Die Macht der Regenwürmer

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JOSEF GUTSMIEDL, Fischen - Die Exkursion führte Tagungsteilnehmer des Deutschen Grünlandtages heuer ins Oberallgäu. Die Gruppe besuchte eine Rekultivierungsfläche bei Fischen, die vor drei Jahren beim August-Hochwasser der Iller überflutet worden war. Bestes Grünland war damals unter einer dicken Schlammschicht regelrecht „verschwunden”. Unter fachlicher Begleitung von der Bayerischen Landesanstalt für Landwirtschaft wurde das Gelände wieder rekultiviert. Für den Laien sieht das Gelände zwischen Fischen und dem kleinen Ort Weiler im Oberen Illertal wie „eine ganz normale Allgäuer Wiese” aus. Über die verheerenden Zerstörungen, die das Hochwasser in der Nacht vom 21. auf 22. August 2005 hinterließ, scheint längst „Gras gewachsen”. Doch so weit ist es noch nicht. „Es geht voran”, zieht Landwirt Johann Maier drei Jahre nach der Überschwemmung Bilanz. Die Erträge von den geschädigten Flächen sind zwar noch nicht ganz auf dem Niveau wie vor der „Sintflut”, doch sie bessern sich weiter. Maier hat es damals im August 2005 schlimm erwischt. Rund zehn Hektar seines Grünlandes in der Ebene an der Iller gingen in kurzer Zeit unter, als der Hochwasser führende Fluss schließlich über die Ufer trat. Eine kurzzeitige Überflutung durch normales Niederschlagswasser hätte wahrscheinlich nicht diese Verwüstungen angerichtet, meint Maier. Doch was die Iller damals mit brachte waren eine regelrechte Schmutzfracht, ein Gemisch aus Schlamm, Kies, Sand, Treibholz, Drähte und Kabel, Müll und Abwasser aus dem Sammler des Abwassernetzes... Und ebenso fatal: Das Wasser blieb wie in einem Teller stehen. Dadurch wurde das Bodenleben nachhaltig zerstört. „Ein Jahr lang sah es aus wie eine Mondlandschaft”, erinnert sich Dr. Michael Honisch vom Amt für Landwirtschaft. Der wertvolle Humus war unter einem Deckel aus hartem Schlick und Sand begraben. An eine Heuernte im kommenden Jahr konnte Johann Maier beim besten Willen nicht denken. Zunächst mussten 10000 Kubikmeter Kies und Geröll aus den Feldern weg gefahren werden. Guter Rat war teuer. Wie konnte der frühere Bewuchs wieder hergestellt werden? Wie würde es gelingen, möglichst schnell „Leben in den Boden” zu bringen und Futtergras wachsen zu lassen? In Zusammenarbeit mit dem Amt für Landwirtschaft und Forsten Kempten und dem Lehr-, Versuchs- und Fachzentrum für Milchviehhaltung und Grünland - dem Spitalhof - in Kempten entwickelte die Bayerische Landesanstalt für Landwirtschaft LfL ein Konzept für die Rekultivierung der verwüsteten Flächen bei Fischen. Nach ersten Versuchen wurde Anfang Mai 2006 die erste Aussaat ausgebracht. Im Winter war das Gelände mit der Pistenwalze geräumt worden von Unrat und Dreck. Mit einer eigens angeschafften Kreiselegge bearbeitete Maier den Boden, um ihn weiter aufzulockern. „Dann brachte ich rund 100 Fuhren guten Stallmist aus”, beschreibt er den Gang der Arbeiten. „Mit guten Erfolg.” Überhaupt schien guter „lebendiger“ Stallmist das Patentrezept zu sein, wie sich zeigen sollte. Die Regenwürmer trugen wohl entscheidend zur Wiederbelebung des Bodens bei, meint auch Dr. Michael Honisch. Insgesamt, so schätzt Landwirt Maier, habe er wohl 250 Fuhren Mist auf die Rekultivierungsfläche gebracht. Bei der Wiederansaat ging man beim LfL andere Wege als sie im Lehrbuch empfohlen werden. Der Erfolg scheint den Fachleuten Recht zu geben: Zwei Jahre früher als „das Lehrbuch“ vorsah, konnte die landwirtschaftliche Nutzung wieder aufgenommen werden. Rund 100 Kilogramm ausgewähltes Saat pro Hektar gut wurde ausgebracht, einschließlich diverser Nachsaaten. Insgesamt wurden 6,5 Tonnen Saatgut im Überschwemmungsgebiet bei Fischen verwendet. Eine Reihe von Feldversuchen begleitete die Maßnahmen und dokumentierten die Ergebnisse. „Wir haben den Boden regelrecht umgedreht, um den Bodenlebenwesen die Bedingungen zur Wiederansiedlung zu bieten“, sagt Dr. Honisch. „Es wurde ein großer Aufwand betrieben.“ Die Gesamtkosten betragen mehr als 60 000 Euro Die ersten, nicht unerheblichen Erfolge der Rekultivierung seiner Wiesen will Bauer Maier nicht gering schätzen. . „Aber es wird noch Jahre dauern, bis der frühere Bestand wieder hergestellt sein wird“, schätzt er. Der Ertrag sei auch im dritten Jahr nach der Überflutung nicht auf dem alten Stand. Für den Ernteausfall wurden die Landwirte entschädigt. Johann Maier jedoch sieht einen Schaden, den er nicht ersetzt bekommen werde: Nach der Überschwemmung häuften sich im Stall Krankheitsfälle bei seinen Rindern - Unfruchtbarkeit, Fehlgeburten. Maier führt dies auf das „verdorbene Futter von verseuchten Wiesen“ zurück. Auffällig sei jedenfalls, dass Tiere aus seinem Bestand, die den Sommer auf der Alpe verbrachten, sich rasch erholten und kaum noch Anzeichen von Erkrankungen zeigte, unterstreicht der Landwirt.

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