Ein Modellprojekt: Gesundheitsamt bietet Präventionskurs für Asylbewerber und Helferkreise an

Suchtbekämpfung als Vorsorge

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Diskretion und Schweigepflicht sind wichtig: Volker Greiner (stehend) beim Aufklärungabend in Altenstadt. In lockerer Runde erklärt er den Teilnehmern, dass er nicht von einer kontrollierenden Behörde kommt. „Das schafft Vertrauen.“

Weilheim/Landkreis – Über Suchtgefahren aufklären und Vertrauen schaffen: Das will Volker Greiner in zweistündigen abendlichen Seminaren, für die es zwei Zielgruppen gibt: Menschen anderer Kulturkreise, die aus ihren Heimatländern zu uns geflüchtet sind und Helfer, die sie bei der Bewältigung ihres Alltags unterstützen. „Die Resonanz ist gut und ein weiterer Bedarf durchaus vorhanden“, schildert der Diplom-Sozialpädagoge (FH) seine bisherigen Erfahrungen.

Seit Januar schult Greiner, der hauptberuflich bei der Suchtberatungsstelle in Herzogsägmühle beschäftigt ist, die Bewohner der Asylunterkünfte im Landkreis und ihre ehrenamtlichen Unterstützer. Die Teilnahme an dem Kurs ist freiwillig und wird streng vertraulich behandelt. „Das Gesprochene bleibt im Raum“, versichert Greiner, der auch gegenüber der Polizei der Schweigepflicht unterliegt. Zusammen mit Petra Regauer, die das vom Weilheimer Gesundheitsamt initiierte Projekt koordiniert, gab er vorige Woche bei einem Pressegespräch in Weilheim Einblick in seine Arbeit.

Traumatische Erlebnisse, Ängste, Wut, Trennung von der Familie, Unterbringung auf engstem Raum, Langeweile, Perspektivlosigkeit, unsicherer Aufenthaltsstatus: Die Gründe sind vielfältig, warum Menschen nach ihrer Flucht zu Alkohol, Cannabis und anderen Drogen greifen, um sich für ein paar Stunden der Realität zu entziehen. Aus muslimischen Ländern kommend haben viele Flüchtlinge in der Sammelunterkunft erstmals Kontakt mit Alkohol, beschreibt Greiner ein großes Problem. Die im Schnitt von zehn bis 20 Teilnehmern besuchten Seminare werden in den Unterkünften der Asylbewerber oder in öffentlichen Gebäuden abgehalten. Die Helfer vor Ort mobilisieren die Flüchtlinge, zu den Treffen zu kommen. Kurse in „Kultursensibler Suchtprävention bei Menschen mit Fluchterfahrung“, so der sperrig klingende Titel, gab es bisher in Schongau, Altenstadt, Rottenbuch, Steingaden, Peißenberg, Weilheim und Penzberg.

Greiner blickt oft in erstaunte Gesichter, wenn er berichtet, dass in Deutschland am Arbeitsplatz Alkohol und andere Drogen tabu sind. Der Kursleiter klärt über gesetzliche Regelungen auf und erläutert die Konsequenzen bei deren Missachtung. Hohe Aufmerksamkeit ist ihm gewiss, wenn er Beispiele aus der Praxis bringt: So kann eine Trunkenheitsfahrt mit dem Rad den späteren Erwerb eines Führerscheins erheblich behindern und eine Straffälligkeit den Aufenthaltsstatus gefährden. Dass die Weitergabe von Alkohol an Jugendliche strafbar ist, ist den Asylsuchenden meist ebenso wenig bekannt. Greiner versucht ihnen bewusst zu machen, warum sie trinken und gibt ihnen Infomaterial in landesspezifischer Sprache an die Hand. Ein Film beleuchtet das Thema Traumatisierung, zeigt Alternativen zum unkontrollierten Konsumverhalten und Hilfesysteme auf.

Suchtberatung für Flüchtlinge ist zeitintensiv, fachlich anspruchsvoll und sollte so früh wie möglich erfolgen, darauf weist die Bayerische Akademie für Suchtfragen hin. Sie könne helfen, „das Schweigen dieser Menschen, die untereinander gut vernetzt sind, zu durchbrechen“, sagte Regauer. Greiner ergänzt, dass dafür „viele kleine Schritte“ notwendig seien.

Der finanzielle Rahmen für das Projekt, das Modellcharakter hat, ist eng gesteckt: Die Regierung von Oberbayern hat auf Antrag des Weilheimer Gesundheitsamtes als Anschubfinanzierung für das laufende Jahr 750 Euro bewilligt. Die Initiatoren hoffen nun, dass es nicht bei den zehn Kurseinheiten bleiben wird. Für die weitere Finanzierung, erklärt Regauer, müsste der Landkreis einspringen.

Von Maria Hofstetter

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