Krankenhaus Weilheim setzt Pflegeroboter bei demenzkranken Patienten ein

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Zuckersüß sind sie, die Pflegeroboter in Form von Robben. Dabei ist enorm viel Technik in den Tieren verbaut, sodass sie für die Therapie von dementen Patienten eingesetzt werden können.

Weilheim – Als eine Errungenschaft bezeichnet die Stationsleiterin der Akutgeriatrie Lolita Hönig die Anschaffung von Pflegerobotern für die Krankenhäuser in Weilheim und Schongau. Wer dabei jetzt an R2-D2 oder Wall-E denkt, liegt falsch. Es sind Babyrobben. Und die können mehr, als nur niedlich aussehen. Sie sind für Menschen mit Demenz ein wichtiger Therapieansatz.

Langsam hebt sie ihren Kopf. Die schwarzen Kulleraugen mit den langen geschwungenen Wimpern schauen neugierig drein. Als Stationsleiterin Hönig spricht, wendet sich der Kopf der Robbe in ihre Richtung. Ein hohes Fiepen kommt von dem Tier. Auf Berührungen reagiert die Robbe ebenfalls. Bei Streicheleinheiten schließt sie die Augen; scheint es sichtlich zu genießen. Die Schwanzflosse wackelt etwas hin und her.

Für Kinder ein Traum. Denkt man. Aber die kuscheligen Robben – insgesamt gibt es drei, wobei eine davon nur zu Demozwecken genutzt wird – sind viel mehr als das, wie Hönig erklärt. „Sie sind ein interaktives Kommunikationsmittel.“ Die Robben werden in der Akutgeriatrie und der geriatrischen Reha eingesetzt, um Menschen mit dementiellen Erkrankungen „aus ihrer Geschlossenheit zu holen“. Die Robben seien quasi „ein Tor zur Außenwelt, über das kommuniziert werden kann“. Menschen mit Demenz könnten ihre Gefühle oft nicht mitteilen und hätten Probleme, mit anderen Menschen in Kontakt zu treten, weiß die Stationsleiterin. „Die Robbe hilft ihnen, ihre Gefühle ausdrücken“, so Hönig. Zudem habe der Umgang mit den kuscheligen Tieren auch einen beruhigenden Effekt.

Welchen Einfluss das zunächst unscheinbare Tier auf die Patienten hat, erklärt Hönig am Beispiel einer Patientin, die rund vier Wochen auf der geriatrischen Station war. Die Dame war dement. Konnte ihre eigenen Töchter nicht mehr erkennen. Hinzu kam, dass sie extrem unruhig war. „Sie hatte einen unglaublichen Bewegungsdrang und wollte immer weg.“ Geschlafen habe die Frau deshalb so gut wie gar nicht. Dann hat man ihr „Johanna“ vorgestellt. So heißt eine der zwei Robben, die im Einsatz sind. Ihre „Kollegin“ „Frieda“ übernimmt die Reha-Station in Schongau. „Johanna“ ist in den Akutgeriatrien in Weilheim und Schongau. Und dort traf sie eben auf die rastlose Patientin. Es dauerte nicht lange und die Frau fing an, sich auf die Robbe einzulassen. „Auf einmal hat sie nachts rund vier Stunden geschlafen“, berichtet Hönig. „Johanna“ habe die Patientin zur Ruhe gebracht. Ein großer Erfolg.

Interessant ist, dass „Johanna“ und „Frieda“ bisher nur bei weiblichen Patienten verwendet wurden, wie die Stationsleiterin erzählt. „Bei Frauen wird so ein Beschützerinstinkt geweckt.“ Tatsächlich erfüllen die Robben alle Kriterien des Kindchenschemas. Auch die hellen Laute, die sie von sich geben, erinnern an die eines kleinen Kindes. Selbst die Körperform hat etwas von einem kleinen in eine Decke gewickelten Baby und lässt sich genauso auf den Arm nehmen. Wie die männlichen Patienten auf die Robben reagieren, muss erst noch getestet werden.

Obwohl „Johanna“, „Frieda“ und die „Demorobbe“ – die bisher vergebens auf einen Namen wartet – wie normale Kuscheltiere wirken, steckt dahinter eine ausgeklügelte Technik. Zwei Betriebssysteme sind in den Robben verbaut. Sie haben Sensoren, um Helligkeit und Dunkelheit zu erkennen. Sie können Streicheleinheiten fühlen und darauf reagieren. Genauso aber auch auf ein grobes Handling. „Dann fährt der Computer quasi herunter und die Robbe schaltet sich ab“, erläutert Hönig. „So können die Patienten unmittelbar spüren, wie ihr Verhalten wirkt.“ Zudem ist ein Mikrofon in den Tieren verbaut. Die Robben können auf bis zu drei Stimmen trainiert werden, auf die sie dann reagieren. Die hochmoderne Technik ist natürlich nicht ganz günstig. Es sei eine „mittlere fünfstellige Investition“, verrät Pflegedienstleiterin Sandra Buchner.

Bei all dem ist Hönig aber besonders wichtig: „Der Pflegeroboter ersetzt keine Fachkraft.“ Es sei immer eine speziell geschulte Pflegerin anwesend. Nur so könne diese Therapieform wirklich zum Tragen kommen.

Robotik-Standort

Die drei Robben sind längst nicht die einzigen Roboter, die am Schongauer und Weilheimer Krankenhaus zum Einsatz kommen. Im chirurgischen Bereich werde auch schon mit Robotern gearbeitet, wie Krankenhaus-Pressesprecherin Isa Berndt berichtet. Robotik soll nämlich Schwerpunkt in der Krankenhaus GmbH werden. Orthopädische Operationen könnten bereits mit Hilfe dieser Technik durchgeführt werden. Als nächste Anschaffung soll ein Roboter für die Allgemeinchirurgie folgen. Die bemerkenswerte Technik, die da dahinter steckt, wird bei einer Robotik-Ausstellung im Autohaus Medele kommende Woche vorgestellt. Dort werden die neuesten Medizin-Roboter präsentiert. Aber egal, wie bemerkenswert die sein mögen, mit „Johanna“ & Co. können sie in Sachen Niedlichkeit bestimmt nicht mithalten.

Von Stephanie Novy

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