindruckte Heubisch. Der FDP-Politiker versprach, nach Polling zu einer Diskussionsrunde zu kommen.

Und so saßen neben Lindig, Heubisch und drei Pressevertretern mehrere Protagonisten aus der Kulturszene am Tisch, darunter der Tourneeveranstalter Béla Rieger (Backstage Promotion), Fotograf und Musiker Tobias Melle, Produktionsleiter Vadim Mirovsky und – als weiterer politischer Gast – Landrätin Andrea Jochner-Weiß.

Organisatorisch begleitet wurde der Abend von den Medienagenturinhabern Birgit und Matthias Gibson. Es sollten Lösungen erörtert und laut Diskussionsleiter Matthias Gibson „positive Nadelstiche“ Richtung Politik gesetzt werden. Die Not in der Kulturszene sei groß: „Kunst und Kultur erleben einen Crash.“

Mit knapp über 14 Milliarden Euro und rund 1,2 Millionen Beschäftigten rangierte der Kultursektor zwar zuletzt hinter der Automobilindustrie auf Rang zwei der umsatzstärksten Branchen in Deutschland. Doch im Zuge der Corona-Krise steht der Kulturbetrieb nahezu still. Künstler, Freischaffende und Veranstaltungsagenturen kämpfen um die Existenz.

Das Problem: Im Gegensatz zu den mächtigen Autobauern fehlt in der Kulturszene einfach die politische Lobby. Und eine staatliche Unterstützung gibt es so gut wie keine: Bei Soforthilfen sind die Betriebskosten maßgeblich. Doch die fallen bei den Künstlern kaum an. Bei ihnen geht es vielmehr um die Umsatzeinbußen. „Es ist schade, dass wir keine gemeinsame Stimme haben. Wir brauchen eine übergeordnete Lobby“, konstatierte Melle.

In der Diskussionsrunde ging es freilich nicht um die millionenschwere Top-Liga, sondern mehr um die kleinen Künstler und Freischaffenden – oder wie es Matthias Gibson formulierte, die „liebenswerten Dienstleister“. Béla Rieger verdeutlichte, dass hinter dem Auftritt eines Top-Künstlers im Backstage-Bereich bis zu 500 Leute engagiert sind – zumeist als „Ich-AG“. Doch mit dem Lockdown in der Kulturszene würde gerade diese Klientel durchs Raster fallen: „Die kriegt die Politik alle als Hartz-IV-Empfänger zurück“, prognostizierte Rieger.

Den „Point of no Return“ sah die Gesprächsrunde gegen Ende des Jahres. Sollte die Kulturszene bis dahin keine Planungssicherheit haben, werde es 2021 eine dramatische Insolvenzwelle geben. Schon jetzt würden vor allem viele Newcomer auf der Strecke bleiben.

Was der Kulturszene helfen würde? Ganz klar: Eine Öffnungsperspektive. „Es wäre wichtig, dass Kultur wieder stattfindet“, befand Rieger. Ins gleiche Horn blies Heubisch. „Reißt die Kulturbetriebe wieder auf“, müsse das Credo lauten. Heubisch räumte ein, „keine Generallösung“ präsentieren zu können. Auch würde die Kultur im Söder´schen Regierungskabinett keine große Rolle spielen: „Das Zentrum ist allein die Staatskanzlei.“

Heubisch versprach, die Thematik im Landtag aufs Tapet zu bringen: „Ich habe schon noch Einflussmöglichkeiten.“ Lobbyarbeit für die Kultur, genau das dürfte Gibson mit den „positiven Nadelstichen“ gemeint haben.

Von Bernhard Jepsen

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