Lange warten auf professionelle Hilfe – Engpässe bei ambulanter medizinischer Versorgung von psychisch Kranken

in halbes Jahr wohnt Erhard K. jetzt in Weilheim. Der 59-Jährige ist regelmäßig in psychiatrischer Behandlung. Nach seinem Umzug aus München dauerte es acht Wochen, bis Erhard K. in Weilheim seinen ersten Arzttermin bekam. Mehr als fünf bis zehn Minuten Gesprächszeit, berichtet er, sind bei den Praxisgängen nicht drin: „Mein Arzt hat so viel zu tun.“

Laut Kassenärztlicher Vereinigung Bayern (KVB) ist der Landkreis Weilheim-Schongau mit Nervenärzten, Neurologen und Psychiatern zu 113,6 Prozent überversorgt, bei den Psychotherapeuten gar zu 233,7 Prozent. Die Praxis sieht aber völlig anders aus. So müssen psychisch Kranke bis zum ersten Behandlungstermin Wartezeiten bis zu einem Jahr in Kauf nehmen, hieß es bei einem Pressegespräch in Weilheim. Der Steuerungsverbund Psychische Gesundheit (SPG) im Landkreis, dessen Vorsitzender Ingo Remesch ist, sieht sich immer häufiger mit Beschwerden der Patienten konfrontiert. Die Klagen zwecks „überlanger Wartezeiten“ in der ambulanten psychiatrischen und psychotherapeutischen Versor- gung bekommt auch der Vorsitzende des ärztlichen Kreisverbandes und Leiter des Gesundheitsamtes Dr. Karl Breu zu hören. Im Landkreis praktizieren fünf Psychiater, Nervenärzte und Neurologen mit Kassenzulassung. Dazu sind 29 Psychotherapeuten beratend tätig. „Die von der KVB erhobene Bedarfsplanung beruht auf den Zahlen von 1990“, kritisiert Breu. Die 22 Jahre alte Statistik berücksichtige weder den höheren Altersdurchschnitt der Bevölke- rung noch die gestiegene Sensibilität für psychische Erkrankungen. Die Scheu, bei seeli- schen Problemen einen Arzt aufzusuchen, sei gesunken. Ein neues Gesetz mit aktualisierten Daten, prognostiziert Breu, wird frühestens 2013 inkraft treten. Mit einer „schwierigen Gratwanderung“ vergleicht Dr. Ulrich Paggen seinen Arbeits- alltag. Zirka 630 psychisch Kranke betreut der Weilheimer Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie pro Quartal und damit 230 Patienten mehr als der Durchschnitt seiner bayerischen Kollegen. Das sei ein Arbeiten am Limit. „Manchmal weiß ich nicht, wie ich das managen soll“, bedauert Paggen, der als Psychiater im Gegensatz zum reinen Psycho- therapeuten auch Medikamente verschreiben darf. Zur Überbrückung dieser Behandlungsengpässe werden die Hausärzte intensiver eingebunden, wie Breu bestätigt. Während bei der ambulanten psychiatrischen und psychotherapeutischen Behandlung oft lange Wartezeiten den Leidensdruck der Patienten erhöhen, sind die Landkreisbürger in Notfällen gut versorgt. „Das funktioniert sehr gut“, erklärte Remesch mit Verweis auf die stationären Kliniken in Landsberg, Garmisch-Partenkirchen, Agatharied und Haar. Seit 25 Jahren leitet Bernhard Richter den Sozialpsychiatrischen Dienst von Herzogsägmühle in Weilheim, mit Außen- stellen in Schongau und Penzberg. Noch nie sei die Betreuungssituation für die Betroffe- nen so prekär gewesen, zeichnet Richter ein düsteres Bild. Der Bedarf an professioneller Hilfe sei ständig gewachsen und könne heute „bei weitem nicht mehr gedeckt werden“, muss der Leiter dieser kostenlosen Beratungsstelle immer wieder feststellen. Hilfe und Unterstützung beim Strukturieren ihres Alltags finden Menschen mit seelischer Erkrankung auch in der Tagesklinik Peißenberg, in Tagesstätten wie dem „Clubhaus Oase“ in Weilheim oder in den zahlreichen Selbsthilfegruppen. Ein wohnortnahes Angebot, betont SPG-Vorsitzender Remesch, ist für Betroffene wie Angehörige wichtig. Erhard K. nickt. Einen „Silberstreif am Horizont“ sieht Dr. Karl Breu, wenn sich ein Psychiater neu im Landkreis niederlässt. Denn bei der Kassenärztlichen Vereinigung gebe es Andeutungen, dass eine Sonderbedarfszulassung möglich ist. „Interessenten“, so der ärztliche Kreisverbandschef, „sollen sich bei uns melden“.

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