Mitten drin sein statt nur dabei – Teilhabe-Studie zeigt neue Wege für Menschen mit Behinderung auf

Äußerten sich zur Teilhabeplanung im Landkreis. V.li.: Diakon Siegfried Laugsch, Herzogsägmühle; Landrat Dr. Friedrich Zeller; Timo Wissel, Uni Siegen; Bezirkstagspräsident Josef Mederer und Behindertenbeauftragter Peter Pabst. Foto: Hofstetter

it einer Behinderung leben. Das heißt im Alltag Hindernisse überwinden und Niederlagen einstecken. „Barrieren existieren nicht nur in Form von Treppenstufen sondern auch in der Kommunikation.“ Dr. Jutta Weyland, von der Krankheit Multiple Sklerose in den Rollstuhl gezwungen, spricht aus Erfahrung. Neue Perspektiven für Menschen mit Behinderung zeigt jetzt ein Modellprojekt für den Landkreis auf, das sich an der UN-Konvention von 2009 über die Rechte von Menschen mit Behinderung orientiert.

Eineinhalb Jahre lang erforschte Timo Wissel vom ZPE (Zentrum für Planung und Evaluation Sozialer Dienste) an der Universität Siegen im Auftrag des Bezirks Oberbayern, wie Menschen mit Behinderung in der Region Weilheim-Schongau leben, welche Angebote und Hilfen es für sie gibt und wo sie an Grenzen stoßen (wir berichteten). Über die Ergebnisse dieser auf Initiative des Behindertenbeirates und in Kooperation mit dem Landkreis erstellten „Teilhabeplanung“ wurde kürzlich in der Stadthalle berichtet. Trotz guter Ansätze sind in fast allen Lebensbereichen Verbesserungen nötig, um Menschen mit Behinderung im Landkreis ein selbstbestimmtes Leben und gleiche Chancen zu ermöglichen. Dieses Fazit zog Prof. Dr. Albrecht Rohrmann von der Uni Siegen im Pressegespräch. Auch gelte es in der Bevölkerung reichlich vorhandene Vorurteile gegenüber Behinderten abzubauen. „Wir geben nun den Staffelstab an die Akteure weiter“, rief Rohrmann zur praktischen Umsetzung der Studie auf. Landrat Dr. Friedrich Zeller sieht den Landkreis mit seinen Einrichtungen in der Behindertenhilfe und den zahlreichen Selbsthilfegruppen gut aufgestellt. Um weitere Verbesserungen zu erreichen, müssten jetzt die Gemeinden sowie alle ehrenamtlich Tätigen mit ins Boot geholt werden. Für Bezirkstagspräsident Josef Mederer steht fest, dass die Arbeit vor Ort, also dort ansetzen muss, „wo das Leben stattfindet“: Auf der Straße, im Café, in der Schule und am Arbeitsplatz. Aus der Sicht von Peter Pabst, Behindertenbeauftragter für den Landkreis, sollen stationäre Bereiche weiter entwickelt werden: „Die Menschen brauchen Schutzräume.“ Neben der Integration Behinderter müsse aber ihre „soziale Inklusion“ auf den Weg gebracht werden. Denn laut UN-Konvention sollen Behinderte barrierefrei und gleichberechtigt an der Gesellschaft teilhaben. Das heißt zum Beispiel, dass Kinder mit Förderbedarf in Regelkindergarten und -schule willkommen sind. Behinderte Mitbürger, kritisierte Pabst, wüssten über bestehende Angebote nicht ausreichend Bescheid: „Wir haben Niederflurbusse und keiner weiß, wo sie überall halten.“ Wie Pabst sprach sich Diakon Siegfried Laugsch, Fachbereichsleiter in Herzogsägmühle, für „passgenaue, individuelle Hilfen“ aus. Die Betroffenen selbst könnten am besten artikulieren, was sie an Unterstützung brauchen. Über viele Barrieren im Alltag ärgert sich Dr. Weyland vom Behindertenbeirat und beklagt einen Mangel an geeignetem Wohnraum. „Es wird viel zu wenig barrierefrei gebaut“, kritisierte die Rollstuhlfahrerin und fordert: „Wir brauchen Gesetze mit Konsequenzen.“ Das ZPE empfiehlt: Um die Teilhabe Behinderter im Landkreis zu verbessern, gilt es Integrationsvereinbarungen zwischen Behindertenverbänden und Arbeitgebern anzustoßen. Behin- dertengerechte Wohnungen sollen gefördert, eine barrierefreie Infrastruktur aufgebaut werden. Statt Sonderfahrdiensten soll der reguläre Nahverkehr genutzt werden. Behinderte Kinder im Vorschulalter können eine integrative Tageseinrichtung im Landkreis besuchen, wobei auf einen wohnraumnahen Ausbau zu achten ist. Förderschulen können ihre Kompetenzen mobil in den Gemeinden anbieten. Der komplette ZPE-Bericht ist im Internet unter www.teilhabeplanung-wm. uni-siegen.de abrufbar.

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