Landrätin und Herausforderer positionieren sich

Landratskandidaten zeigen ihre Konzepte für Energie- und Verkehrswende im Landkreis auf

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Wie wollen die Landratskandidaten die Klimaziele im Landkreis umsetzen? Moderator Dr. Georg Bayerle vom Bayerischen Rundfunk (re. am Pult) führte durch die dreieinhalbstündige Veranstaltung und lockerte sie mit humorvollen Einwürfen auf.

Weilheim – Der Landkreis Weilheim-Schongau hat sich zum Ziel gesetzt, bis 2035 energieautark zu sein und damit den gesamten Energiebedarf mit heimischen regenerativen Quellen zu decken. Der Weg dahin ist steinig aber möglich, berief sich Dr. Helmut Hermann, Vorsitzender der BN-Kreisgruppe, in seiner Einführung auf eine Studie der LMU München.

In der Wasserkraft- und Windkraftnutzung sieht Hermann keine weiteren Ausbaumöglichkeiten zur Lösung des Problems. Zum Erreichen der Energiewende sollten vielmehr Solarenergie sowie oberflächennahe Geothermie vorangebracht und Energiegemeinschaften gegründet werden. Genauso wichtig seien Fortschritte im Bereich der Energieeinsparung, zum Beispiel den Strombedarf auf ein Viertel des jetzigen Verbrauchs zu reduzieren.

Der zeitliche Rahmen der Veranstaltung war eng getaktet. Moderator Dr. Georg Bayerle gelang es souverän, alle Kandidaten gleichermaßen zu Wort kommen zu lassen und ein Ausufern der Diskussion zu verhindern. Mit seiner lockeren, humorvollen Art sorgte er trotz brisanter Materie für eine positive Grundstimmung.

Klimawandel begrenzen

Prof. Dr. Stefan Emeis schilderte den aktuellen Stand der internationalen Klimaforschung. Er führte extreme Wetterereignisse der letzten Jahre auf – große Waldbrände in Australien und Amerika, die Hitzewelle im Sommer 2019 mit Rekordtemperaturen in Deutschland, große Mengen Nassschnee im Januar 2019 –, und die Tatsache, dass der Januar 2020 in den Wetteraufzeichnungen am Hohen Peißenberg um 4,3 °C wärmer war als der langjährige Durchschnitt. Jedes einzelne dieser Phänomene sei noch kein Indiz für eine globale Klimaerwärmung, ihre massive Anhäufung sei jedoch ein Beweis dafür. Zudem decke sich dies mit der nachgewiesenen Zunahme des klimaaktiven Kohlendioxids in der Atmosphäre. Das Erreichen des international vereinbarten Zieles, die Zunahme der weltweiten Durchschnittstemperatur auf 1,5° C zu begrenzen, ist aus seiner Sicht unerlässlich, um einen weiteren „Kipppunkt“ zu verhindern, bei dem die Klimaentwicklung außer Kontrolle gerate. „Je länger wir warten, desto schwieriger wird es aber, dieses Ziel zu erreichen“, lautete sein eindringlicher Appell.

Energiewende im Landkreis

Andreas Scharli, Vertreter der Bürgerstiftung Energiewende Oberland, lenkte den Schwerpunkt auf die Aktivitäten, die vor Ort unternommen werden können, um das selbst gesteckte Ziel einer autarken Energieversorgung bis 2035 zu schaffen. Beim Strom sei im Landkreis bereits ein Selbstversorgungsgrad von 33 Prozent und in der Wärmeversorgung von zwölf Prozent erreicht worden. Ohne Einsparungen im Energieverbrauch könne das Klimaziel aber nicht erreicht werden.

Große Chancen sieht Scharli im weiteren Ausbau von solarthermischen Anlagen und bei der Wasserkraft. Zwar hätten die Landkreise keine Befugnisse, die von Bund und Land vorgegebenen Rahmenbedingungen der Energieversorgung zu beeinflussen, trotzdem würden sie aber fördernd auf die Energieversorgung Einfluss nehmen können. Als Beispiele nannte Scharli die eingeführte Energieberatung für die Bevölkerung, die Benennung eines Klimaschutzberaters in der Verwaltung mit echten Entscheidungsbefugnissen und eine fahrradfreundliche Ausstattung des landkreiseigenen Fuhrparks.

Verkehrswende im Landkreis

Pro Bahn-Sprecher Norbert Moy mahnte ein massives Umsteuern in der Verkehrspolitik weg vom Individualverkehr hin zum Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs an. Aus seiner Sicht habe die Mobilitätswende bereits stattgefunden. Moy untermauerte dies mit Zahlen zur Nutzung der Bahnlinie von Weilheim nach Tutzing. So hatte 2013 eine Messung ein tägliches Fahrgastaufkommen von 8 447 Personen ergeben, 2018 wurden bereits 10 043 Fahrgäste gezählt. Dieser Zunahme (um fast 19 Prozent, Anm.d.Red.) habe ein Anstieg der Einwohnerzahl um lediglich 3,4 Prozent gegenüber gestanden, der Pkw-Bestand hatte im selben Zeitraum um 8,7 Prozent zugenommen.

Das Investitionsverhalten des Bundes berücksichtige diese Tatsache jedoch in keiner Weise, stellte Moy fest. So seien für die Umgehungsstraße von Hohenpeißenberg circa 100 Mio. Euro ausgegeben worden, für die Verbesserung der Bahnstrecke von Weilheim nach Schongau jedoch nur 8,7 Mio. Euro, ohne dass dies zu einer Beschleunigung der Fahrtdauer oder Verkürzung des Taktes geführt habe. „Die Mobilitätswende wird in Grund und Boden betoniert“, lautete seine bittere Erkenntnis. Zur Verbesserung der Mobilität forderte Moy einen Beitritt des Landkreises zum MVV, den Ausbau eines Alltagsradtourennetzes, einen zwischen Bahn und Bus abgestimmten Nahverkehrsplan, die Reaktivierung der Fuchstalbahn und politische Unterstützung beim Ausbau von Werdenfels- und Pfaffenwinkelbahn.

Kandidaten haben das Wort: Wie weitermachen oder was verändern?

Wie zufrieden die amtierende Landrätin mit ihrer bisherigen Leistung ist und was ihre Mitbewerber besser machen würden, fragte der Moderator in die Runde und räumte den Kandidaten für ihr Statement eine Minute Zeit ein.

Andrea Jochner-Weiß (CSU) ist „stolz auf das, was wir schon erreicht haben“ und möchte „mit viel Energie weitermachen“.

Karl-Heinz Grehls (Grüne) Ziele decken sich mit den von Scharli genannten Handlungsspielräumen für das Landrats-

amt. Im ersten Schritt würde er für die Energiewende „alle Beteiligten zusammenführen und integrieren“.

Alexander Majaru (SPD) ist mit 30 Jahren der jüngste Landratskandidat: „Ich stehe für die Zukunft.“ Er will „mehr Enthusiasmus“ einbringen und die Energiewende „zur Chefsache machen“.

Tillman Wahlefeld (BfL) sieht alle gemeinsam in einem Boot sitzen, das er als Landrat zu steuern habe. Beim Ausbau der Photovoltaik „müssen wir richtig Gas geben“.

Rüdiger Imgart (AfD) zweifelt den Klimawandel an und hat „keine schrecklichen Katastro-

phenbilder wahrgenommen“. Er will aber die Energiewende vorantreiben und hat das Ziel, die Verwaltung transparenter zu gestalten, „damit die Bürger die Entscheidungen nachvollziehen können“.

Für Markus Kunzendorf (ÖDP) ist der Klimawandel „keine Frage der Meinung sondern wissenschaftliche Tatsache“. Sein Ansatz: „Im Landkreis den Klimanotstand ausrufen,“ den tatsächlichen CO2-Ausstoß ermitteln und Entscheidungen möglichst nach dem Klimaschutz ausrichten.

Michael Marksteiner (FW) bedauert, dass die Wasserkraft an der Ammer nicht weiter ausgebaut werden kann und fordert die Landrätin auf, „nicht alles zu machen was der Chef (Söder Anm.d.Red.) will.“

Morten Faust (FDP) hat als Neubürger „einen Blick von außen und frische Ideen“ einzubringen. Er will einen stärkeren Breitbandausbau für mehr Energieeffizienz – Videokonferenzen statt Dienstreisen –, Privatinitiativen fördern und Flächen mit kombinierter Photovoltaik und Agrarnutzung einrichten.

Jörn Wiedemann (Unabhängige), der Mittelständler, Kommunen und Parteien beruflich zum Thema Nachhaltigkeit berät, moniert: „Warum wird die neue Berufsschule in Weilheim nicht in Passivhausstandard gebaut?“ Er sieht hier „Steuergelder verpulvert“.

Darauf Jochner-Weiß: Eine solche Bauweise sei, unter anderem wegen der großen Hallen für die Werkstätten, nicht möglich gewesen. „Das hat der gesamte Kreistag so beschlossen. Die energetischen Standards sind in der Berufsschule voll erfüllt.“

Ein gutes Vorbild für die Bürger im Landkreis?

Grehl hat – wie auch Jochner-Weiß – sein Haus energetisch renoviert. Er fährt „fast alles mit dem Rad“, mit dem Zug zur Arbeit nach München und nimmt „ganz selten das Auto“. Wahlefeld nutzt das Rad „seit 30 Jahren als Verkehrsmittel“. Imgart fährt ebenfalls viel Rad und würde den Dienstwagen für den Landrat abschaffen. Wiedemann fährt „den saubersten, sparsamsten Diesel“, macht Urlaub im deutschsprachigen Raum und verzichtet auf Flugreisen. Ein „kleines Elektroauto“ nutzt Kunzendorf, der sich „zu 90 Prozent pflanzlich ernährt“. Majaru arbeitet für die DB, die ihn auch zur Arbeitsstelle nach München befördert und für ihre Mitarbeiter Jobräder im Angebot hat. Mit regionalem Einkaufen will Marksteiner punkten, der mit seinem Auto zwei Kollegen zur Arbeit mitnimmt und auf dem Dach seines Hauses eine Photovoltaikanlage plant. Faust arbeitet, wie teilweise auch Kunzendorf, im Homeoffice.

Sie sind sechs Jahre Landrat, was ist danach anders?

Mit Faust und Marksteiner würde es mehr PV-Anlagen geben. Majaru will das bisherige Ziel der Energieautarkie bis 2035 bereits in sechs Jahren erreicht haben. „Wir haben nur zehn Jahre Zeit, den Klimawandel aufzuhalten“, sagt Kunzendorf, dem es darauf ankommt, „dass wir auf dem richtigen Weg sind“. Mit deutlich mehr Photovoltaikanlagen, dezentralen Wasserstoff- und Methantankstellen sieht Jochner-Weiß den Landkreis im Jahr 2026 gut aufgestellt.

„Wir werden wasserstoffbetriebene Fahrzeuge nutzen, die restlichen 50 Prozent der Häuser mit Solaranlagen versehen haben und gemeinsam voranschreiten für neue Ziele“, blickt Imgart in die Zukunft. Auf mehr Carsharing und Photovoltaik setzt Wiedemann: Aber es würde seiner Meinung nach immer noch zu wenig sein, um das 1,5-Grad-Ziel des Pariser Abkommens zu erreichen. Für Wahlefeld steht das „gemeinsame Anpacken des Strukturwandels“ auf der Agenda. Grehl möchte das Bewusstsein für den Klimaschutz verbessert haben, „wir brauchen die Bevölkerung dazu“.

Eine Entlastungsstraße für Weilheim?

Große Übereinstimmung gab es unter den Kandidaten für den Beitritt zum MVV-Tarifverbund, die Erstellung eines Nahverkehrsplans, die Wiederbelebung der Fuchstalbahn für den Personenverkehr und einen halbstündigen Takt auf der Pfaffenwinkelbahn. In der sachlich verlaufenen Diskussion flammte Wahlkampfstimmung auf, als Grehl die amtierende Land-

rätin dafür kritisierte, dass sie – „wohl auf Druck von Dobrindt hin“ – keine Bahnkonferenzen mehr einberufen habe: „Die Bahn investiert nur dort, wo geschimpft und gemault wird!“ so Grehl. Die Landkreisspitze sei „ständig in Kontakt mit der Bahn“, konterte Jochner-Weiß.

Zu vorgerückter Stunde wurden im Schnelldurchgang Fragen aus dem Publikum beantwortet. Eine davon bezog sich auf die geplante Weilheimer Entlastungsstraße. Die Kandidaten äußerten sich dazu wie folgt: Grehl lehnt jegliche Umfahrungsvariante ab. Ja zur Tunnellösung sagt Faust, der Bedarf sei grundsätzlich zu überdenken. Wahlefeld befürwortet eine „ferne Ost mit langem Gögerltunnel oder eine Tunnellösung“ und fühlt sich an das Votum der Bürgerbefragung gebunden. „Nur unten durch oder gar nicht“ lautet Marksteiners Devise, für Wiedemann kommt nur in Frage, „was weniger Verkehr erzeugt“. Majaru schließt sich der Meinung seines Weilheimer Parteikollegen Horst Martin an. Imgart ist „Verfechter einer Tunnellösung“. Kunzendorf sagt: „Verkehrsprobleme können nicht umfahren, sondern müssen gelöst werden. Jochner-Weiß präferiert „einen Tunnel oder eine kurze West“.

Maria Hofstetter

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