Mehrgenerationenhaus Weilheim stellt geplante Projekte zum Thema Analphabetisierung vor

"Können Sie denn nicht lesen ?"

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V. re.: Eva Kaletsch-Lang, Monika Funk, beide Mehrgenerationenhaus Weilheim; Ulrich Brickmeier, Geschäftsführer Bildungskolleg; Angelika Flock, dritte Bürgermeisterin Stadt Weilheim und Barbara Mahlke, Mehrgenerationenhaus Weilheim, bei der Präsentation des Projektes „Alpha-Dekade“.

Weilheim – Den eigenen Kindern am Abend eine kleine Geschichte vorlesen, kurz mal die E-Mails checken oder die Speisekarte in einem Restaurant studieren – eigentlich keine schwierigen Aufgaben, möchte man meinen.

Für viele Erwachsene stellen genau solche vermeintlich leichte Dinge jedoch ein echtes Problem dar, denn sie können nicht lesen und schreiben. „Erst in den 1970er Jahren hat man sich so langsam getraut zu sagen, dass es nicht nur in Entwicklungsländern, sondern auch in zivilisierten Ländern funktionale Analphabeten gibt“, erklärte Eva Kaletsch-Lang vom Mehrgenerationenhaus Weilheim bei der Vorstellung des bundesweiten Förderprogramms „AlphaDekade“.

Das Programm wurde von Bund und Ländern 2016 ausgerufen und hat zum Ziel, die Anzahl von deutschen Erwachsenen, die Schwierigkeiten mit dem Lesen, Schreiben oder Rechnen haben, zu verringern. Es wurde aufgrund einer Studie der Universität Hamburg gestartet, laut der 14 Prozent der erwerbsfähigen Bevölkerung in Deutschland als funktionale Analphabeten gelten. Das heißt, sie können keine zusammenhängenden Texte lesen oder deren Sinn verstehen. Asylbewerber wurden nicht berücksichtigt. 58 Prozent haben Deutsch als Muttersprache, der Rest sei schon mindestens 30 Jahre lang in Deutschland, so Kaletsch-Lang.

Seit Anfang 2018 nimmt das Weilheimer Mehrgenerationenhaus in Trägerschaft des Caritasverbandes des Landkreises gemeinsam mit der Stadt Weilheim, der Bildungskolleg GmbH, der Vhs Weilheim, der Arbeitsagentur und dem Jobcenter als Kooperationspartner teil. „Das ist ein wichtiges Thema für die Stadt und den Landkreis“, sagte Kaletsch-Lang, die als Projektkoordinatorin auf das Problem des funktionalen Analphabetismus aufmerksam machen möchte. „Im gesamten Landkreis gibt es kein Angebot für die Leute“, so Kaletsch-Lang.

Menschen mit funktionalem Analphabetimus seien oftmals hochkompetent und haben ein fotografisches Gedächtnis, erklärte die Projektkoordinatorin.

Laut Ulrich Brickmeier, Geschäftsführer Bildungskolleg GmbH, haben solche Menschen zum Teil sogar einen Schulabschluss. Kaletsch-Lang erklärte: „Wenn man in der ersten Klasse den Anschluss nicht kriegt, weil sich zum Beispiel die Eltern scheiden lassen oder diese selbst Analphabeten sind, dann hat man´s unheimlich schwer im Leben.“

Die Angst, „entdeckt“ zu werden und die Schamschwelle dieser Menschen seien riesig. Dies führt dazu, dass Hilfsangebote oftmals nicht angenommen werden – weniger als ein Prozent der Betroffenen nehmen die Alphabetisierungsmaßnahmen der „Alpha-Dekade“ bundesweit wahr.

Mit verschiedenen Aktionen, Vorträgen und einer Förderung von zusätzlich 15 000 Euro vom Bundesministerium für Bildung und Forschung für ein Jahr soll den Betroffenen im Landkreis geholfen werden. Am 16. Mai, von 14 bis 18 Uhr, besucht ein „ALFA-Mobil“ den Weilheimer Marienplatz. Das Mobil ist deutschlandweit unterwegs, um Lese- und Schreibkurse vorzustellen und das Thema öffentlicher zu machen.

Zuerst gelte es die Analphabetisierung „aus der Tabu-Zone zu holen“, erklärte Monika Funk, Geschäftsführerin des Caritasverbandes Weilheim-Schongau. Auch eine Sensibilisierungsschulung ist für 17. Mai geplant. Laut Kaletsch-Lang sollen so MitarbeiterInnen in öffentlichen Einrichtungen dafür sensibilisiert werden, Menschen mit Alphabetisierungsbedarf zu erkennen und damit umzugehen.

Im Herbst sollen in Kooperation mit der Vhs Vorträge zu Grundbildungsthemen angeboten werden. Geplant sind zudem wöchentliche Sprechstunden sowohl für Betroffene als auch für das Umfeld, eine offene Lernwerkstatt, um die Lernmotivation zu erhöhen, sowie eine Selbsthilfegruppe.

„Es wird nicht einfach, das zu bewältigen, es wird eine Mammutaufgabe“, so Funk, „wir sind aber froh, wenn wir Einzelnen helfen können.“

Von Maria Lindner 

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