Wenn man kein Zuhause mehr hat: Ein Betroffener und der Sozialamtsleiter der Stadt im Interview

Leben als: Obdachloser in Weilheim

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Der Weg aus der Obdachlosigkeit gestaltet sich oft schwierig.

Weilheim – Es ist kalt und dunkel. Der Tag war lang und man wünscht sich nichts sehnlicher, als endlich die Wohnungstür hinter sich schließen zu können und seine Ruhe zu haben – dieses Gefühl dürfte jeder kennen.

Doch was machen eigentlich die Menschen, die keine eigene Wohnung haben? Die aufgrund von verschiedensten Gründen entweder auf der Straße oder in einem Obdachlosenheim leben müssen? Hans Müller (Name von Redaktion geändert), ein Bewohner des Töllernhauses, und Klaus Grünbauer, Leiter des Amtes für soziale Angelegenheiten der Stadt Weilheim, haben mit Kreisbotenredakteurin Sofia Wiethaler über die Verhältnisse im Töllernhaus und den harten Weg zurück in ein selbstständiges Leben gesprochen.

Wie alt sind Sie?

Müller: „Ich bin 45 Jahre alt.“

Kommen Sie aus dem Landkreis?

Müller: „Ja, ich bin in Weilheim geboren und habe 19 Jahre lang in einer Gemeinde im Landkreis gelebt.“

Wie war ihr bisheriger Lebensweg?

Müller: „Ich bin ganz normal zur Schule gegangen und habe anschließend eine Lehre zum Kfz-Mechaniker gemacht. Danach habe ich verschiedene Arbeiten ausgeführt. Was eben gerade gegangen ist.“

Wie ist es dazu gekommen, dass Sie keine eigene Wohnung mehr haben?

Müller: „Durch die Scheidung von meiner Frau. Ich bin aus der gemeinsamen Wohnung mit meiner Frau und meiner Tochter ausgezogen, weil ich dachte, dass ich alleine schneller etwas finde. Danach habe ich eine Zeit lang bei einem Bekannten gewohnt. Wir wollten eigentlich eine WG gründen, aber da hat der Vermieter nicht mitgespielt. Deswegen bin ich dann zum Amt gegangen, im Moment gibt es aber ziemlich viele Interessenten für Sozialwohnungen. Daher bin ich ins Töllernhaus gekommen. Hier bewohne ich ein Zimmer, die sanitären Anlagen teilen wir uns.“

Fühlen Sie sich von der Stadt/ von Behörden genügend unterstützt?

Müller: „Ja. Wenn es ein Problem gibt, kann ich zu Herrn Grünbauer oder zum Hausmeister gehen. Die Betreuung ist gut, man wird nicht alleine gelassen.“

Wie ist die Stimmung im Haus?

Müller: „Gut. Wir sitzen auch ab und zu zusammen und spielen Dart. Ich bin zwar gerade arbeitslos, aber hier gibt es auch Leute, die einen Job haben. Diese Adresse ist bei Vorstellungsgesprächen nicht gerade förderlich. Das Haus hat von früher einfach noch einen schlechten Ruf. Draußen wird man von der Gesellschaft daher ziemlich abgeschmettert. In die Situation, keine eigene Wohnung mehr zu haben, kann aber jeder kommen. Das geht heutzutage recht schnell. Ich glaube, ausgesucht hat sich das keiner.“

Was sind Ihre Pläne für die Zukunft?

Müller: „Wenn ich Glück habe, kann ich bald in eine eigene Wohnung ziehen. Dann möchte ich wieder Fuß fassen und eine Arbeit finden.“

Herr Grünbauer, wie wird das Töllernhaus finanziert?

Grünbauer: „Es ist eine ganz normale städtische Liegenschaft und wird daher auch von der Stadt unterhalten. Die Bewohner entrichten zwar Nutzungsgebühren, diese sind aber nicht kostendeckend.“

Wie viele Personen sind momentan dort untergebracht?

Grünbauer: „Gerade leben sieben Menschen ohne festen Wohnsitz im Töllernhaus. Uns fehlt allerdings zurzeit aus baulichen Gründen das zweite Stockwerk, dort könnten nochmal zehn bis zwölf Personen untergebracht werden. Im Moment muss geklärt werden, ob und wie das Haus in Zukunft genutzt werden kann.“

Was muss passieren, damit jemand im Töllernhaus untergebracht wird?

Grünbauer: „Derjenige ist meist akut obdachlos, das heißt, dass er nicht weiß, wo er in der nächsten Nacht schlafen soll. Bevor er ins Töllernhaus kommt, wird überprüft, ob er Verwandte um Hilfe bitten kann oder genügend Geld hat, um anderweitig unterzukommen. Wenn das nicht der Fall ist und eine andere Unterkunft nicht zur Verfügung steht, wird die Person per Einweisungsbescheid in die Notunterkunft eingewiesen. Anders ist es bei Personen, die freiwillig ohne feste Wohnung leben. Es kann niemand dazu gezwungen werden, in einer Wohnung zu schlafen. Es gibt Menschen, die diese Lebensform, aus welchen Gründen auch immer, gewählt haben. “

Wie lang kann eine Person dort höchstens wohnen?

Grünbauer: „Dafür gibt es keinen festen Zeitraum. Die Leute werden aber in die Pflicht genommen, etwas an ihrer Situation zu ändern. Zum Beispiel wird gefordert, dass sie sich von der Fachstelle zur Vermeidung von Obdachlosigkeit oder anderen Fachstellen beraten lassen. Auffällig ist, dass unser Klientel immer jünger wird. Früher waren die meisten zwischen 45 und 65 Jahre alt, heute ist unser Hauptklientel zwischen 18 und 30 Jahre alt.“

Wie lange bleiben die Betroffenen dort durchschnittlich?

Grünbauer: „Manche sind ein paar Monate da und manche ein paar Jahre. Wenn jemand zum Beispiel aus einer Sozialwohnung rausgeflogen ist und dort noch Schulden hat, ist es besonders schwierig, ihn wieder unterzubringen. Als ich angefangen habe, gab es Bewohner, die sieben bis neun Jahre im Töllernhaus gelebt haben.“

Gibt es feste Regeln für die Bewohner?

Grünbauer: „Es gibt eine Hausordnung, wie fast überall. Was wir beispielsweise nicht dulden ist, dass dort andere Personen übernachten. Das Haus wird am Abend ab- und am Morgen aufgesperrt. Diejenigen, die sich dort aufhalten dürfen, haben einen Schlüssel. Alkohol wird zwar nicht gern gesehen, wir können aber nicht verhindern, dass die Bewohner etwas trinken, solange es zu keinen Problemen führt. Früher gab es unter Alkoholeinfluss oft Zwischenfälle, bei denen auch die Polizei und der Rettungsdienst eingeschaltet werden mussten. Jetzt hat zum Glück unser Hausmeister ein Auge darauf. So eine Einrichtung sich selbst zu überlassen wäre katastrophal. Bei Drogenkonsum und/oder -handel greife ich allerdings sehr hart und konsequent durch. Derjenige fliegt meist am selben Tag noch raus.“

Wie ist die Stimmung im Haus?

Grünbauer: „Die Leute arrangieren sich, trotz Sprachbarrieren, meist untereinander sehr gut. Trotz unterschiedlichster Herkunft und Charaktere gab es in letzter Zeit keine größeren Probleme. Das kann sich aber jederzeit mit einer Neueinweisung ändern.“

Was sind die Gründe für Obdachlosigkeit?

Grünbauer: „Die sind ganz verschieden. Zum Beispiel Rauswurf aus der elterlichen Wohnung, Gewalt in der Beziehung oder der Familie, psychische Probleme sowie Zwangsräumungen führen sehr schnell zum Wohnungsverlust.“

Wie schwer ist es, Menschen, nachdem sie im Töllernhaus gewohnt haben, wieder in ein normales Leben zu bekommen?

Grünbauer: „Relativ schwer. Es kommt aber ganz auf die Person, deren Kooperationsbereitschaft und die Bereitschaft, Rat und Hilfe anzunehmen, an.“

Das Töllernhaus hat keinen besonders guten Ruf.

Grünbauer: „Das stimmt. Allerdings lassen sich die Verhältnisse von heute nicht mehr mit denen von früher vergleichen. Da hat sich sehr viel getan, aber die negativen Dinge von früher sind noch immer in den Köpfen der Menschen präsent.“

Was wünschen Sie sich in Sachen sozialer Wohnungsbau?

Grünbauer: „Mehr sozialen Wohnungsbau außerhalb der großen Städte. Dort gibt es oft wenige oder gar keine Anlaufstellen. Das sorgt für eine vermehrte Zuwanderung in die Städte. Tatsache ist, dass ich momentan nicht mehr weiß, wo ich die Menschen unterbringen soll. Ich musste schon jemanden zu einem anderen Bewohner ins Zimmer stecken, was wahrscheinlich bald wieder passieren wird. Dieser Anstieg ist in den letzten zwei bis drei Jahren deutlich zu spüren.“

Vielen Dank für das Gespräch.

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