Nora Gomringer erhält Weilheimer Literaturpreis

Ein lyrischer Striptease

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Die Schüler-Jury und Bürgermeister Markus Loth überreichten Nora Gomringer (5.v.li) den Weilheimer Literaturpreis.

Weilheim - Nora Gomringer denkt, die Menschen wären Statisten in ihrem Film. Das schien am Donnerstag in der Stadthalle tatsächlich so zu sein. Denn die Verleihung des Weilheimer Literaturpreises hätte für dessen diesjährige Preisträgerin wohl nicht besser laufen können.

Noch viel mehr Persönliches verrät die 35-Jährige in ihrem Gedicht „Fortsetzung“, das die Schüler-Jury, die den Abend gestaltete, vorlas. Bereits als sie vier oder fünf war, habe sie beispielsweise gewusst, dass ihre Familie – Vater Eugen ist Dichter, Mutter Nortrud Germanistin – seltsam sei. Doch das schadete ihrer Entwicklung wohl gerade im lyrischen Bereich überhaupt nicht.

Das fand auch die aus elf Schülern bestehende Jury. Carola Brandmeir, Carolin Daiber, Jessica Dorsch, Rosa Drexler, Samuel Effler, Selma Jacob, Johannes Loy, Maria Mayr, Katharina Meichelböck, Patrick Tamunjoh und Albert Zach hatten sich lange und ausgiebig mit allen noch lebenden Autoren der Weilheimer Hefte beschäftigt. Schließlich waren sie sich einig, dass Gomringer den Nerv ihrer Generation am ehesten trifft und sie ihre Werke daher Gleichaltrigen empfehlen möchten. Bei ihrer Begründung ließ sich die Jury, die in den letzten Wochen bereits unermüdlich geprobt hatte, nicht von kleinen Pannen herausbringen. Obwohl ein paar der Puzzlestücke, die an der Wand nach und nach das Konterfei der Preisträgerin ergaben, nicht sofort kleben wollten, wurde die Aussage durch die schauspielerischen Einlagen schnell deutlich: Gomringer ist anders als viele Lyriker, schafft es auch in der heutigen Zeit, die Menschen zu erreichen.

Genauso schafften es die Schüler aber auch, die Preisträgerin mit ihrer Darbietung mitzureißen. Die 35-Jährige machte daraus kein Geheimnis und ließ ihren Emotionen freien Lauf. Nicht in einer langweiligen Rede, sondern in einer bis ins Detail durchdachten künstlerische Darstellung wandten sich die elf Schüler des Jurorenkomitees an die Besucher in der bis auf einige Plätze gefüllten Stadthalle. Gomringer freute sich über die „immens kluge und lebhafte Leistung der Schüler“ und war glücklich, „so gelesen, erkannt und gelobt zu werden.“

Sie lässt sich auf das Publikum ein, ist eine „Tiefseetaucherin“, die Tiefgründigkeit und Mut zur Vergangenheit beweist. Sie kann sich in anderen Sprachen ausdrücken, „zeigt Gefühl und regt Gefühle an“, hat Humor und eine gehörige Portion Verrücktheit in sich, „nimmt Jugendliche ernst“, fasst „Emotionen, in denen sich Teenies wiederfinden“ in Worte und ist vielseitig. Gründe, warum die Jury Nora Gomringer als Preisträgerin auswählte, gibt es viele.

Weniger bildhaft war die Laudatio von Dr. Pia-Elisabeth Leuschner (Stiftung Lyrik Kabinett München). Sprachlich mindestens genauso gewandt wie Gomriger versuchte sie, das Wesen und die Geschichte der Poesie in Worte zu fassen. Eine „Empathievirtuosin“, die schon verbrannt worden sei, wie die Hexen im Mittelalter, die – und oft zitierte Leuschner dabei Texte von Gomringer – in vielen Gestalten auftreten könne.

Zwischen Gomringer und der „die Sprache wechselnden Signora“, die eine „zeitlose Zauberin“, eine „Hexe“, eine „Heilerin“ sei, zog die Laudatorin immer mehr Parallelen und entdeckte auch zahlreiche Bedeutungen des Namens „Nora“, die wiederum in die Charakterisierung der Poesie einflossen.

Schließlich gratulierte Leuschner Gomringer, die Leiterin des Internationalen Künstlerhauses „Villa Concordia“ in Bamberg ist. Sie arbeite so viel, dass „fast keine Zeit mehr für Lyrik bleibt“. Doch wie auch der Weilheimer Literaturpreis, der mit 7 500 Euro dotiert ist und von der Stadt, der Kester-Haeusler-Stiftung, der Sparkasse und der VR-Bank gestiftet wurde, schafft Gomringer dennoch, ihre Leser zu begeistern. Das gelang ihr auch mit der „Rede an die Jugend“.

Doch zunächst erstaunte sie. „Es wäre ein Albtraum, Sie zu amüsieren“, verwunderte die Dichterin die Zuhörer, erläuterte dann aber gleich ihren Gedankengang. Denn wenn sie nicht ständig amüsiere, würde sich die Leserschaft von ihr abwenden. Die „Furcht, nur gemocht zu werden, wenn man amüsiert“ sei ein ständiger Begleiter.

Einen altbewährten Trick dagegen hatte Gomringer dann aber auch parat. „Ich stelle Sie mir alle nackt vor“, sagte sie mit einem breiten Grinsen. „Außer alle unter 20, den Klerus, den Bürgermeister und meine Eltern.“ Genau an dem Humor, den auch die Jury zuvor gelobt hatte, hielt Gomringer in ihrer Rede weiter fest.

„Obwohl ich meine, stets an die Jugend zu sprechen“, und da schloss die Fränkin mit Schweizer Wurzeln auch die „Hüter der Jugend“ mit ein, gab sie gerade den Teenagern einen Einblick in ihre eigene Vergangenheit. „In der Jugend ist man aus Phantasie gemacht“, lebt „in einem Wunderland und die Umgebung ist feindlich.“ Das habe sie selbst erfahren müssen, als sie Gedichte dem Klavierspiel vorzog und ihre Musiklehrerin die erste Zuhörerin für ihre ersten literarischen Schritte wurde.

„Oh Jugend, wer bist du?“, fragte Gomringer und ermutigte die Schüler, auch mal laut zu sein. Vor allem die jungen Frauen sollten sich nicht zurücknehmen und sich etwas trauen. „Ich war ziemlich nerdy“, gestand die Preisträgerin, die zugab „konservativ im Vergleich zu meinen Eltern“ gewesen zu sein. „Ich sage: Seid!“, riet Gomringer den Anwesenden. „Nehmt euch vom Kuchen, aber fragt immer erst den, der ihn gebacken hat.“ Außerdem verdeutlichte sie, dass die Jugendlichen in sozialen Netzwerken nur mit Hirn und Vorsicht agieren sollen. „Eure Daten, das seid ihr!“ Ihr letzter Tipp war einer, der auch sofort einfach umzusetzen war und von vielen gleich befolgt wurde: „Lächelt!“

Von Ursula Gnadl

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