Ernst Zieringer von der Murnauer Ortsgruppe im Interview

Menschenrechte im Fokus - 60 Jahre Amnesty International

Amnesty Ortsgruppe Murnau am Stand
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Unter anderem am Stand der Amnesty Gruppe Murnau setzen sich Ernst Zieringer (links), Peter Hofer und weitere Mitglieder für mehr Menschenrechte und Gerechtigkeit ein.
  • Mihriban Dincel
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Murnau – Anlässlich des 60. Jubiläums von Amnesty International, hat Ernst Zieringer, Kassenwart und Beauftragter für Pressearbeit der Murnauer Gruppe, mit Kreisboten Volontärin Mihriban Dincel über die Murnauer Amnesty Gruppe gesprochen.

Was sind die Ziele der Gruppe?

Zieringer: „Wir haben die gleichen Ziele, wie die internationale Organisation. Dies ist der Einsatz für die Opfer von Menschenrechtsverletzungen und die Einhaltung der Menschenrechte. Der Anfang von Amnesty International geht auf zwei portugiesische Studenten zurück, die 1961 inhaftiert wurden, weil sie auf die Freiheit anstießen. Der britische Anwalt Peter Beneson erfuhr davon und forderte deren Freilassung indem er die Menschen zu Appellschreiben aufforderte. Heute – 60 Jahre später – geht es uns nicht mehr nur um politische Gefangene, sondern auch um Menschen, die gefoltert werden, oder die die Todesstrafe erwartet. Es geht um die Freilassung gewaltloser Gegner. Oft kommt es zur Festnahme von Menschen aufgrund ihrer Hautfarbe, Religion oder sexuellen Orientierung. In vielen Ländern der Erde ist es gefährlich sich für Menschenrechte einzusetzen. Außerdem beschäftigen wir uns auch mit der Kontrolle des Waffenhandels und mit dem Schutz für Asylsuchende, Flüchtlinge oder Frauen und Mädchen, die Gewalt ausgesetzt sind. Leute verschwinden einfach, werden inhaftiert ohne Verfahren und ohne zu wissen, was ihnen vorgeworfen wird. Umweltaktivisten und ihre Familien werden bedroht und eingeschüchtert. Für diese Menschen setzen wir uns ein.“

Worum geht es bei den „Briefen gegen das Vergessen“?

Zieringer: „Wir treffen uns einmal im Monat im Kultur- und Tagungszentrum in Murnau. Wir wählen immer drei Fälle aus, die wir in Angriff nehmen wollen und starten die Aktion ‚Briefe gegen das Vergessen‘. Dann werden vorgefertigte Schreiben entweder per E-Mail, als Brief oder als Fax verschickt. Mit den Briefen soll Öffentlichkeit erzeugt und damit Druck auf die politisch Verantwortlichen aufgebaut werden. Weltweit scheuen Politiker eine schlechte Publicity. Es gibt ein Amnesty Video, in dem ein Gefangener in einen dunklen Raum geführt wird und erschossen werden soll. Aber bevor die Kugel ihn trifft, fällt ein Brief dazwischen. Und dann noch einer und noch einer, bis am Ende die Menge der Briefe die Kugel stoppt. Ein Brief allein bewirkt nicht viel. Die Menge macht‘s aus. In etwa einem Drittel der Fälle schaffen wir es, dass der Gefangene einen Rechtsbeistand bekommt oder die Familie den Betroffenen besuchen darf. Manchmal wird die Strafe erleichtert oder von der Todesstrafe abgesehen. Außerdem sind die Briefe für die Gefangenen eine moralische Stütze, wenn sie wissen, es denkt jemand an sie.“

Steht die Murnauer Amnesty Gruppe mit anderen Ortsgruppen in Kontakt?

Zieringer: „Nicht intensiv. In Weilheim gab es mal eine Gruppe. Die hat sich aber leider aufgelöst. Momentan liegen allerdings zum Beispiel im Weltladen Weilheim, geleitet von Susanne Haarländer, die vorgedruckten Briefe für die ‚Briefe gegen das Vergessen‘ aus. Unser Aktionsradius begrenzt sich eher auf Murnau. So gehen wir zum Beispiel jedes Jahr im Sommer mit einem Stand beim Murnauer „KultURKNALL“ und in der Adventszeit in der Fußgängerzone an die Öffentlichkeit.“

Wo herrscht der größte Bedarf?

Zieringer: „Leider herrscht weltweit Bedarf. Da fallen mir gleich viele Beispiele ein: China, Nordkorea, Russland, Venezuela, Syrien, Iran und Türkei, der Kongo. Aber auch die USA. Dort gibt es ja leider noch die Todesstrafe. Aber natürlich gibt es auch Fälle in Europa wie Rassismus, Push Backs an der Grenze, Verweigerung des Rechtsbeistands für Asylbewerber...“

Worin liegt die größte Herausforderung bei Ihrem Engagement?

Zieringer: „Das Briefe schreiben kann manchmal frustrierend sein. Es kommt schließlich selten eine Antwort. Man braucht viel Motivation. Und unsere Gruppe ist klein. Es kommen kaum junge Menschen dazu.“

Welche Fälle bleiben besonders im Gedächtnis?

Zieringer: „Jede Freilassung ist ein besonderer Erfolg und bleibt im Gedächtnis. Aber gelegentlich kommt es auch zu fairen Gerichtsverfahren. Und auch Gefangene wissen die Aktion zu schätzen. Teilweise sind sie unter unmenschlichen Bedingungen gefangen. Wenn man eine medizinische Versorgung erreicht oder einen Familienbesuch und damit ein Leben rettet, dann ist das ein großer Erfolg und etwas Besonderes.“

Wie geht die Gruppe mit Misserfolgen um?

Zieringer: „Wir sind dann traurig und vielleicht wütend, aber Aufgeben ist keine Option. Aufhören wäre für die Gefangenen fatal. Also machen wir weiter. Es gibt so viel zu tun.“

Reichen Ihnen dafür die Mittel aus?

Zieringer: „Amnesty finanziert sich nur aus Spenden, Förderern und Mitgliedsbeiträgen. Uns ist wichtig, dass wir transparent finanziert werden. Amnesty möchte unabhängig von Regierungen und großen Firmen sein. Recherchen zur Aufdeckung von Menschenrechtsverletzungen und Kampagnen kosten viel Geld. Aber um viele zu retten braucht es eben viel Geld. Jeder kann sich mit einer Spende engagieren oder Förderer werden (Spende an die Amnesty Gruppe Murnau).“

Wer kann bei Amnesty mitmachen und wie?

Zieringer: „Jeder kann Mitglied werden. Jedoch muss man für das Verschicken der Briefe kein Mitglied sein. Auch Spenden sind möglich. Wer konkret die Murnauer Gruppe unterstützen will, sollte bitte die Gruppenummer 1613 angeben. In Deutschland gibt es rund 600 Gruppen.“

Zum Jubiläum haben Sie im Archiv gestöbert. Haben Sie da etwas Interessantes entdeckt?

Zieringer: „Ja, einen Artikel im Kreisboten von 1986. Es ist ein Interview mit Detlev Scheel, dem Gründer der Amnesty Gruppe in Murnau. Er spricht von den Mitgliedern und der Gründung der Gruppe 1984. Die Gruppe war zunächst sehr elitär. Scheel war deutscher Botschafter und die Treffen wurden anfangs in seinem Privathaus in Eglfing ausgerichtet. Danach merkte man, dass es eine öffentliche Angelegenheit ist und die Zusammenkünfte wurden ins Kultur- und Tagungszentrum verlegt. Seitdem finden dort monatliche Treffen statt.“

Was wünschen Sie sich für die Zukunft der Gruppe, aber auch für die politische Lage in der Welt?

Zieringer: „Für die Zukunft der Murnauer Gruppe wünsche ich mir, dass sie größer wird und mehr junge Leute mitmachen, so dass auch mehr Aktivitäten veranstaltet werden können. Für die politische Lage wünsche ich mir die Abschaffung der Todesstrafe und die Wahrung der Pressefreiheit. Auch ein Umdenken in den Regierungen muss passieren. Zivilcourage zeigen ist manchmal äußerst gefährlich. Das muss sich ändern.“

Vielen Dank für das Gespräch.

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