Gloriettl anhand von alten Fotos rekonstruiert

Historisches Badehäuserl im Seidlpark steht wieder

+
Nach historischen Vorlagen wurde das hölzerne Badehaus Emanuel von Seidls rekonstruiert. Es soll einmal für kleine Konzerte oder Ausstellungen genutzt werden.

Murnau – Dr. Robert Roithmeier lehnt schmunzelnd an einer frisch getünchten Fassade. Dieter Wieland reicht ihm Sekt zum Anstoßen. Bürgermeister Rolf Beuting schnappt sich ebenfalls ein Glas und prostet den umstehenden Murnauern zu: „Der Seidlpark hat seine Seele zurück. Das Gloriettl kommt niemals mehr weg!“

Was das Gloriettl ist, erzählt Dieter Wieland, Ehrenvorsitzender des von ihm vor elf Jahren gegründeten Förderkreises Murnauer Parklandschaften e.V.: „Der Münchner Emanuel von Seidl war der größte Architekt seiner Zeit. Als er zur vorvergangenen Jahrhundertwende im Süden von Murnau den später nach ihm benannten Seidlpark als seinen Privatgarten plante, setzte er ein hölzernes Badehaus ans Ufer eines der beiden Weiher, die er zudem ausbaggern ließ. Er nannte das Holzhüttterl Gloriettl. Ab 1903 war das sein Lieblingsplatz in Murnau.“

Die Bezeichnung Gloriettl entlehnte Emanuel von Seidl dem Schloss Schönbrunn in Wien. Dort baute Johann Ferdinand Hetzendorf von Hohenberg 1775 eine Kollonade an die höchste Stelle des Schlossgartens – ein sogenanntes Gloriettl mit herrlichem Panoramablick. „Emanuel von Seidl nahm sich diesen Wiener Säulengang zum Vorbild und stellte bei allen seiner Villen und Schlösser eine solche überdachte Aussichtsplattform in den Garten“, erklärt Wieland weiter. Weil diese Holzbauten vergleichsweise winzig waren, nannte er sie verniedlichend Gloriettl. Nach dem Zweiten Weltkrieg war das Murnauer Gloriettl marode geworden und verschwand. „Es war nichts mehr übrig geblieben. Nur noch eine Bodenplatte und Mauerreste“, berichtet Wieland weiter. 

Die entscheidende Idee zum Wiederaufbau des Gloriettls wurde letztes Jahr in der Weihnachtszeit geboren. 2019 jährt sich nämlich zum 100. Mal der Todestag Emanuel von Seidls. Robert Roithmeier, Vorsitzender des Benefizvereins „Menschen helfen e.V.“ stapfte voller Tatendrang zu Bürgermeister Rolf Beuting: „Wir bauen das Gloriettl wieder auf! Innerhalb von sechs Monaten.“ Das war ein ehrgeiziger Zeitplan, der dem Rathauschef erst einmal ein mildes Lächeln entlockte: Wer soll das planen? Wer soll das bauen? Woher sollen in der Kürze der Zeit die Genehmigungen kommen? Der Seidlpark steht schließlich unter Denkmalschutz. Roithmeier und die Seinen ließen sich aber nicht beirren und los ging es: Der Gemeinderat gab sein okay, Dieter Wieland überzeugte die Denkmalschützer und anhand von historischen Fotos wurde das Gebäude detailgetreu rekonstruiert. 

Nach den Vorarbeiten am Computer schleppte Zimmerermeister Hans Hlawatsch gewaltigen Balken heran. Unterstützer von „Menschen helfen“ nagelten Schalungsbretter fest und von Schreiner Toni Dietrich wurden zwei gewaltige Säulen gefertigt. Die grün-weißen Fensterläden wurden von der Fachschule für Holz und Gestaltung in Garmisch-Partenkirchen gespendet. Mitte Juli war dann alles fertig. Von Seiten des Denkmalschutzes war es wichtig, dass die neuen Bauteile den Altbestand nicht berühren. So klaffen zwischen dem ursprünglichen Unterbau aus Stein und dem hölzernen Aufbau ein paar Zentimeter, wodurch der historische Teil vor weiterer Zerstörung geschützt ist. Zur kleinen Eröffnungsfeier überreichte „Bauherr“ Roithmeier den Schlüssel an Beuting, als zukünftigen Hausherren, der sich sehr darüber freute: „Das Gloriettl ist eine großartige Gemeinschaftsleistung der Vereine ‚Menschen helfen‘, ‚Förderkreis Parklandschaften‘, und dem ‚Freien Theater Murnau‘, das den Bau derzeit als Kulisse nutzt.“ Das Gloriettl darf mit einer Sondergenehmigung bis Oktober stehen bleiben. Die Marktgemeinde leitet jetzt ein Baugenehmigungsverfahren beim Landratsamt ein.

Ist der dauerhafte Bestand gesichert, wird fertig gebaut. „Es fehlen noch per Hand geschnittene Schindeln sowie massive Fenster und eine Türe“, sagte Roithmeier. An einen Innenausbau wird derzeit nicht gedacht, das Gloriettl könne aber laut Wieland einmal als Ausstellungsraum oder für kleine Konzerte genutzt werden.

Von Günter Bitala

Auch interessant

Meistgelesen

Solarpotenzialkataster für Weilheim-Schongau geht ab 2. Dezember online
Solarpotenzialkataster für Weilheim-Schongau geht ab 2. Dezember online
Gewinnen Sie einen Erlebnisaufenthalt im Europa-Park für die ganze Familie
Gewinnen Sie einen Erlebnisaufenthalt im Europa-Park für die ganze Familie
Gerold Grimm geht nach 45 Dienstjahren in den Ruhestand
Gerold Grimm geht nach 45 Dienstjahren in den Ruhestand
AOK Bayern stattet 40 Erstklässler mit Reflektionsüberwürfen aus
AOK Bayern stattet 40 Erstklässler mit Reflektionsüberwürfen aus

Kommentare