Landesausstellung in Ettal geht den Ursprüngen des bayerischen Selbstverständnisses nach

Dem Mythos auf der Spur

+
In diesem einer Schneekugel nachempfundenen Pavillon zeigt eine Multimediaschau die Pläne Ludwigs II. für seine Schlossbauten.

Region/Ettal – Bayern ist voller Berge, auf diesen liegen liebliche Almen, die von feschen Sennerinnen bevölkert sind. Gemeinsam mit schneidigen Buam führen sie fröhliche Tänze auf und jodeln den lieben langen Tag. Wenn auch etwas übertrieben, so gibt diese Aussage viele Klischees wieder, die das Image des Freistaats weit über seine Grenzen hinaus seit Generationen prägen.

Die diesjährige vom Haus der Bayerischen Geschichte ausgerichtete Landesausstellung im Kloster Ettal hat zum Ziel, das Wurzelgeflecht aufzuzeigen, aus dem sich dieser Mythos nährt.Alljährlich wählt das Haus der Bayerischen Geschichte ein Thema für eine Ausstellung, die das Verständnis der Öffentlichkeit für die unterschiedlichen Aspekte der Geschichte Bayerns vertiefen soll.

Zwei bedeutende Jahrestage waren für 2018 der Anlass, sich dem Freistaat und seinem Bild zu widmen: 200 Jahre ist es nun her, dass das Land Bayern eine erste Verfassung bekam und die Ausrufung des Freistaates Bayern jährt sich zum hundertsten Mal.

Mit einer Vielzahl von Exponaten, erklärenden Texten und einem umfangreichen Katalog ist es den Ausstellern gelungen, den Besuchern zu veranschaulichen, warum Bayern und seine Bewohner so wurden, wie sie sind oder zumindest manchmal wahrgenommen werden (wollen).

Schon zu einer Zeit, als Marketing noch nicht einmal Reklame hieß, begannen die Herrschenden und Untertanen Bayerns gleichermaßen am Bild ihres Landes und seiner Bewohner herumzubasteln, um es in einem möglichst freundlichen Licht zu zeigen.

Bis Mitte des 19. Jahrhunderts waren es vorwiegend die herrschenden Wittelsbacher – allen voran König Max II. –, die das Zugehörigkeitsgefühl und Selbstbewusstsein der Bayern zu stärken versuchten. Später erkannten die Bayern selbst, dass es durchaus lohnenswert war, die eigenen Einnahmequellen aus Tourismus und Export durch gekonnte Selbstdarstellung munter sprudeln zu lassen. Die märchenhaften Hinterlassenschaften Ludwigs II. in Form von Schlössern waren dann noch eine willkommene Zugabe, die Bayern „zur Vorstufe zum Paradies“ (Horst Seehofer) werden ließen. Die vielen Facetten, die letztlich diesen Mythos bildeten, werden in der Ettaler Ausstellung eindrucksvoll zur Schau gestellt.

Am Anfang war der Wald – zumindest wenn es darum geht, die Ursprünge Bayerns und seines heutigen Bildes aufzuzeigen. Analog dazu beginnt auch der Ausstellungsrundgang im Kloster Ettal mit dem Wald. Der Besucher findet sich zuerst einem dunklen, von einer Wandtapete mit einem Waldgemälde von Albrecht Altdorfer geschmückten Raum wieder. Dort geben die Exponate einen Eindruck, welch wichtige Rolle der Wald und seine Produkte über die Jahrhunderte spielten und dabei Land und Leute prägten.

Beginnend mit einem aus dem Starnberger See geborgenen, 13 Meter langen und circa 3 000 Jahre alten Einbaum aus Eiche über die Darstellung herrschaftlicher Jagden vergangener Jahrhunderte, die Holzwerbung von einst und heute bis hin zu Kunstgegenständen aus dem Werkstoff Holz wird so gut wie jeder Aspekt des Waldes und seiner Bewirtschaftung beleuchtet. Durch die Mitwirkung der Bayerischen Staatsforsten bei der Gestaltung dieses Ausstellungsbereiches zeichnet sich dieses Kapitel durch besondere Detailinformationen aus.

Einen deutlichen Aufschwung nahm die „Nation Building“-Bewegung unter König Max II. auf, der 1848 den Königsthron bestiegen hatte. Sein Ziel war es, das nach den Napoleonischen Kriegen aus Altbayern, Franken und Schwaben zusammengewürfelte Königreich zu einen und die Untertanen zu königstreuen Bayern zu formen. Er tat dies durch die Förderung der verschiedenen Landestrachten und versuchte, mit ausgedehnten Reisen Land und Leute kennenzulernen und die Verbundenheit mit dem einfachen Volk zu demonstrieren. Dass dabei nicht auf den gewohnten höfischen Komfort verzichtet werden musste, zeigt unter anderem eine kunstvoll geschnitzte Badewannenumfassung, die auf den Reisen genutzt wurde.

Der Blick des Auslandes auf dieses Land wurde im weiteren Verlauf zunehmend von den zum Teil als Massenware hergestellten Landschafts- und Szenemalereien geprägt, die von den Gemäldegalerien bis nach Übersee exportiert wurden und begeisterte Abnehmer fanden. Doch nicht nur Gemälde, sondern auch die Biertempel, die von den großen Münchener Brauereien in den Hauptstädten Europas sowie in den USA zur Förderung des bayerischen Gerstensaftes errichtet wurden, trugen dazu bei, die Bayern als trinkfreudiges, in Lederhosen und Dirndl gekleidetes Volk darzustellen. Ein von den Bayerischen Staatsforsten gestifteter Holzpavillon widmet sich mit einer Videoinstallation ganz den Schlossbauten Ludwigs II., sowohl den tatsächlich realisierten als auch seinen weiteren Plänen, die letztlich Luftschlösser blieben.

Nach diesem Parforceritt durch die Geschichte Bayerns und dem Ausflug in die Phantasiewelt des Märchenkönigs werden die Besucher in der letzten Abteilung wieder geerdet. Sie ist der Geschichte seit der Ausrufung des Freistaates zum Ende des Ersten Weltkrieges 1918 gewidmet. Aufnahmen von Nazigrößen in Lederhose demonstrieren, dass auch sie versuchten, von den weit verbreiteten Klischees zu profitieren und positiv besetzte Symbole für die eigenen Zwecke zu missbrauchen. Doch auch diese finsteren Zeiten gingen vorüber und das einsetzende Wirtschaftswunder brachte einen bis dahin nicht bekannten Tourismusboom mit sich. Seilbahnen, Gasthäuser, Hotels und eine umfangreiche Infrastruktur waren nötig, um dem Ansturm gerecht zu werden. Heimatabende mit Jodlern, Schuhplattlern, Volks(tümlicher) Musik und Bauerntheatern strickten weiterhin am Mythos Bayern und fügen auch heute noch eifrig neue Maschen hinzu. Für alle, die schon immer wissen wollten, was an Bayern besonders ist, bietet die Ausstellung umfangreiches Anschauungsmaterial.

„Wald, Gebirg und Königstraum – Mythos Bayern“, Landesausstellung 2018 in der Benediktinerabtei Ettal, vom 3. Mai bis zum 4. November, täglich von 9 bis 18 Uhr geöffnet.

Von emh

Auch interessant

Meistgelesen

Sprüher richten hohen Schaden an
Sprüher richten hohen Schaden an
Konzept für soziale Bodennutzung
Konzept für soziale Bodennutzung
Irrfahrt endet in der Psychiatrie
Irrfahrt endet in der Psychiatrie
5 Gründe, warum Sie sich anmelden sollten
5 Gründe, warum Sie sich anmelden sollten

Kommentare