Neue Kreisboten-Serie: Ehrenamt – Die Helfer im Verborgenen

Hilfe zur Selbsthilfe: Peißenbergerin unterstützt Flüchtlinge

Gertraud Reichert vom Peißenberger Unterstützerkreis Asyl
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Gertraud Reichert engagiert sich seit mehr als fünf Jahren im Peißenberger Unterstützerkreis Asyl.

Peißenberg – Es ist ruhig im interkulturellen Treffpunkt („iku“) im ehemaligen Krankenhaus. Normalerweise herrscht reger Betrieb. Doch auch hier zeigt sich die Pandemie. Dennoch hält eine Frau die Stellung und kümmert sich um dringende Fälle: Gertraud Reichert. Sie ist eine der umtriebigsten Ehrenamtlichen im Unterstützerkreis Asyl und steckt seit Jahren viel Energie in die Betreuung von Flüchtlingen.

„Mein Mann hat gar keine Vorstellung, wie viel Zeit ich investiere“, sagt die 61-Jährige, als sie sich hinter der Plexiglaswand im Beratungszimmer zurücklehnt. Es ist kalt. „Derzeit lohnt es sich nicht, alle Räume zu heizen. Die meisten Termine müssen ausfallen“, beschreibt sie die aktuelle Situation.

An ihre Anfänge im Unterstützerkreis erinnert sich die Peißenbergerin genau. Als ihre Schwiegermutter starb, waren Möbel zu verschenken. Sie suchte eine Spendenmöglichkeit und fand eine syrische Familie. „Diese erste Begegnung war so positiv, dass ich mich weiter in diesem Bereich engagieren wollte“, denkt Reichert gerne zurück.

In den Unterstützerkreis wollte sie daher reinschnuppern. „Ohne Verpflichtungen.“ Doch schnell erkannte die zweifache Mutter und Oma, dass die geflüchteten Familien zu ihrer Herzensangelegenheit wurden. Zunächst sei es vor allem um Dinge gegangen, die das normale Leben ermöglichten: Kindergartenplätze, Arztbesuche, finanzielle Belange. Ungewohnte Probleme folgten: Urkunden aus Kriegsgebieten organisieren, ausländische Ehen anerkennen lassen, Behördengänge ohne Dolmetscher. Oft waren es aufreibende Situationen.

Eine ist Traudl, wie sie meist genannt wird, besonders im Gedächtnis geblieben. Während des G7-Gipfels in Elmau kam eine albanische Familie in Peißenberg an. Zwei Kinder, der Vater und die schwangere Mutter mit einem Koffer und ohne jegliche Fremdsprachenkenntnisse. Bei einem Arztbesuch wurde klar: Die Frau, die Zwillinge erwartete, musste sofort nach Garmisch in die Klinik. Der Krankenwagen brachte sie dorthin. Der Vater folgte mit Bus und Bahn. Auf dem Heimweg klappte etwas mit der Verbindung nicht. Reichert war bereits im Bett, als der Mann anrief. Kurzerhand fuhr sie mit dem Auto los, um den Albaner abzuholen. „Es regnete so stark, dass ich kaum noch etwas sah“, erzählt sie, „und ständig wurde ich kontrolliert und musste die Situation erklären.“ Letztendlich ging alles gut. Heute lebt die Familie wieder in Albanien und hat noch immer Kontakt zu ihrer Retterin von einst.

Herzlichkeit und Professionalität

Helfen würde sie in solch einer Notsituation noch immer. Doch sie hat auch dazugelernt. „Anfangs hab ich zu viel an mich rangelassen“, bedauert die Rentnerin. Aber sie erkannte, dass sie sich persönlich mehr distanzieren sollte. Wie? „Man muss erst ein paar Mal reinfallen und enttäuscht werden“, gesteht Reichert. Heute hat sie eine gute Mischung aus Herzlichkeit und Professionalität gefunden.

„Es ist vor allem ganz viel Bürokratie“, seufzt die Ehrenamtliche. Inzwischen sei sie aber fit in Angelegenheiten mit dem Jobcenter und dem Ausfüllen von Formularen jeglicher Art. „Was mich wirklich frustriert, ist die Wohnungssuche“, gesteht sie. Was für Deutsche schon schwierig ist, sei für Geflüchtete nahezu unmöglich. Mieten müssen so günstig sein, dass es kaum Wohnungen in dem Preisrahmen gibt. Auf die wenigsten Anfragen kämen Antworten. „Den Fehlbelegern in den Unterkünften macht das Landratsamt inzwischen Druck“, erklärt Reichert. „Das macht mir Sorgen.“

„Zum Luftholen fahre ich Radl“, hat sie einen perfekten Ausgleich für sich gefunden. Und dabei meint sie nicht nur kleine Radtouren, sondern Fernstrecken mit dem Zelt auf dem Gepäckträger. Nach Süditalien zum Beispiel und das ganz ohne Hilfsmotor. So tankt sie Kraft für die Anforderungen zu Hause.

„Mein Ziel ist es, nicht die Dinge für die Leute zu erledigen, sondern ihnen zu zeigen, wie sie sich selbst helfen können“, sagt Reichert mit festem Blick. Daher hat sie auch kein schlechtes Gewissen, wenn sie mal „Dienst nach Vorschrift ohne die Streicheleinheiten“ macht. Und das könnte auch in Zukunft gelegentlich passieren. Denn da Reicherts Mann demnächst in Ruhestand geht, hat sie sich bereits viel für ihre Freizeit vorgenommen. Dennoch will sie dem Unterstützerkreis treu bleiben. „Es ist einfach schön zu sehen, wenn irgendwann kaum noch Hilfe nötig ist.“

Ehrenamtliche gesucht

In diesem Jahr will der Kreisbote den Ehrenamtlichen Platz geben. Jeweils in der letzten Samstagsausgabe des Monats erscheint ein Porträt eines Menschen, der sich besonders engagiert. Sie kennen eine solche Person? Gerne können Sie uns Ihre Vorschläge unter redaktion-wm@kreisbote.de schicken.

Von Ursula Gallmetzer

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