Leben als: Streetworker

Weg von der Straße und rein ins Leben – Streetworkerin Andrea de Crignis im Interview

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Andrea de Crignis ist unter Tel. 015254263615 sowie auf Facebook unter „Streetwork Weilheim“ oder „Streetwork Peißenberg“ erreichbar.

Region – Drogen, Alkohol, Perspektivlosigkeit, Mobbing und menschliche Abgründe – Themen, die die meisten lieber umgehen. Nicht so Andrea de Crignis. Die 34-Jährige aus Raisting ist Streetworkerin in Weilheim und Peißenberg und arbeitet täglich mit Jugendlichen und jungen Erwachsenen zusammen, die mit Problemen zu kämpfen haben und dadurch oftmals auf die schiefe Bahn geraten.

Mit zwei weiteren Kollegen, die im Gebiet Murnau und Penzberg tätig sind, ist die 34-Jährige seit drei Jahren bei der Brücke Oberland e.V in der mobilen Jugendsozialarbeit beschäftigt. Finanziert wird diese Stelle von der Stadt Weilheim und dem Markt Peißenberg sowie anteilig vom Amt für Jugend und Familie. Wie sie dazu kam, wie ihr typischer Arbeitsalltag aussieht und ob ihr ein bestimmte Fall besonders im Gedächtnis blieb, hat die Streetworkerin im Interview mit Kreisboten Volontärin Maria Lindner verraten.

Frau de Crignis, wie sind Sie dazu gekommen, Streetworkerin zu werden?

de Crignis: „Ich wollte schon immer im sozialen Bereich arbeiten. Davor war ich auch schon im Kindergarten und bei der Lebenshilfe tätig. Dann habe ich in Benediktbeuern Soziale Arbeit studiert und war in dieser Zeit mit einem Streetworker unterwegs.“

Und jetzt sind Sie seit drei Jahren bei der mobilen Jugendsozialarbeit der Brücke Oberland e. V. tätig. Was sind Ihre Aufgaben?

de Crignis: „Ich kümmere mich um Jugendliche und junge Erwachsene zwischen zwölf und 27 Jahre. Streetwork ist ein Teil dieser Arbeit. Dazu gehört auch die Gemeinwesenarbeit, das heißt zu schauen, was sich die jungen Leute wünschen. Ich bin quasi das Sprachrohr zwischen Stadt/Markt und Jugend. Daneben habe ich auch ganz viele Einzelfälle und bin an der Ammer, am Skaterplatz und im Stadtgebiet unterwegs. Ich erarbeite gemeinsam mit den jungen Menschen, die zu mir kommen, ihr Ziel. Ich bin quasi ein Wegbegleiter. “

Was gefällt Ihnen an Ihrer Arbeit ganz besonders ?

de Crignis: „Dass die Soziale Arbeit so umfangreich ist. Man hat mit sämtlichen Thematiken zu tun. Manchmal ist es nur ein Bewerbungsschreiben, manchmal sind es eine schwere psychische Erkrankung, Suchtprobleme, Straffälligkeit, Obdachlosigkeit. Ich finde es schön, dass es ein sehr niederschwelliger Zugang ist. Da ich mobil bin, erreiche ich auch diejenigen, die nicht mehr aus dem Haus gehen und schon ein bisschen aus dem sozialen Netzwerk gefallen sind.“

Wie sieht ein typischer Arbeitsalltag bei Ihnen aus?

de Crignis: „Ich habe keine geregelten Arbeitszeiten und arbeite von Montag bis Sonntag, habe aber trotzdem eine Fünftageswoche. Ich arbeite sehr selbstständig, obwohl ich angestellt bin. Ich kann nie genau sagen, wie die nächste Woche aussieht.“

Wenn Sie draußen unterwegs sind, wie stellen Sie den ersten Kontakt mit den Jugendlichen her?

de Crignis: „Ich stelle mich meist kurz als Streetworkerin vor und frage, ob sie meine Visitenkarte haben wollen. Dann merke ich schon, ob sie interessiert sind. Manchmal entstehen kurze Gespräche und manchmal nicht. Wenn ich zum Beispiel zur Ammer gehe, treffe ich nicht immer die gleichen Jugendlichen, da geht es gar nicht so darum, ein Vertrauensverhältnis aufzubauen. Am Skaterplatz da kenne ich ja einige, weil dort oft die gleichen Leute sind. Da hat sich das Vertrauensverhältnis mit der Zeit aufgebaut.“

Was machen Sie, wenn Sie merken, dass die Jugendlichen nicht mit Ihnen sprechen möchten ?

de Crignis: „Ich bin ja keine Aufsichtsperson oder die Polizei. Manchmal wollen sie einfach in Ruhe gelassen werden, das ist ok, weil ich niederschwellig arbeite und die Zusammenarbeit mit mir auf freiwilliger Basis läuft. Vertrauensaufbau braucht Zeit. Anders ist es, wenn ich einen Auftrag von der Stadt bekomme, weil irgendwo beispielsweise Müll herum liegt oder sich Anwohner wegen Lärm beschwert haben. Dann spreche ich die Leute direkt darauf an und versuche mit ihnen gemeinsam eine Lösung zu finden.“

Welche Rolle spielt das Thema Bildung bei den Jugendlichen?

de Crignis: „Eine große Rolle. Zu mir kommen oft Jugendliche und junge Erwachsene, die alle ihre Geschichte haben. Komplizierte Familienverhältnisse, Schwierigkeiten in der Schule, Mobbing, keinen oder einen nicht so hochwertigen Schulabschluss – das sind natürlich die, die am schnellsten aus der Gesellschaft herausfallen. Oft fehlt diesen Leuten die Struktur. Natürlich gibt es Hilfsmaßnahmen von Seiten des Arbeitsamtes oder des Jugendamtes. Aber diese können diese Menschen oftmals gar nicht erfolgreich abschließen, weil sie ein Problem mit der Struktur haben. Trotz alledem habe ich Klienten aus allen Bildungsschichten.“

Welches Selbstbild haben die Jugendlichen, die Sie begleiten und betreuen?

de Crignis: „Sie denken oft, dass sie nicht ernst genommen werden. Dann ist es ganz gut, wenn man einfach mal mit ihnen spricht und ihnen zuhört und nicht gleich sagt: ‚Du musst doch jetzt eine Ausbildung machen.‘ Ich sage den Jugendlichen zwar immer, dass es wahnsinnig wichtig ist eine Ausbildung zu haben, aber vielleicht ist derjenige aufgrund seiner Geschichte noch nicht soweit. Viele Jugendliche kennen ihre Stärken nicht. Das versuchen wir gemeinsam herauszufinden. Ich habe auch eine Zusatzqualifikation als Montessori-Therapeutin. Dieser stärkenorientierte Ansatz hilft mir sehr bei der Arbeit mit den Klienten, die sonst sehr häufig mit ihren Schwächen konfrontiert wurden.“

Konnten Sie in den vergangenen Jahren ein erhöhtes Suchtproblem unter Jugendlichen feststellen?

de Crignis: „Seit den drei Jahren, in denen ich dabei bin, hat sich nicht viel verändert. Das war immer gleichbleibend. Heute ist Gras unter Jugendlichen das, was bei uns früher Zigaretten rauchen war. Es hat eine gewisse Normalität bei den Jugendlichen bekommen. Ich würde jetzt aber nicht sagen, dass jeder so hochgradig süchtig ist, dass er nicht ohne könnte. Aber auch Alkohol ist immer ein Thema.“

Wie gehen Sie mit den Geschichten um, die Ihnen Leute anvertrauen?

de Crignis: „Ich habe Schweigepflicht, auch gegenüber der Polizei. Sogar wenn sie vor mir konsumieren. Das ist ganz wichtig, weil ich ansonsten meinen Job nicht machen könnte. Ich lebe ja davon, dass die Leute mir ihre Geschichten und Schicksale erzählen. Das glauben mir die Jugendlichen oftmals nicht ganz, manchmal testen sie dann aus, wie weit sie gehen können.“

Gab es einen Fall, der Ihnen ganz besonders im Gedächtnis blieb?

de Crignis: „Ganz oft habe ich ‚Multiproblemfälle‘. Anfang März zum Beispiel hatte ich einen Fall, der ziemlich heftig war, weil so viel zusammen kam. Über Mundpropaganda kam der Mann dann zu mir. Der Mann war 21, obdachlos, mittellos, hatte psychische Diagnosen und war schon fast verwahrlost. Ich habe dann gleich mit der Stadt und dem Landkreis kommuniziert. Dank der guten internen Zusammenarbeit hat er richtig schnell Hilfe bekommen. Er hat nun ein Obdach, bekommt finanzielle Hilfe und einen Platz in der Psychiatrie.“

Gab es auch schon einmal Rückschläge in Ihrer Arbeit?

de Crignis: „Oft habe ich sogenannte Schleifen. Man hat einiges erreicht und dann geht es wieder zurück. Aber gerade da ist es schön für die jungen Menschen zu sehen, dass ich trotzdem noch da bin und mit ihnen einfach etwas anderes ausprobiere.“

Gibt es in Weilheim oder Peißenberg spezielle Brennpunkte ?

de Crignis: „Weder in Peißenberg noch in Weilheim. Natürlich gibt es Viertel, in denen viele sozial schwache Familien wohnen. Ich finde es aber unfair zu sagen, dass das die sozialen Brennpunkte sind.“

Was könnte man besser machen, um den Jugendlichen präventiv zu helfen ?

de Crignis: „Ich wäre dafür, dass man eine ganz intensive Betreuung in schwierigen Familien schon vor der Geburt ansetzt, was aber nicht leistbar ist. Es fehlt ganz oft an der Erziehungskompetenz der Eltern, die aber selbst schon Eltern hatten, denen es genau an dem gefehlt hat.“

Wie werden Jugendliche auf Sie aufmerksam ?

de Crignis: „Wenn ich einmal jemandem geholfen habe, dann gibt der das im Freundeskreis weiter und sagt, ‚Geh doch mal zur Andrea, die hat mir geholfen‘. Die Leute werden auch über Social Media auf mich aufmerksam. Mit der Zeit baut man sich ein gewisses Netzwerk auf.“

Vielen Dank für das Gespräch.

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