AG zur Aufarbeitung der NS-Zeit

Murnau: Welf Probst verteidigt Abkapselung der Freien Wähler

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Bei der Arbeitsgruppe zur Aufarbeitung der NS-Zeit in Murnau gab es ein hitziges Thema.
  • VonAntonia Reindl
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Murnau – Mit Papier in der Hand tritt Welf Probst (FWG) in der jüngsten Marktgemeinderatssitzung an das Mikro. Was folgt ist eine Rede, bei der wohl nicht nur Bürgermeister Rolf Beuting schlucken muss. Probst verteidigt und begründet mit vielen, sicherlich nicht jedem gefallenden Worten den Entschluss der Freien Wähler im Marktgemeinderat, kein Mitglied für die Arbeitsgruppe zur historischen Aufarbeitung der NS-Zeit zu stellen.

Mit Missfallen und Unmut scheint Probst gerechnet zu haben. „Bei dem Thema kann man nur verlieren“, sagt er, als er am Mikro angekommen ist. Unmittelbar zu Beginn stellt er klar, dass „wir keine Verweigerer und nicht gegen die Aufarbeitung der Geschichte sind“. Probst erinnert sich an den letzten Arbeitskreis zurück, in dem ihm „der Umgang mit einigen Personen missfiel“. Der FWG-Vorsitzende verweist etwa auf Max Dingler, dem die Murnauer Ehrenbürgerwürde vor ein paar Jahren aberkannt wurde, um dann Brücken zu anderen Persönlichkeiten zu schlagen, die heute noch in positivem Licht zu finden sind, obwohl ihre Vergangenheit dunkle Flecken trägt. Probst erwähnt etwa Martin Luther und dessen „Judenhass“ oder den „Heimatbürger Seidl“, der „seiner Zeit sehr heimatverbunden war“, was nach heutigen Maßstäben als „rechts angesiedelt“ gedeutet werden könnte.

„Ihnen geht es nicht um die Geschichte Murnaus, sondern darum, Murnaus Geschichte reinzuwaschen“, kritisiert Probst das Vorgehen der Arbeitskreis-Mitglieder, in dem eine Person und ihr Handeln nicht in Verbindung mit der damaligen Zeit gesehen werden würden. Probst fragt sich da, wie man mit Geehrten künftig umgehen soll und ob man stets nachweisen müsste, dass „jemand immer lupenrein ist oder war“. Eine Möglichkeit wäre da, keine Ehrungen mehr zu vollziehen, dann würden Straßen künftig vielleicht nicht mehr nach Personen, sondern Pflanzen benannt werden, imaginiert Probst in provokant-zynischer Manier. In Biografien wühlen, „haben wir nichts Wichtigeres zu tun? Ich schon!“, schließt der Vorsitzende.

„Harter Tobak“, kommentiert Bürgermeister Beuting (ÖDP/Bürgerforum) die Rede und korrigiert Probst, wenn er sagt, dass „die Arbeit im Arbeitskreis relativ wenig mit dem zu tun hat, was Sie da hineininterpretieren“. Trotz des Tobaks bedauert der Rathauschef aber, Probst nicht an Bord zu haben, „schade, dass Sie nicht dabei sind, das meine ich ganz ehrlich“. Auch Michael Manlik (ÖDP/Bürgerforum) hätte Probst gerne in der Arbeitsgruppe gesehen, „bedauerlich, dass Sie sich weigern“, sagt er, immerhin verfüge Probst über gute Ortskenntnisse. Auch für Manlik scheinen Probsts Worte keine leichte Kost zu sein, „um auf Ihre Ausführungen zu antworten, bräuchte man eine ganze Gemeinderatssitzung“, sagt Manlik und betont: „Die Aufarbeitung, die ist sehr schmerzhaft“, um dann noch ein zweites „schmerzhaft“ nachzuschieben.

Dr. Elisabeth Tworek (Mehr Bewegen) versteht derweil Probsts Entschluss nicht so recht, schließlich „ist es noch gar nicht entschieden, wie wir die Biografien aufarbeiten“. Und Wolfgang Küpper (ÖDP/Bürgerforum) schließt sich seinen Vorrednern an und betont, dass es nicht die Aufgabe der Arbeitsgruppe sei, „die Geschichte reinzuwaschen, das kann sie nicht sein“. Auch fügt Küpper in Richtung Probst noch an: „Ich wäre an Ihrer Stelle nicht so beleidigt.“ Rudolf Utzschneider (CSU) zeigt derweil etwas Verständnis für den FWG-Vorsitzenden und erklärt, bei Probst zu sein, „dass auch aberkannte Ehrenbürger behandelt werden müssen“. Dem widerspricht auch Dr. Josef Raab nicht, wenn er sagt, dass man aus der Aufarbeitung lernen und erkennen könne, dass auch scheinbar anerkannte, normale Bürger verstrickt gewesen sein können. „Wir machen es in letzter Konsequenz für uns“, schließt Raab aus den zu erwartenden Ergebnissen der Auseinandersetzung mit der Vergangenheit. So sieht das auch Felix Burger (SPD). „Wir können nur gewinnen“, sagt er und betont, dass viele Ansätze in Probsts Rede gut seien. „Es wäre wichtig, so jemanden dabei zu haben“, meint Burger mit Blick auf Probst. Letzterer nimmt die Reaktionen auf seine Rede aufmerksam zur Kenntnis, jedoch wortlos hin. An seiner Entscheidung lässt sich allem Anschein nach nicht mehr rütteln.

Am Ende votiert das Gremium geschlossen für folgende Zusammensetzung der Arbeitsgruppe, die bereits in der jüngsten Hauptverwaltungsausschusssitzung abgestimmt wurde: Wolfgang Küpper (ÖDP/Bürgerforum), Dr. Elisabeth Tworek (Mehr Bewegen), Veronika Jones (Grüne), Dr. Michael Rapp (CSU) und Felix Burger (SPD).

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