Mai-Redner geißeln prekäre Beschäftigungsverhältnisse und Absenkung des Rentenniveaus

"Beschämend für reiches Deutschland"

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Betriebsseelsorger Andreas Kohl bei seiner Mai-Rede im Foyer der Stadthalle.

Weilheim – Zwei Mai-Reden aus zwei verschiedenen Blickwinkeln bekamen die rund 100 Besucher der zentralen Maifeier des DGB-Kreisverbands Weilheim-Schongau und des KAB-Kreisverbands Ammer-Lech zu hören. Inhaltlich ging es um den Wert der Arbeit, um prekäre Beschäftigungsverhältnisse, Lohn- und Rentengerechtigkeit sowie um die ungleiche Vermögensverteilung in Deutschland.

Betriebsseelsorger Andreas Kohl schritt als erster ans Rednerpult im Foyer der Stadthalle. Trotz gestiegener Beschäftigungszahlen konstatierte er einen „fortschreitenden Wertezerfall der Arbeit“. Vier von zehn Arbeitnehmern in Deutschland seien inzwischen unterhalb des finanziellen und rechtlichen Niveaus von normalen Arbeitsverhältnissen angestellt. Das sei der höchste Stand seit 13 Jahren und „beschämend für das reiche Deutschland“: „Leiharbeit ist mittlerweile ein äußerst wirksames Verhütungsmittel für junge Paare“, erklärte Kohl mit ironischem Unterton. Der Seelsorger skizzierte die Zusammenhänge von Löhnen und Renten. Geringe Einkommen würden die Altersarmut vorprogrammieren. Deutschland sei wirtschaftlich erfolgreich und Exportweltmeister, „aber zu welchem Preis?“, fragte Kohl: „In keinem Industrieland ist die Niedriglohnquote so hoch wie bei uns. Das ist ein Skandal.“ Kohl geißelte die zunehmende Tarifflucht von Unternehmen, die Lohndiskriminierung von Frauen („Mit welcher Berechtigung? Frauen zahlen doch auch nicht nur Dreiviertel ihrer Rechnungen“) und die Absenkung des Rentenniveaus. In diesem Zusammenhang forderte er die Solidarität aller Berufsgruppen. So sollten in die gesetzliche Rentenversicherung auch Beamte, Freiberufler und Politiker einzahlen. Kohl attestierte Deutschland „ein massives Gerechtigkeitsproblem“. Der Reichtum hierzulande sei „so schief verteilt wie nie zuvor“. Das jedoch sei „ökonomisch so gewollt und politisch so gemacht“. Kohl forderte eine gerechtere Steuerpolitik und einen Stopp der Vermögensverteilung von unten nach oben – „das hat nichts mit Sozialromantik zu tun.“ Kohls Appell: „Lasst uns Solidarität und Gerechtigkeit in unseren Herzen tragen.“

Rudi Hochenauer beschwor wie zuvor Kohl die Bedeutung der Gewerkschaften: „Der 1. Mai ist der Kampftag der Arbeitnehmer. Wir dürfen nicht still sein und uns entmutigen lassen“, mahnte der ehemalige Betriebsratsvorsitzende der Telekom in Weilheim. Die bayerische Staatsregierung rühme sich ihrer „Glanzleistungen“, allerdings würde „die theoretische Gleichbehandlung zwischen Kapital und Arbeit nur auf dem Papier bestehen“: „Ob das Glas halbleer oder halbvoll ist, hängt davon ab, zu welcher Gesellschaftsschicht man gehört“, kritisierte Hochenauer, der anhand einer historischen Rückschau vor nationalistischen Bestrebungen warnte: „Wir müssen aufpassen und uns in Acht nehmen vor den Geistern, die das beschwören. Nationalismus hat den Rechten von Arbeitnehmern noch nie etwas geholfen.“

Zum Abschluss des offiziellen Teils durften die Besucher im Rahmen einer „Sozialaktion“ ihre Sorgen mittels Schrifttafeln an einer „Klagemauer“ kundtun. Dabei zeigte sich, dass die Mai-Redner thematisch den Nerv getroffen haben. Unter anderem war auf den Schriftzügen „Deutschland soll bunt sein. Nicht rechts, nicht braun“ und „Leiharbeit nur für Auftragsspitzen“ zu lesen.

von Bernhard Jepsen

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